Interview mit Anton Chromík

»Wir brauchen Familien-Mainstreaming«

In der Slowakei kämpft die Allianz für die Familie für ein Verfassungsreferendum. Präsident Kiska versucht, es zu verhindern. Sprecher Anton Chromík klärt im Interview über die Hintergründe auf.

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FreieWelt.net: Was ist die Allianz für die Familie? Was macht sie?

Anton Chromík: Die Allianz für die Familie (Aliancia za rodinu) ist eine zivilgesellschaftliche Initiative von Organisationen und Einzelpersonen, die im Dezember 2013 zur Förderung der Werte der Ehe und der Familie gegründet wurde. Sie ist keiner Ideologie, Religion oder politischen Partei verpflichtet, sondern steht allen Organisationen, Individuen, Gruppen, Institutionen, Gemeinschaften und anderen bürgerlichen Gruppierungen offen, die der Gründungserklärung der Allianz zustimmen.

Die Allianz wird gegenwärtig von 109 Organisationen unterstützt, die sich sozialer Arbeit widmen, Kindern aus Waisenhäusern, Jugendlichen, alleinerziehenden Müttern, Behinderten, Bildungsaktivitäten und dem Schutz und der Förderung von Menschenrechten.

Die Organisationen, die sich in der Allianz zusammengeschlossen haben, vertreten mehr als 250.000 Bürger der Slowakei, von Schülern und Studenten bis zu Rentnern, Geschäftsleuten, Akademikern und anderen.

Ziel der Allianz für die Familie ist es, ihre Ideen zu verbreiten und Unterstützung von einem breiten Spektrum von Organisationen zu erhalten, die geleitet sind vom Ziel, eine breite zivilgesellschaftliche Bewegung für Ehe und Familie, für ihre Bedeutung und ihre Einzigartigkeit zu schaffen.

FreieWelt.net: Am 27. August sind dem Präsidenten über 400.000 Unterschriften übergeben worden, mit denen ein Verfassungsreferendum zur Unterstützung der Ehe befürwortet wird. Wie kam es zu der Kampagne?

Anton Chromík: Die Petition, die von 408.320 slowakischen Bürgern – ungefähr zehn Prozent aller Wähler – unterzeichnet worden ist, wurde am 27. August Präsident Kiska übergeben – nur viereinhalb Monate nach dem Start der Unterschriftensammlung. Das ist ein einzigartiger, wichtiger Erfolg in der zwanzig Jahre langen Geschichte der Verfassung der slowakischen Republik.

Dieses Referendum nimmt niemandem irgendwelche Rechte. Wir wollen, dass die Väter und Mütter in unserem Land frei sagen können, was sie denken, dass das Beste für ihre Kinder ist. Wir denken, dass die Familie an der Spitze unserer Wertehierarchie bleiben muss, ohne Anstriche. Eine große Zahl von internationalen Organisationen und Gerichtsentscheidungen lassen sich durch ideologische Wahrnehmungen von Familie beeinflussen, die unserer Meinung nach nicht naturgemäß sind. Niemand hat das Volk befragt, was es darüber denkt. Wir wollen, dass jeder die Möglichkeit erhält, seine Meinung zu sagen.

FreieWelt.net: Was ist mit diesen Unterschriften geschehen?

Anton Chromík: Andrej Kiska hat entschieden, die vier Fragen für das Referendum an das Verfassungsgericht der slowakischen Republik weiterzureichen, um sie auf ihre Zulässigkeit prüfen zu lassen.

FreieWelt.net: Wie bewerten Sie, dass Präsident Andrei Kiska das Verfassungsgericht gebeten hat, das Anliegen zu prüfen?

Anton Chromík: Es ist das erste Mal in der Geschichte der slowakischen Republik. In unserer Geschichte hatten wir sieben Referenden, und diese Petition für ein Referendum ist das erste in der Geschichte der slowakischen Republik, das nicht von einer politischen Partei organisiert wurde. Präsident Andrej Kiska nutzte seine Macht in einer Weise, die schlecht ist für das Volk, das unserer Verfassung zufolge die Quelle aller staatlichen Macht ist. Das ist jetzt zum ersten Mal passiert, und es ist eine unglaubliche Missachtung des Volkswillens.

Der Präsident vermutet, dass Grundrechte verletzt werden könnten. Aber was meint er? Eingetragene Partnerschaften für gleichgeschlechtliche Paare existieren in der slowakischen Republik nicht. Auch haben gleichgeschlechtliche Paare kein Recht, Kinder zu adoptieren. In der slowakischen Republik haben die Menschen das Recht zu sagen, was sie wollen, aber Präsident Kiska hörte nicht auf sie.

FreieWelt.net: In der Verfassung steht seit dem 1. September ein Zusatz, der unter Ehe eine Verbindung zwischen Mann und Frau festlegt. Wozu also der ganze Aufwand?

Anton Chromík:Wir haben vier Fragen unterbreitet. Die erste wurde im Grundsatz durch die Aufnahme des zuvor erwähnten Prinzips in unsere Verfassung beantwortet. Wir haben diese Änderung mit 200.000 Unterschriften unterstützt. Wir haben mit Mitgliedern des Parlaments gesprochen und unsere Ideen für die nächsten Schritt gemacht. Wir haben einen Vorschlag gemacht, wie man an die anderen drei wichtigen Fragen – Adoption von Kindern; besondere Rechte für die Ehe; das Recht von Eltern und Kindern, über die Teilnahme am Sexualkundeunterricht entscheiden zu können – herangehen kann. Wir waren allerdings nicht erfolgreich. Deshalb ist ein Referendum notwendig.

Wie aus einer repräsentativen Umfrage einer namhaften Agentur vom September 2014 ersichtlich ist, genießen wir die massive Unterstützung der Menschen. Den Ergebnissen zufolge stimmen 89,3 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass keine andere Form der Partnerschaft als die Verbindung eines Mannes und einer Frau Ehe geannt werden soll. Abgelehnt wurde diese Aussage von 10,7 Prozent.

Die Frage »Stimmen Sie zu, dass Paare oder Gruppen von Personen des selben Geschlechts nicht das Recht erhalten sollten, Kinder zu adoptieren und aufzuziehen?« wurde von 76,4 Prozent der Befragten zustimmend beantwortet. 20,6 Prozent aller Befragten verneinte.

»Stimmen Sie zu, dass keine andere Form der Partnerschaft als die Ehe einen besonderen Schutz genießen sollte, Rechte und Pflichten, die durch gegenwärtig gültige rechtliche Normen ausschließlich der Ehe vorbehalten sind?« 76,4 der Befragten antworteten mit Ja, 23,6 Prozent mit Nein.

Die letzte Frage, die wir für das Referendum zum Schutz der Familie eingereicht haben, nimmt das Recht von Eltern auf Erziehung ihrer Kinder in den Blick. Die Frage lautet: »Stimmen Sie zu, dass Schulen nicht die Teilnahme von Kindern am Unterricht verlangen dürfen, wenn es um Sexualverhalten oder Euthanasie geht, wenn die Eltern oder die Kinder selbst nicht mit dem Unterrichtsinhalt übereinstimmen?« 68,2 Prozent der Befragten stimmten zu, 31,8 Prozent nicht.

Wir sind uns sicher, dass die Ergebnisse des Referendums positive Auswirkungen auf die Familien haben werden. Aber wir bitten um Unterstützung für unsere Kampagne. Wir müssen 50 Prozent aller Wahlberechtigten zur Teilnahme mobilisieren, damit das Referendum rechtswirksam ist. Den Ergebnissen der Umfrage zufolge würden 45,5 Prozent der Befragten höchstwahrscheinlich teilnehmen, 28,5 Prozent zögern und 26 Prozent antworteten negativ. Wir brauchen deshalb eine ordentliche Kampagne, um die restlichen 5 Prozent der Wahlberechtigten davon zu überzeugen, ihre Stimme abzugeben. Gute Ideen sind willkommen.

Ein gültiges Referendum zu erreichen, ist nicht unser Hauptziel. Es ist nur ein Mittel. Unser Hauptziel ist es, die Ansichten von konkreten Menschen zu ändern. Wir möchten ihnen die Möglichkeit geben, sich zu entscheiden. Wir wollen mit ihnen reden und Argumente für unseren Standpunkt präsentieren. Wie man von anderen Ländern lernen kann, ist es kein vernünftiger und effektiver Umgang mit dieser Angelegenheit, einfach nur abzuwarten und auf Druck auf den Status quo zu reagieren.

FreieWelt.net: Inhaltlich geht es in Ihrem Antrag um die gleichgeschlechtliche Ehe und -adoption, um die Ehe, Sexualkunde und Euthanasie. Was ist die Klammer, die diese Themen miteinander verbindet?

Anton Chromík: Familie. Familie ist das Band, das alle Fragen zusammenhält. Wir kämpfen nicht gegen Homosexuelle! Wir bringen nur die Tatsache zum Ausdruck, dass die Ehe die beste Umgebung ist, um Kinder aufzuziehen. Die Ehe kann nicht von Kindern getrennt werden, von Mutterschaft und Vaterschaft. Die Ehe ist die Garantie dafür, dass jedes Kind eine Mutter und einen Vater hat. Nichts ist für ein Kind wichtiger als Mutter und Vater.

FreieWelt.net: Kritiker sagen, diese Themen würden die Grund- und Menschenrechte betreffen und deshalb nicht zum Gegenstand eines Referendums gemacht werden. Was antworten Sie ihnen?

Anton Chromík: Man heiratet nicht zum Spaß! Das Ziel der Ehe ist nicht egoistisch, sondern die Ehe ist dazu da, Leben weiterzugeben und für die beste Pflege und Erziehung der Kinder zu sorgen. Liebe ist nicht egoistisch. Der Grund, warum wir nicht die gleichgeschlechtliche Ehe akzeptieren, ist nicht Hass. Es geht nicht um Homosexuelle. Wir akzeptieren Homosexuelle als Menschen mit Würde und respektieren sie. Es gibt in ihrem Leben häufig harte Zeiten und Schmerz. Wir müssen ihnen helfen, indem wir mit der ganzen Community in einen Dialog treten. Wir sind nicht wertvoller als Homosexuelle.

Aber die Wahrheit ist, dass die Ehe einzigartig ist. Liebe kann ohne Wahrheit nicht existieren. Wir haben das Recht zu heiraten. Aber es gibt kein Recht, die Bedeutung der Ehe zu ändern. Wenn die Bedeutung der Ehe verlorengeht, geht auch die Liebe verloren, woraufhin auf lange Sicht die Kinder Schaden nehmen. Internationale Gerichte sagen sehr klar, dass es kein Menschenrecht auf Homo-Ehe und die Adoption von Kindern durch Homosexuelle gibt. Es gibt kein Recht auf Adoption, aber Kinder haben das Recht auf Mutter und Vater.

FreieWelt.net: Die Homo-Ehe ist in den letzten Jahren in vielen Ländern eingeführt worden. Warum sollte nicht auch das Zivilrecht der Slowakei modernisiert werden?

Anton Chromík: Wir glauben nicht, dass es sich um eine Modernisierung handelt. Wir glauben, dass in vielen europäischen Ländern Familienwerte verlorengehen. Die Beziehungen innerhalb von Familien werden als nicht so wichtig angesehen, was zu einem Anstieg von Suizid, Scheidungen und Kindern ohne Perspektive führt. Weil Liebe nicht Sex ist, muss Sex immer Ausdruck von Liebe sein. Wer lehrt heutzutage soetwas? Wer spricht in unseren Ländern davon, dass Kinder immer Mama und Papa brauchen? Dass wir uns für unsere Kinder opfern müssen? Wie viele Kinder in den reichsten Ländern der Welt sind die ärmsten, was die Liebe ihrer Eltern angeht? Angesichts der unglaublichen Tragödie, die Kinder erleiden müssen, ist man versucht zu sagen: Kinder brauchen nicht notwendigerweise Mutter und Vater! Aber damit belügen wir nur unser Gewissen. Am Ende sehen viele keinen Unterschied mehr zwischen diesen Familien und gleichgeschlechtlichen Paaren.

Es gibt aber einen großen Unterschied zu Scheidungen. Niemand will, dass sein/ihr Kind ohne Vater oder Mutter aufwächst, aber das passiert, und es ist jedes Mal eine Tragödie. Aber sogar nach einer Scheidung verliert das Kind nicht seine Eltern. Nur inschwulen Partnerschaften gibt es einen klaren, zynischen Plan, um Vater oder Mutter von der Gemeinschaft mit dem Kind auszuschließen. Wer denkt an die Bedürfnisse des Kindes? Es gibt nur Interessen von Erwachsenen! Die Büchse der Pandora ist geöffnet worden: Wir machen uns Kinder, wir missbrauchen arme Frauen in Indien für Leihmutterschaften und so weiter. Dagegen halten wir, und zwar immer wieder: Jedes Kind auf der Welt sollte Mutter und Vater haben.

FreieWelt.net: Wann wird Ihrer Einschätzung nach das Referendum abgehalten werden?

Anton Chromík: Ich hoffe, dass das Verfassungsgericht erklärt, dass das Volk in der Lage ist, über derartige Dinge zu entscheiden. Bei allem Respekt sehe ich niemand anderes mit ausreichender Legitimation als das Volk selbst, Aussagen über Familienwerte zu machen. Auch das Verfassungsgericht hat nicht das Recht, gegen den Willen des Volkes zu urteilen.

Es gibt Gutachten von vielen Verfassungsrechtlern und berühmten internationalen Experten wie denen von der Alliance Defending Freedom, die sagen, dass die eingereichten Fragen verfassungsgemäß sind. Für eine Entscheidung gibt es eine 60-Tagesfrist, aber unser Verfassungsgericht beschäftigt sich nicht ausreichend mit dem Fall, weil es ernsthafte Konflikte zwischen Präsident und Parlament gibt. Es ist schwer vorherzusehen, wann es zu einer Entscheidung kommen wird.

FreieWelt.net: Was werden Sie tun, wenn es abgelehnt wird?

Anton Chromík: We werden ohne Verzug eine Petition an das Parlament wichten. Entscheidungen von Gerichten gegen den Willen des Volkes und für eine Veränderung des Status quo sind nicht legitim. Die Elite muss dem Volk dienen, nicht einen kulturellen Umsturz herbeiführen. Wir werden unsere Politiker drängen, Politik zum Wohle der Familie zu machen. Mehr als Gender Mainstreaming benötigen wir Familiy Mainstreaming. Wenn die Leser von FreieWelt.net gute Ideen für eine Kampagne haben, wie man Familien helfen kann, oder wenn sie uns unterstützen wollen, würde mich das sehr freuen.

FreieWelt.net: Vielen Dank für das Interview.

Sie können das Interview auch im englischen Original lesen.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Hebel

Fehlt z. B. die männliche Gegengeschlechtlichkeit schon in den ersten Lebensmonaten des Kleinkindes, so kann zum Beispiel die frühe und für die Sprach- bzw. Kognitiventwicklung des Kleinkindes entscheidend wichtige Mutter-Kind-Dyade um das 4- 5. Lebensjahr durch den Vater nicht langsam umstrukturiert werden.
Da das Kleinkind sich schrittweise von der engen Mutterbindung lösen muss, benötigt es eine Anlehnung an den Vater. Neben diesem Halt ist der Vater später ein immer stärkeres Orientierungs- und Identifikationsobjekt und damit unverzichtbar.
[siehe Kapitel „Kinder – Die Gefährdung ihrer normalen (Gehirn-) Entwicklung durch Gender Mainstreaming“ im Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 4. erweiterte Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2014: ISBN 978-3-9814303-9-4]

Gravatar: Monika P.

"Weil Liebe nicht Sex ist, muss Sex immer Ausdruck von Liebe sein. Wer lehrt heutzutage soetwas? Wer spricht in unseren Ländern davon, dass Kinder immer Mama und Papa brauchen? Dass wir uns für unsere Kinder opfern müssen?"
"Die Elite muss dem Volk dienen, nicht einen kulturellen Umsturz herbeiführen."

Diese Aussagen haben mich sehr berührt, weil sie so wahr sind und (deshalb?) in der öffentlichen Debatte nicht vorkommen. Ich wünsche mir viel mehr Menschen in Politik und Gesellschaft, die den Mut zur Wahrheit haben und sie auf so einfache und klare Weise zum Ausdruck bringen können.

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