Wissenschaft wird zur Utopie, die alle menschlichen Probleme lösen soll

Genetiker Sermonti und Philosoph Popper: Wissenschaft darf nicht zur Religion werden

Der große Genetiker Giuseppe Sermonti und der Philosoph Karl Popper waren sich einig in der Kritik an einer gewissen Tendenz der Wissenschaft, zu einer Art Religion zu werden, die sich als utopische Lösung aller Probleme aufspielen will.

Prof. Ettori Gotti Tedschi/Bild: Formiche
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Von Prof. Ettore Gotti Tedeschi*

Ettore Gotti Tedeschi (*1945) ist italienischer Bankmanager und Finanzethiker. Er arbeitete als Unternehmensberater in Paris, Mailand und London und lehrte als Professor für Finanzwirtschaft an mehreren Universitäten Italiens. Von 2009-2012 arbeitete er für die IOR – oder Vatikanbank – durch Benedikt XVI. eingesetzt, um Korruption entgegenzuwirken. Gotti Tedeschi gilt als Experte für Finanzethik und war Kolumnist der italienischen Zeitung Il Sole 24 Ore. Gotti Tedeschi ist verheiratet und hat fünf Kinder.

Wenn man mitansieht, wie mit der Corona-Pandemie und dem Thema Impfstoffe umgegangen wird, bekommt man den Eindruck, die WIsseschaftler wollten eine Art wissenschaftlichen Pragmatismus durchsetzen. Dieser Pragmatismus ist darauf ausgerichtet, die Wissenschaft nur in ihren praktischen Auswirkungen zu erklären und unterscheidet mit einer gewissen Arroganz zwischen denen, die sie akzeptieren, und denen, die das nicht tun. Diese Haltung ist eine Art neuer wissenschaftlicher Moralismus.

Der große Genetiker Giuseppe Sermonti hätte wahrscheinlich erklärt, dass all dies nicht Wissenschaft, sondern Szientismus ist; und dass dieser Szientismus die Wissenschaft selbst moralisieren möchte und sogar so weit geht, dass er festlegt, dass sich eine wissenschaftliche Realität dem religiösen Glauben aufdrängen sollte, und ihn sogar auffordert, sich anzupassen, um eine modernere Religion gemäß der Wissenschaft und ihren Entdeckungen zu werden.  Oscar Wilde hat diesbezüglich etwas sehr Provokantes geschrieben, indem er sagte, dass »Religionen sterben, wenn sie als wahr bewiesen werden«, denn auf diese Weise werden sie durch wissenschaftliche Kriterien zertifiziert... die dann die Regeln diktieren, damit sie nicht mit anderen Religionen kollidieren, den positivistischen und wissenschaftlichen, die behaupten, selbst Wissen, Weisheit und Quelle der Wahrheit zu sein.

Giuseppe Sermonti (1925-2018) war ein großer katholischer Wissenschaftler, der es verdient, heute wiederentdeckt zu werden. Er war ein großartiger Biologe und Genetiker, der dem Szientismus und Evolutionismus recht kritisch gegenüberstand und deshalb manchmal mit vielen akademischen Kreisen in Konflikt geriet. Seinerzeit sprach er einige Themen an, die die Medizin in Bezug auf Infektionskrankheiten betreffen und die auch heute noch aktuell sind und wieder aufgegriffen werden sollten (frei entnommen aus »Eine Wissenschaft ohne Seele«, Lindau 2008).

In Bezug auf bestimmte Haltungen der medizinischen Wissenschaft im Allgemeinen – da er ein Wissenschaftler und Biologe war –, äußerte er einige Ratlosigkeit. Er erklärte provokativ, dass die Wissenschaft ein beeindruckendes Ergebnis des brillanten menschlichen Geistes ist, aber die Tendenz weiter existiere, diejenigen, die keine Wissenschaftler sind, als »minderwertig« zu behandeln und ihnen Kompetenz anzuerkennen. Er erklärte, dass diese Wissenschaft sogar zu einer Religion werden kann, die behauptet, nur durch die Erklärung ihrer Vorteile zu missionieren, aber die Wahrheit ignoriert, aus der diese Vorteile generiert werden. Er entwickelte auch ein interessantes Argument über den natürlichen Zustand, von Infektionskrankheiten - dauerhaft oder nicht.

Unter Bezugnahme auf die Studien des großen britischen Epidemiologen Thomas McKeown (1912-1988) verdeutlichte er, dass der Trend der Sterblichkeit durch Infektionskrankheiten unabhängig von medizinischen Maßnahmen und Behandlungen war. Besonders in Bezug auf die Pocken zeigte er, dass, als die Impfung zur Pflicht gemacht wurde, die Krankheit fast verschwunden war, so dass die Impfung fast als ein halbreligiöses Ritual angesehen wurde, das aus Verehrung für die medizinische Wissenschaft durchgeführt wurde und nicht wegen des tatsächlichen Nutzens. Sicherlich waren die Pocken kein Corona und McKeown konnte sich nicht auf die Bedingungen beziehen, unter denen wir heute mit großem Engagement, Mut und Entschlossenheit versuchen, Corona zu heilen.

Sermonti war stets mit einigen Haltungen medizinischer Gesundheitsorganisationen nicht einverstanden, die sich auf die Behandlung von Infektionskrankheiten bezogen, wobei er die Tendenz hervorhob, vom Rückgang der Infektionskrankheiten zu profitieren, der auf einen natürlichen Prozess zurückzuführen sei, wobei er Anerkennung zuschrieb und Dankbarkeit einforderte, mit der impliziten »Drohung«, die Welt in das dunkle Zeitalter der Pest zurückbringen zu wollen, wenn seine Dienste abgelehnt würden. Déjà vu.

In Bezug auf die Pharmaindustrie erkannte er deren gerechte und zivile Notwendigkeit an, die Kranken zu heilen und ihre Leiden zu lindern, die aber manchmal die Dienstleistung fast zu einem Mittel des Konsums und einige Patienten zu unersättlichen Konsumenten von Medikamenten macht. Es sollte klar sein, dass Sermonti keineswegs ein skeptischer »Leugner« zu sein scheint, sondern ein echter katholischer Wissenschaftler, dem es vor allem um den Menschen geht.

Sermonti war auch ein »Philosoph« der medizinischen Wissenschaft, die er liebte und die er in ihrer ursprünglichen Mission schützen wollte, ohne ihr die moralische Autonomie zu lassen. Er war davon überzeugt, dass die Wissenschaft außergewöhnliche Eroberungen erzielte und unschätzbare Güter für den Menschen hervorgebracht hat, aber manchmal dadurch, dass sie ihn des Realitätssinns beraubt und einen neuen Sinn für das Reale schafft, den der Mensch nicht wahrnehmen und an dem er nicht teilhaben kann. Er sagte sogar, sie könne dem Menschen »seine Seele wegnehmen«. Und hier schließlich klärt Sermonti diesen geheimnisvollen Konflikt auf. Anstelle den Menschen zu erklären, dass die Wissenschaft mit »mit der Welt übereinstimmt und die Welt regelt«, versuche man, die Wissenschaft zu einem Szientismus zu machen, der die utopische Lösung für alle Probleme und Wünsche der menschlichen Kreatur ist.

Aber da der Szientismus heute aufgezwungen wird, ohne zu erklären, woher er kommt und was ihn hervorgebracht hat, wird er faktisch an die Stelle der Realität gesetzt und es wird so getan, als ob der Zugang zu dieser Realität denjenigen vorbehalten sei, die von den »Medien«, den Zeitungen und dem Fernsehen, autorisiert und eingeladen werden, sie zu erklären. Sie wird so zu einer Ideologie, die die menschliche Fähigkeit, die Realität wahrzunehmen, abtötet, Verwirrung stiftet und riskiert, das wesentliche Vertrauen zu verlieren, das die medizinische Wissenschaft haben muss, das sie verdient und das wir alle von ihr erwarten.

Ich möchte in diesem Zusammenhang den großen österreichischen Erkenntnistheoretiker und Philosophen Karl Popper (1902-1994) erwähnen, der im Dogmatismus des Szientismus die Voraussetzungen des Totalitarismus sah. Nach Popper gibt der Szientismus vor, nicht zu wissen, dass die Wissenschaft auch das Ergebnis menschlicher Erfindungsgabe ist, so dass Popper die so genannte wissenschaftliche Methode, durch die man ein objektives Kriterium zur Lösung eines Problems in der Medizin durchsetzen kann, für inkonsequent hielt. Popper sagte, dass, wenn eine Theorie als die einzig mögliche Lösung auferlegt wird, dies bedeutet, dass weder die Theorie noch das zu lösende Problem verstanden wurde. Er schrieb in »The non-existence of the scientific method« (1965), dass es keine Methode gibt, um die Wahrheit einer wissenschaftlichen Hypothese festzustellen, und dass es keine Methode gibt, um festzustellen, ob eine Hypothese wahrscheinlich wahr ist oder nicht.

Unser gegenwärtiges Problem ist der Szientismus, nicht die Wissenschaft, der gegenüber wir eine absolute und verdiente Dankbarkeit und Vertrauen haben und erklären. Es ist der Szientismus, der uns heute in der Corona-Zeit erschrecken sollte. Hoffen wir, dass nicht nur die wirklich große medizinische Wissenschaft, sondern auch die moralische Instanz dies erkennt.

*Der Beitrag von Prof. Ettore Gotti Tedeschi wurde ursprünglich in La Nuova Bussola Quotidiana veröffentlicht. Wir übersetzen und drucken den Kommentar mit freundlicher Genehmigung des Autors ab.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Joachim Datko

Sichere Wahrheit oder Pragmatismus?

Zitat: "Popper [...] Er schrieb in »The non-existence of the scientific method« (1965), dass es keine Methode gibt, um die Wahrheit einer wissenschaftlichen Hypothese festzustellen, und dass es keine Methode gibt, um festzustellen, ob eine Hypothese wahrscheinlich wahr ist oder nicht."

Wir benötigen bei der Bekämpfung der Pandemie keine sichere Wahrheit. Mir reichen bei der Entscheidung für die Impfung die normalen wissenschaftlichen Aussagen, ohne Anspruch auf sichere Wahrheiten. So haben wir durch die millionenfachen Impfungen die Erfahrung, dass die Todesraten nach unten gehen. Hier ein Beispiel aus Schottland:

"Jetzt gibt es eine erste Studie, die sich die Wirksamkeit nach der ersten Astrazeneca-Impfdosis angeschaut hat. [...] Das Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung war nach der Astrazeneca-Impfung um 94 Prozent niedriger, bei einer Impfung mit dem Stoff von Biontech/Pfizer waren es 85 Prozent."

Siehe: https://www.mdr.de/wissen/corona-impfung-astrazeneca-wirksamkeit100.html

Dann noch ein Blick auf das Verhältnis von schweren Nebenwirkungen der Impfungen, die sehr selten sind zu den Todesfällen durch Corona. Beim Impfstoff von AstraZeneca gibt es eine schwere Nebenwirkung auf 100.000 Impfungen. Die Todesrate von Corona im Zeitraum der bisherigen Pandemie ist in Deutschland ungefähr 1 zu 1000.

Etwas weiter gerechnet, kommt man in meiner Altersgruppe (60 bis 70) auf ein ungefähr 600-fach höheres Risiko ohne Impfung.

Siehe: https://www.merkur.de/welt/corona-sandra-ciesek-astrazeneca-thrombose-risiko-virologin-nebenwirkungen-90468317.html

Die Erkenntnisse der Wissenschaften sind bei der Bekämpfung der Pandemie äußerst wichtig, müssen aber nicht den Ansprüchen von Philosophen an die Richtigkeit (Wahrheit) genügen.

Gravatar: Croata

Also, die Wissenschaft ist schon zur Religion geworden - ich merke es bei jeder "March for science".....
Schauen Sie, wieviele verlorene Seelen in Metropolen überall weltweit marschieren......

Wie viele FFF Kinder in DE und AT nur noch für die Klima hüpfen.....

Bill Gates und Impfungen(?!?!?)
WTF - welche Wissenschaft?

Gottsei Dank, haben wir in Kroatien keine Grüne - dafür aber- hardcore Roten! Auf "March for science" schreien Sie besonders laut :
-Verbot der ReligionUnterricht an der Schulen!!!!
:( :( :(

Bedeutet - mit anderen Worten-....Wir sind eine Religion!

Entweder zerbricht diese verdam*EU - oder... brechen wir alle - Konservative, Liberale und Patrioten.
An der Tag wenn mein Kleines Land zu EU Mitglied geworden ist- habe ich geweint und mein Herz war zerbrochen.
Natürlich, habe ich bei der Volksabstimmung GEGEN Sklaverei gestimmt. So mein Mann auch.
Ich kenne persönlich - KEINEN der für EU Beitritt war!!! Schließlich, hatten wir schon eine SchuldenUnion vorher. YU.
Was ist leider bei der Volksabstimmung passiert?

"... Nahmen allerdings WENIGER als 50 Prozent an der Abstimmung teil..... " und davon stimmten 67% für die EU.
(ob noch dazu Dominion-weiß ich nicht)

Die Menschen sind einfach müde und faul - wählen zu gehen.

-----------------------------------
Stark ne?!
67 % von 45 % = 2/3 laut "medien".

Mathe, hatte ich in Schule. :D

Die Menschen sind faul und müde.
Grüne und Roten dagegen - hoch motiviert!

Wir müssen offensiver in die 2021.
Wahlkampf gehen,liebe AFD.
Und die Menschen für uns gewinnen.


Es ist sehr schwer ja, aber... jetzt oder nie!

Danke!

Gravatar: Hans von Atzigen

Wissenschaften wie Physik oder Naturwissenschaften, auch Biologie gehört zu den Exaktwissenschaften.
Religion und Philosophie usw. zu den sog.
Geisteswissenschaften.
Das zu verquiken und zu vermischen, kann denn doch
hoch Problematisch werden.
Religion beginnt an dem Punkt an dem der rationale Verstand an seine Grenze stöst.
Wenn wir etwas nicht oder noch nicht wissen oder
verstehen, heist das nocht lange NICHT das es rational erklärbar ist oder wird.
Aufgabe der Exaktwissenschaften ist die erweiterung
und verschiebung der Erkenntnis und Wissensgrenzen
in richtung Wissens und Erkenntnis Erweiterung.

Gravatar: Hajo

Das ist keine Utopie, daraus kann realer Ernst werden und die Marx`schen Lehren und Hitler´s "mein Krampf", waren auch jeweils dem Zeitgeist geschuldet und was daraus geworden ist haben wir ja gesehen und wer sich dafür interessiert hat mußte zwangsläufig zu anderen Erkenntnissen gelangen.

Hinzu kommt noch das Dogma, was sich in vielerlei Hinsicht zeigen kann, durchaus ebenso vernichtend, wenn oft in anderer Form, aber nicht weniger bedrohlich für den Betroffenen und manch einer mußte sogar mit seinem Leben bezahlen, was ja auch hinlänglich bekannt ist.

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