Interview mit Alexander Filipović

»Kirche muss die guten Botschaften kommunizieren«

Orchestrieren sie Kampagnen? FreieWelt.net sprach mit dem Medienwissenschaftler Alexander Filipović über die Wahrnehmung der katholischen Kirche durch deutsche Journalisten.

Foto: Alexander Filipović / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 (Ausschnitt)
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FreieWelt.net: Warum wird in den Medien so oft über die Kirchen berichtet, obwohl doch eigentlich die Kirchenzugehörigkeit deutlich abnimmt?

Alexander Filipović: Die Kirche ist wegen ihrer Gestalt und ihrer Verfasstheit einfach ein Faszinosum. Ich glaube, dass die Faszination für das Religiöse, das Ritualisierte und das Liturgische immer noch groß ist. Die Farben, die Gerüche – das alles sieht ein bisschen nach Mittelalter aus. Damit fällt sie ein wenig aus der Zeit. Aber genau das wissen die Menschen auch zu schätzen: dass es eine Institution gibt, die sich widerständig gegen einen Zeitgeist stellt, die auch mal Nein sagt und das auch noch begründen kann.

FreieWelt.net: Aber das sind offensichtlich nicht die Journalisten, denn denen geht es ja meistens um Themen wie Zölibat, Sex und Abtreibung. Die Kirche kommt in der Berichterstattung meistens schlecht weg, oder?

Alexander Filipović: Wenn man die Zeitung aufschlägt, könnte man auf die Idee kommen, dass die Kirchen meistens schlecht wegkommt. Aber das stimmt nicht ganz. Die bloße Berichterstattung ist nicht im Wesentlichen negativ; es sind nur die negativen Aufreger, die wir in der Öffentlichkeit haben.

Was die Kirchen zu Globalisierung oder zu sozialer Gerechtigkeit sagen, wird in der Regel mit großer Neugierde aufgenommen. Dann kommen sie im Großen und Ganzen gut weg. Aber wenn es gute Nachrichten gibt, regt das keinen auf. Erst wenn es um die als fremd empfundenen moralischen Orientierungen im Hinblick auf Familie, Partnerschaft, Sexualität geht, regen sich die Journalisten auf und verschaffen diesen Themen eine Öffentlichkeit.

FreieWelt.net: Wie war das mit den letzten Ereignissen, die von den Medien skandalisiert worden sind: der Kölner Klinikfall, der Missbrauchsskandal, die Causa Tebartz-van Elst und sicherlich viele weitere. Gibt es hier ein Muster, nach dem die Themen in die Medien kommen und sich dort halten?

Alexander Filipović: Ja, es gibt ein Muster, aber dieses Muster ist nicht unbedingt kirchenspezifisch. Die Skandalisierung des Fehlverhaltens von prominenten Persönlichkeiten dreht manchmal durch, was man nicht nur an Tebartz-van Elst sehen kann, sondern beispielsweise auch an Wulff, Hoeneß und weiteren. Insbesondere bei Tebartz-van Elst war gut zu sehen, dass die allgemeine andere Nachrichtenlage eine Rolle spielt. Wenn in Rom ein Mann wie Bergoglio Papst wird und als Franziskus die Kirche neu ausrichtet, dann kann man das schön mit einem so genannten Protz-Bischof kontrastieren. Das ergibt eine gute Geschichte, die die Aufmerksamkeit der Leser und Zuschauer fesselt.

FreieWelt.net: Welche Rolle spielt dabei die Inszenierung durch die Medienmacher?

Alexander Filipović: Die Inszenierung spielt immer eine große Rolle, weil man damit die Sendungen oder die Zeitungen verkaufen kann. Nur das, was richtig saftig ist, wird gelesen und angeklickt. Dabei bleibt Wahrheit allerdings oft auf der Strecke. Vor kurzem erst wurde sogar die FAZ vom Deutschen Presserat gerügt, weil sie über den Gesundheitszustand von Tebartz-van Elst spekuliert hatte. Hier hatte die Inszenierung wieder eine Blüte getrieben, die nicht akzeptabel ist. Aber wenn man aufmerksam ist und kritisch dagegen hält, dann ist die Hoffnung noch nicht verloren.

FreieWelt.net: Die Kardinäle Müller und Meisner haben einmal von »Pogromstimmung« und ein anderes Mal von »Katholikenphobie« geredet. Ist hier die Wortwahl zu kritisieren oder die Kritik?

Alexander Filipović: Die falschen Worte haben sie in jedem Fall benutzt, vor allem wenn es um Pogromstimmung geht. Aber auch inhaltlich würde ich widersprechen. Ich kann eine gezielte Kampagne gegen Katholiken oder die katholische Kirche nicht erkennen. Die mediale Lage ist sehr viel komplexer, was auch mit dem Faszinierenden an der Kirche, das ich vorhin erwähnt habe, zu tun hat, dass sich die Kirche gegen den Zeitgeist stellt. Deswegen sind Kirchenthemen auch gute Themen, die immer Aufreger produzieren.

Was man sehen kann, ist, dass die Journalisten und die Öffentlichkeit sehr, sehr kritisch hinschauen. Das mag man aus der Innenperspektive der  Kirche nicht gut finden, aber es zeigt auch, und das hat der neue Vorsitzende der DBK gesagt, dass es eine Neugierde und ein Interesse gibt. Und wenn man das als Kirche produktiv aufnimmt und sich bemüht, die guten Nachrichten ankommen zu lassen – und der Kirche geht es ja tatsächlich um die gute Nachricht – dann kann man das ganz gut gestalten.

FreieWelt.net: Wenn ich da widersprechen darf: Im Fall Tebartz-van Elst schien es mir so, als hätten die Medien jedes Maß verloren. Sie haben ihn sogar bis an seinen Rückzugsort verfolgt, obwohl es dort rein gar nichts zu berichten gab.

Alexander Filipović: Sie widersprechen mir damit nicht. Natürlich existiert eine Überberichterstattung, was sich im Fall Tebartz-van Elst sehr schön zeigen lässt. Dass da »Deutschland sucht den ärmsten Bischof« gespielt wurde, ist natürlich zu kritisieren. So eine Mediengesellschaft will weder ich noch andere Leute nicht haben. Aber das Phänomen, das da stattfindet, das findet man an anderen Stellen auch und ist keine gezielte Kampagne.

FreieWelt.net: Sie sagen, dass die Kirche die Kritik positiv und produktiv aufnehmen soll. Was soll die Kirche denn vermitteln?

Alexander Filipović: Die Kirche hat in eine weithin säkulare Gesellschaft hinein eine spezifische Vorstellung von menschlicher Würde, von Geschöpflichkeit, von Personalität zu transportieren. Binnenkirchlich geht es natürlich auch um geistige und geistliche Themen neben den sozialen. Aber die Verantwortung der Kirchen für die Gesellschaft liegt darin, diese Idee von Menschlichkeit, die wir Christen mit unserer Gottesbeziehung verbinden, in die Gesellschaft hineinzutragen und sie dort wirksam werden zu lassen. Und das, glaube ich, tut die Kirche. Dass das für die Medien kein sexy Thema ist, ist klar. Sondern die Skandale sind weitaus attraktiver. Aber da muss man hartnäckig sein, das heißt die Skandale vermeiden und die guten Botschaften kommunizieren.

FreieWelt.net: Die Kirchen sind nicht nur Objekt von Berichterstattung, sondern sie mischen auch mit, indem sie Journalisten ausbilden. Aber wo sind denn die dezidiert katholischen oder evangelischen Journalisten geblieben?

Alexander Filipović: Warum sollten sich Journalisten, die eine spezifisch kirchliche Ausbildung gehabt haben, ständig bekennen? Das Selbstverständnis dieser Journalisten ist es, dass sie vor einem christlichen Horizont ihre Arbeit professionell tun. Und da gibt es sehr viele, von denen man das so sagen kann. Aber vielleicht haben Sie insofern Recht, als die Institutionen, die die katholischen Journalisten ausbilden, noch etwas mutiger und öffentlichkeitswirksamer werden können, schließlich leisten die hervorragende Arbeit.

FreieWelt.net: Vor kurzem hat die Deutsche Bischofskonferenz den Medienpreis verliehen, und eine Preisträgerin hat sich dafür bedankt, indem sie ihr Preisgeld an eine dezidiert kirchenfeindliche Organisation gestiftet hat. Ein unerhörtes Verhalten, wie ich finde, aber für die Preisträgerin schien ihr Verhalten völlig okay zu sein. Lässt dieses Verhalten Rückschlüsse auf das Milieu zu, in dem sie sich bewegt?

Alexander Filipović: Soweit ich das mitbekommen habe, war der Preis begründet, es ging ja um journalistische Qualität. Von daher kann ich die Strategie gut verstehen, keinen Aufreger daraus zu machen, sondern den Vorfall ins Leere laufen und sich nicht provozieren zu lassen. Aus kirchlicher Perspektive ist dieses Verhalten natürlich schlimm, weil das die Ideen der Kirche konterkariert. Aber auf der anderen Seite kann die Dame mit ihrem Preisgeld ja auch machen, was sie will. Ich stimme zu, das macht man nicht. Und die allermeisten Menschen würden dem zustimmen. Aber ich halte dieses Verhalten nicht für ein generelles Symptom.

FreieWelt.net: Vielen Dank für das Gespräch.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: H.von Bugenhagen

Na ist denn das...
Wo gibt es den heute noch gute Botschaften???Höchstens im Wetterbericht.

Gravatar: Pater Rolf Hermann Lingen

Die "Wahrnehmung der katholischen Kirche durch deutsche Journalisten" gibt es praktisch nicht. Stattdessen wird permanent das Gebilde von "Vatikanum 2" (V2) in den Blickpunkt gestellt. Der sog. "Sedisvakantismus" / engl. "sedevacantism" taucht noch nicht einmal als Begriff in den Nachrichten auf.
Pater Rolf Hermann Lingen, röm.-kath. Priester ("Sedisvakantist" - *nicht* "Vatikanum 2")

Gravatar: Helene Bergk

Trotz des Hinweises - siehe unten - keine Reaktion der katholisch klerikalen Redaktion von "Freie" Welt!!!! Deschner war der mit Abstand beste Aufklärer über die unzähligen Untaten der katholischen Kirche. Und Ihnen ist das keine Zeie wert. Da freut sich aber der Papst und Co.
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Hallo, Redaktion,
haben Sie übersehen, dass der bedeutende Kirchenkritiker - Karlheinz-Deschner gestorben ist? Darüber sollten Sie fairerweise berichten. Hier zwei Links mit Nachrufen.
http://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/ein-juwel-aufklaerung
http://hpd.de/node/18330

Gravatar: Hubertus Reger

Und hier folgt eine weitere der vielen (Un)Freie Welt Zensuren.
Dieser Beitrag hier, obwohl inhaltlich wahr, wurde NICHT veröffentlicht.
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Hubertus Reger
Die so genannten „christlichen“ Kirchen, insbesondere die katholische, sind schon immer Organisationen zur Machtanhäufung und Machtausübung gewesen. Man häufte unglaublich große Reichtümer an, stahl und stiehlt es insbesondere den Armen und baute ein gewaltiges Lügengebäude auf. Von Anbeginn. Schon die allerersten Christen haben sich blutigste Machtkämpfe geliefert, haben sich ermordet, abgeschlachtet, ausgeplündert, vertrieben, diffamiert... und alles "im Namen Jesus Christi". Darauf basiert die KK, die katholische Kirche. Selbst Luther rief zum Abschlachten der Bauern und Juden auf und war schlimmer, als vielfach bekannt. Der arme Jesus Christus. Dass Gott sich hier niemals entscheidend eingeschaltet hat, zeigt, dass er in der von den Kirchen gepredigten Form (barmherzig, alle Menschen liebend, gerecht, alles wissend, alles könnend....) NICHT existiert!

Gravatar: Joachim Datko

Die christlichen Kirchen sind Lügengebäude!

- Der abrahamitische Gott, die Gottesvorstellung der Juden, Christen und Mohammedaner ist eine Fata Morgana ohne realen Hintergrund, aber mit extrem aggressiven Aussagen, man denke z.B. an die mystische Geschichte : "Vernichtung von Sodom und Gomorrha".

- Der angeblich wundertätige Wanderprediger hat nicht existiert, die mystischen Geschichten um ihn sind nicht authentisch, sie sind Erfindungen.

Ich bin gerne bereit, ausführlich zu den irrationalen Vorstellungen des Christentums Stellung zu nehmen. Bei uns in Regensburg haben im Januar über 1,6 Promille der Mitglieder die beiden großen christlichen Kirchen verlassen.

Joachim Datko - Physiker, Philosoph
Forum für eine faire, soziale Marktwirtschaft
http://www.monopole.de

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