Freie-Welt-Interview mit den Chile-Experten René Fuchslocher

Chiles Bedeutung wächst: Wirtschaft, internationale Beziehungen und Tourismus

Chile bietet steht mit seinen natürlichen Ressourcen verstärkt im Fokus des internationalen Interesses. Die asiatisch-amerikanisch-pazifische Region gewinnt an wirtschaftlicher Bedeutung. Jetzt will Chile auch den Tourismus ankurbeln.

Foto: René Fuchslocher, Chile
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Freie Welt: Herr Fuchslocher, Die Financial Times hat kürzlich über ihre Abteilung fDi Markets veröffentlicht, dass Chile seine ausländischen Direktinvestitionen (FDI) im vergangenen Jahr deutlich erhöht hätte. Was ist daran wahr und auf welche Sektoren konzentrieren sich diese Investitionen?


René Fuchslocher: Die FDI sammelten Erfahrung mit einem Rückgang im Jahr 2014. Und die Situation wurde im Jahr 2016 trüber, als Chile auf den fünften Platz unter den beliebtesten Reisezielen für FDI in Lateinamerika fiel. Doch im Jahr 2018 kehrte Chile nach drei Jahren wieder zum Wachstum zurück und liegt jetzt an dritter Stelle bei den Kapitalinvestitionen in Lateinamerika und in der Karibik. Nur die Riesen Mexiko und Brasilien liegen weiter vorn.


Als Reaktion auf Chiles Leistung im Jahr 2018 sagte der Direktor von InvestChile (Agentur für ausländische Investitionsförderung in Chile), Christian Rodríguez Chiffelle, „die FDI ist nach dem Sturz, den wir in den letzten drei Jahren erlebt haben, wieder auf Kurs.“ Er fügte hinzu: „Das allgemeine Bild zeigt, dass sich unsere Fähigkeit, Investitionen anzuziehen, erholt hat ... Es gibt Vertrauen in die Zukunft unserer Wirtschaft und in das Management der Regierung.“ Eigentlich hängt es auch an einer Zunahme der Projektzahlen aus zuvor unterentwickelten Sektoren, in Verbindung mit einer konstanten Leistung der Schlüsselsektoren.


Die Sektoren Immobilien und erneuerbare Energien waren im Jahr 2018 die wichtigsten nach der Anzahl der Projekte, von denen mehr als 50% aus den USA, Spanien und Frankreich stammten. Während im Jahr 2003 die Metallbranche der Top-Sektor für Kapitalinvestitionen war und der Bereich Business Services die meisten Arbeitsplätze schaffte, wuchsen - den Daten von fDi Markets zufolge - im Jahr 2018  jedoch die Projektzahlen in den Sektoren Immobilien, Hotel und Tourismus und überwanden Software-, IT- und Business-Services.


Obwohl der Handelskrieg zwischen den Vereinigten Staaten und China in den ersten Monaten des Jahres 2019 zu einem Rückgang des Zustroms ausländischer Investitionen geführt hat, wird eine zyklische Erholung des globalen Wachstums und damit des Zustands der Schwellenländer eine rasche Verbesserung des Wachstums ermöglichen und die Rückkehr ausländischer Investitionen auf das bisherige Niveau begünstigen.


Freie Welt: Wir wissen, dass das Forum APEC-2019 bereits begonnen hat. Erklären Sie uns bitte, was APEC ist und welche Vorteile Chile als Gastgeber hat.


René Fuchslocher: Chile ist diesem Jahr Gastgeber der mehr als 200 Sitzungen des APEC 2019-Forums, zu denen Sitzungen der Arbeitsgruppen, Workshops, Ausschüsse von hochrangigen Vertretern (SOM), Ministern-, Akademikern- und Geschäftssitzungen gehören, die im November mit dem Gipfeltreffen beendet werden sollen. Das Asien-Pazifik-Forum für wirtschaftliche Zusammenarbeit (APEC) ist das wichtigste Forum zur Förderung von Wachstum, technischer und wirtschaftlicher Zusammenarbeit, Handelserleichterungen und -Liberalisierung sowie Investitionen in der Region Asien-Pazifik. Dieses wurde 1989 auf Geheiß Australiens und Japans gegründet, um die Gemeinschaft der asiatisch-pazifischen Region zu stärken.


Die Verwirklichung eines APEC-Jahres bietet die einzigartige Gelegenheit, allen Mitgliedern des Forums den kulturellen, sozialen und geografischen Reichtum des Gastlandes vorzustellen, da dies den Besuch von mehr als 15.000 Vertretern der Mitgliedsländer, Beobachtern, Geschäftsleuten und Journalisten mit sich bringt. Hinzu kommt die politische und wirtschaftliche Bedeutung der Ausrichtung eines Leaders-Gipfels, an dem Weltmächte wie China und die Vereinigten Staaten sowie Russland, Japan, Korea, Australien und Kanada teilnehmen. Dies bedeutet, dass die Augen aus der ganzen Welt auf Chile gerichtet sein werden und den Chilenen die einzigartige Gelegenheit bietet, zu zeigen, was sie zu bieten haben, einschließlich seines wirtschaftlichen, kulturellen und geografischen Reichtums.


Um diese Sichtbarkeit zu nutzen und den Tourismus anzukurbeln, werden APEC-Treffen in verschiedenen Städten stattfinden, z. B. in Antofagasta, La Serena, Coquimbo, Valparaíso, Viña del Mar, Santiago, Concepción und Puerto Varas. Im Jahr 2018 gewann Chile zum dritten Mal in Folge den World Travel Award als bestes Land für Abenteuertourismus in der Welt, was nur ein Beispiel des chilenischen Potenzials als Reiseziel ist.


Freie Welt: Was würden Sie diesen Besuchern empfehlen, von denen die meisten wahrscheinlich noch nie in Chile waren?


René Fuchslocher: Ich würde ihnen im allgemeinen empfehlen, das ganze Land bereisen, viele Fotos zu machen und die Landschaften, die Weine und die Menschen zu genießen, und dass sie weder Geld noch Platz für Flaschenwasser ausgeben: Die kanadische Reisewebsite Globehunters erstellte eine Karte der Länder, wo man Trinkwasser zuverlässig trinken kann. Und nur zwei Nationen in Lateinamerika erfüllen diese Bedingungen: Chile und Costa Rica.


Aber besonders würde ich innen empfehlen, die Región de Los Lagos (auf Deutsch „Seengebiet“) zu besuchen: die ist vor allem für seine spektakuläre Landschaft mit smaragdgrünen Hügeln, schneebedeckten Vulkanen, historischen Fischerdörfern, mit Milchvieh übersät Bauernhöfen, üppigen Wäldern, Nationalparks und vielen Seen. Die Gegend ist ein Paradies für Abenteurer, mit einem gemäßigten Klima wie in Irland oder Portland, Oregon. Sie ist ein beliebtes Reiseziel für Chilenen, aber im Ausland weniger bekannt als die Atacama-Wüste oder Patagonien.


Neben der wunderschönen Landschaft und den vielen Möglichkeiten, um die Natur zu genießen, hat die Region eine erstaunliche mystische Qualität, die sich für Chile besonders und ursprünglich anfühlt, da ihre vielfältige Geschichte eine einzigartige Mischung an Kultur bietet. Einst von verschiedenen Ureinwohnern bewohnt (hier wurden die ältesten archäologischen Stätten des amerikanischen Kontinents gefunden), wurde die Region in den 1540er Jahren von den Spaniern erobert. Später, in den 1850er Jahren, begannen tausende deutsche Siedler Wurzeln zu schlagen. Daher sind unter den Attraktionen der Region auch Hunderte von Holzkirchen, die von deutschen Jesuiten- und Franziskaner-Missionaren gebaut wurden, sowie die Häuser der ersten deutschen Einwanderer.

 

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»Wirtschaftsaussichten für Südamerika im Jahr 2019«

»Chile, ein Land mit großer Zukunft«

»Bürgerliche Wende: Chile hat die linke pro-Merkel-Regierung abgewählt«

 

 

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Ekkehardt Fritz Beyer

„Chile bietet steht mit seinen natürlichen Ressourcen verstärkt im Fokus des internationalen Interesses. Die asiatisch-amerikanisch-pazifische Region gewinnt an wirtschaftlicher Bedeutung. Jetzt will Chile auch den Tourismus ankurbeln.“ ...

Da dies längst auch von den US-Falken erkannt wurde https://www.zeit.de/2010/03/CSH-Kolumne,
ist der Donald auch m. E. nicht nur ein Segen für
Latein-Amerika sondern unsere gesamte Welt!!!
https://terminegegenmerkel.wordpress.com/2019/07/10/donald-mal-ganz-anders/

Gravatar: Thomas Waibel

Chile ist das Land Lateinamerikas mit den stabilsten Verhältnissen und der geringsten Kriminalität.

Während das Nachbarland, der ehemalige Vorzeigestaat Südamerikas, Argentinien, im Chaos untergeht.

Chile hat eben einen General Pinochet und Argentinien einen General Perón gehabt. Das ist der feine Unterschied zwischen beiden Ländern.

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