Dr. Samuel Gregg im Interview

»Länder brauchen nicht die EU für ihre wirtschaftliche Freiheit und Wohlstand«

Die Nationalstaaten werden wieder wichtiger. Aufgabe der katholischen Kirche sei dabei, die politische Debatte vor dem Untergang in einem sentimentalen Humanitarismus zu retten, findet Dr. Samuel Gregg.

Foto: Samuel Gregg
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Dr. Samuel Gregg ist Forschungsdirektor des „Acton Institute“. Er hat ausführlich über Fragen der politischen Ökonomie, der Wirtschaftsgeschichte, der Finanzethik und der Naturrechtstheorie geschrieben und gesprochen. Er hat an der University of Melbourne (Australien) einen Master in Politikphilosophie erworben und hat in Moralphilosophie und Volkswirtschaftslehre von der Universität Oxford promoviert. Seit dem Jahr 2000 veröffentlichte er über ein Duzend Bücher in mehreren Sprachen.

 

Freie Welt: Am 16. November haben sie in Rom einen Vortrag zum Thema: „Die Rückkehr des Nationalstaates“ gehalten. Ihre Analyse?

 

Dr. Samuel Gregg: Bis vor kurzem behaupteten viele – vor allem in Europa –, dass der Nationalstaat der Vergangenheit angehören würde. Nun, das ist eindeutig nicht wahr, aber ich bin nicht sicher, dass diese Tatsache in einigen Bereichen der Kirche gut verstanden wird, insbesondere in jenen, die besonders an übernationalen Institutionen interessiert zu sein scheinen oder glauben, dass Katholiken sich irgendwie für diese Organisationen einsetzen müssten. Mit dieser Sachlage, dachte ich, ein Seminar zum Thema wäre hilfreich.

 

Freie Welt: „Wirtschaftlicher Nationalismus“ ist im Kommen – ist dies ein positiver Trend? Erkennen sie die Gefahr darin, in die Nationalismen des 20. Jahrhunderts zurück zu fallen, die letztliche den 2. Weltkrieg auslösten (dessen Grauen vor allem den Deutschen vor Augen stehen)?

 

Dr. Samuel Gregg: Ich glaube, dass freie Märkte und freier Handel die besten Aussichten haben, um Armut zu reduzieren. Wenn wirtschaftlicher Nationalismus bedeutet, dass man gegen diese Dinge ist, dann sehe ich das als negativen Trend. Auf der anderen Seite, wenn wirtschaftlicher Nationalismus einfach bedeutet, dass Regierungen ihre Verantwortung für die Kontrolle ihrer Grenzen wieder auf sich nehmen, dann ist das etwas anderes und offenbar gut. Der Nationalismus in sich, ist nicht immer eine schlechte Sache. Viel hängt davon ab, was mit diesem Wort gemeint ist. Die Kirche hat die Liebe zum Vaterland – was oft als Patriotismus bezeichnet wird – lange als lobenswürdig bezeichnet. Ganz allgemein glaube ich nicht, dass der Nationalismus in den beiden Weltkriegen, wie sie sich manche vorstellen, eine bedeutende Rolle gespielt haben. Im Nationalsozialismus ging es zum Beispiel um Reich und Rassismus, von denen beide nichts mit Patriotismus zu tun haben. Ein weitaus größeres Problem für Deutschland und Europa ist, meiner Meinung nach, der Krypto-Pazifismus, der große Teile der politischen Kultur beherrscht. Dies spiegelt sich in dem ständigen Versagen der meisten europäischen Länder wieder, Ausgaben für ihre eigene Verteidigung auch wirklich auszugeben und drückt damit indirekt ihre Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten zu ihrer Verteidigung aus.

 

Freie Welt: Während Nationalstaaten – mit den USA allen voran – wieder im Kommen sind, scheinen übernationale Entitäten und Institutionen geschwächt und an den Rand getrieben zu werden – sie werden ignoriert. Erkennen sie wesentliche Auswirkungen dieses neuen Trends auf Wirtschaft und den sozialen Bereich?

 

Dr. Samuel Gregg: Übernationale Institutionen und Organisationen haben ihren Nutzen, aber sie können einfach nicht die gleiche Art von Loyalität und Verpflichtungen erzeugen, wie ein Nationalstaat es kann. Übernationale Organisationen sind schlechthin Mittel zum Zweck. Europa bestand schon vor der Europäischen Union, und Europa kann nicht auf die EU reduziert werden. Die Rückkehr der Nationalstaaten erinnert uns also an diese Wirklichkeit. Wirtschaftlich gesehen bedeutet das, dass Nationen Freihandelsabkommen nach Belieben und mit wem sie wünschen abschließen können, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was übernationale Institutionen darüber denken oder sagen. Für mich ist nicht sicher, dass der Zerfall der EU ernsthafte langfristige Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben würde. Es würde sicherlich kurzfristige Umbrüche geben, aber die Nationen brauchen die EU nicht, um den Weg der wirtschaftlichen Freiheit und des Wohlstandswachstums zu wählen.

 

Freie Welt: Katholiken befinden sich in einer unangenehmen Lage: Sie wollen einerseits in der öffentlichen Debatte weiterhin auf „Wohltätigkeit“, „Gerechtigkeit“ und „soziales Wohlergehen“ bestehen, stellen jedoch fest, dass (zumindest einige) europäische Länder dabei sind, aufgelöst und von Mächten und Politik in den Ruin getrieben werden, die dieselben Begriffe verwenden, um ihre eigene Agenda zu fördern, anstelle sich um das Gemeinwohl zu kümmern. Welche Empfehlung haben sie für einen Katholiken im heutigen politischen Klima?

 

Dr. Samuel Gregg: Das Wichtigste ist, sich daran zu erinnern, dass Katholiken im Glauben und in der Moral keine Verpflichtung haben, das Projekt der Europäischen Union zu unterstützen. Es ist ein Projekt, das nach seinen Verdiensten beurteilt werden sollte. Zweitens sollten sich Katholiken darauf konzentrieren, die Grundsätze der katholischen Soziallehre – Freiheit, Menschenwürde, Subsidiarität, Solidarität usw. – zu konzentrieren und so zu fördern, dass das menschliche gedeihen kann. Dies lässt eine Vielzahl von Schlussfolgerungen zu, einschließlich der Folgerung, dass es andere Wege gibt, diese Prinzipien voranzubringen, die nichts mit dem EU-Projekt zu tun haben und dieses Projekt sogar überschreiten können.

 

Freie Welt: Steve Bannon sagte einmal (2014): „Und wir befinden uns am Anfang eines sehr brutalen und blutigen Konflikts. Wenn die Leute in diesem Raum, die Leute in der Kirche, sich nicht zusammenschließen und wirklich das bilden, was ich für einen Aspekt der militanten Kirche halte – nicht nur zu seinen Überzeugungen zu stehen, sondern für seine Überzeugungen gegen eine neue Barbarei zu kämpfen – dann wird alles, was man in den letzten 2000 oder 2500 Jahren überliefert bekommen hat, restlos ausgerottet werden. …Diese Berufung hängt mit etwas zusammen, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen, ein sehr unangenehmes Thema. Wir stehen in einem offenen Krieg mit dem dschihadistischen islamischen Faschismus. Dieser Krieg hat – denke ich – viel mehr Metastasen, als Regierungen es sich eingestehen.“ Ihr Kommentar?

 

Dr. Samuel Gregg: Der islamistische Dschihadismus ist gewiss eine Bedrohung für den Westen, die viele innerhalb und außerhalb des politischen Establishments und sogar die Kirche nur ungern anerkennen. Dieselben Personen wollen auch nicht akzeptieren, dass der Dschihadismus eine starke theologische Dimension hat und dass die theologische Dimension sein Kernproblem darstellt. Zahlreiche wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Terrorismus eigentlich wenig mit Armut zu tun hat. Kurzfristig glaube ich, dass der wichtigste Schritt nach vorne die Abkehr von der politischen Korrektheit ist, die die Fähigkeit vieler westlicher Gesellschaften erstickt, das Dschihadismus-Problem auf nüchterne und vernünftige Weise zu diskutieren und anzugehen. Wir müssen erkennen, dass langfristig die westlichen Gesellschaften nicht in der Lage sein können (und nicht wollen), sich auf eine Weise zu verändern, die Islamisten und Dschihadisten sich vorstellen. Dies erfordert wiederum die Anerkennung dessen, was den Westen von anderen Gesellschaften unterscheidet, und einer dieser Unterschiede ist ihre christliche Geschichte und sein Erbe. Zuwanderer müssen verstehen, dass sie in Gesellschaften mit unterschiedlichen Geschichten einsteigen und dass sie als Migranten diese Geschichten respektieren und so schnell wie möglich sich in diese Gesellschaften eingliedern müssen, anstatt getrennte Existenzen leben zu wollen. Dies erfordert jedoch wiederum, dass westliche Nationen gescheiterte Projekte wie den Multikulturalismus ablehnen.

 

Freie Welt: Reagiert die Kirche Ihrer Meinung nach richtig auf die neuen politischen Trends und was möchten Sie in naher Zukunft in dieser Richtung sehen?

 

Dr. Samuel Gregg: Meine derzeitige Sorge ist, dass der Diskurs, der aus wichtigen Bereichen der Kirche kommt, vom Sentimentalismus durchtränkt ist, und von dem, was säkulare NGOs „predigen“ kaum zu unterscheiden ist. In dieser Welt wird die Kirche zu einer weiteren NGO reduziert, die die üblichen, oft bedeutungslosen und bisweilen langweiligen Dinge predigt, die so viele weltliche NGOs auch sagen. Eine Art, damit umzugehen, besteht darin, dass die Kirche ihre tiefe Würdigung des Naturrechts immer mehr verinnerlicht, das nichts anderes ist, als die Sprache und die Logik des gesunden Menschenverstands. Leider besetzen viele Menschen leitende Positionen in der Kirche – insbesondere diejenigen, die in den späten 1960er und 1970er Jahren im Seminar waren – die das Naturrecht entweder nicht verstehen oder nicht daran glauben. Das Naturrecht aber ist der Weg, den die Kirche einschlagen kann, um den gesunden Menschenverstand wieder in die öffentliche Diskussion zu bringen und sie würde dazu beitragen, die politische Diskussion aus dem Ozean des sentimentalen Humanitarismus zu retten, in der sie derzeit untergeht.

 

(jb)

 

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Karl Biehler

Die einzeln Länder wohl nicht. Aber die Großfinanz.

Gravatar: karlheinz gampe

Multikulturismus, Islamierung, Political Corretnes sind die Bestrebungen der Roten (CDU, SPD, Grüne) und diese sind Idioten ! Sie werden scheitern wie ihre rote Stasi Ikone, die rote CDU kriminelle Merkel nun gescheitert ist. Die Installation einer roten Ersatzikone, der Krampf Knarrenbauer wird den roten, den Idioten auch nicht weiter helfen.

Gravatar: karlheinz gampe

Deutschland und Europa sind nun im rotem CDU MERKEL CRASH !

Der kriminelle Bankster Ackermann hat die Deutsche Bank vor die Wand gefahren und rote CDU Stasi Merkel Deutschland !
https://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2018-12/45468527-deutsche-bank-aktie-unglaubliche-zahl-bringt-das-ganze-desaster-auf-den-punkt-124.htm

Die kriminelle rote CDU Lobbykanzlerin will nicht die Namen der Lobbyisten nennen. Eine schmierige rote CDU Kanzlerin ? Manus manum lavat diese römische Weisheit könnte auch die Devise der schmierigen roten Sharia CDU sein.
https://www.zeit.de/politik/ausland/2017-07/verwaltungsgericht-berlin-lobbyismus-angela-merkel-transparenz-urteil

Gravatar: Hans von Atzigen

Interessante Thesen die, die aktuelle Entwicklung und Entwicklungsrichtung, sehr gut Spiegeln.
Die letzten 3 Jahrzehnte wurden, zusammengefasst vom
Globalismus, mit allem drum und dran, Multikulti usw.
beherrscht. Das ist am Abklingen, die Welt ist auf Richtungssuche. Ein volles zurück, zumindest aktuell weder zu erwarten, noch umsetzbar.Trotzdem das läuft unaufhaltsam in diese Richtung, nicht so schnell wie sich das viele wünschen, jedoch unaufhaltsam.
Hier kommt das Naturrecht ins Spiel.In unsicheren und Zeiten in denen sich Struckturen auslösen, sucht der Mensch, die Gemeinschaft auf allen Stufen von Familie bis in die Grossgemeinschaft Staat.In den Gemeinschaften erhöht sich die Überlebenschance des Einzelindividuums. Logo Gemeinschafte mit einer von A-Z Homogenen Struktur haben bessere Voraussetzungen. Entscheidend sind Vertrauen Verlässlichkeit , Gemeinsinn. Was aus dem sich deutlich abzeichnenden Umbruch hervorgeht, bis auf weiteres offen, sicher ist lediglich auch das wird sich schlicht auch nicht jenseits einer natürlichen Bandbreite bewegen.
Das ganz grosse Ding ist der Übergang das wie und wie lange, sich das zeitlich erstreckt.
Und als Letztes da ist ein nicht so angenehmes Gefühl in der Bauchgegend, was bringt der Übergang.
Die Globalisierung mit seinem begleitenden Multikultiwahn, wird noch so einiges an Trümmern hinterlassen, die werden noch so einiges an Bauchschmerzen verursachen. Das Ausmass wird sich zeigen, das kann auch sehr geftig ausfallen.

Gravatar: Unmensch

Frauen sind gut, Männer sind schlecht. Das Fremde ist gut, das eigene ist schlecht. Helfen ist gut, Besitzen ist schlecht.
So sind die Werte. Und was sind die Folgen?
Frauen suchen sich fremde Männer, Männer reduzieren sich auf Diener fremder Herren, das Land wird aufgegeben.
Und die katholische Kirche?
Die hat keine nennenswerten Probleme, dabei mitzumachen. Im Gegenteil, katholische Helfer schreien "christilche Werte" um immer mehr Islam zu bekommen.
Die Hoffnung auf Erlösung kommt woanders her.

Gravatar: Andreas Schulz

Es ist die Spekulation mit der Wirtschaftsleistung.Weltweit wird täglich das 6,5 fache der tatsächlichen Wirtschaftsleistung umgesetzt.Mit ihr spekuliert.

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