Ist Gender nachhaltig? Was die Geschichte der Kibbuzim wirklich zeigt

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Einführung

Die israelischen Kibbuzim gehören zu den bemerkenswertesten sozialen Experimenten des 20. Jahrhunderts. Sie verbanden wirtschaftliche Gleichheit, kollektive Fürsorge und eine neue Ordnung der Beziehungen zwischen Frauen und Männern. Ihre Entwicklung zeigt, wie stark Elternschaft, Bindung, persönliche Wahl und der Familienalltag in gesellschaftliche Projekte hineinwirken. Vor mehr als hundert Jahren versuchten die israelischen Kibbuzim, das Verhältnis zwischen Mann und Frau grundlegend zu verändern, die traditionelle Familie zu schwächen und die Betreuung der Kinder dem Kollektiv zu übertragen. Nach einigen Jahrzehnten kehrte die Familie jedoch in den Mittelpunkt des Lebens zurück.

Der Kibbuz als soziales Labor. Die israelischen Kibbuzim entstanden als Gemeinschaften mit Gemeineigentum, kollektiver Arbeit und einem ausgeprägten Gleichheitsideal. Der Anthropologe Melford E. Spiro beschrieb Veränderungen von Ehe, Familie, Kindererziehung und geschlechtlicher Arbeitsteilung und untersuchte dieselbe Gemeinschaft erneut nach fünfundzwanzig Jahren.

Die Familie sollte in das Kollektiv passen. Ein Teil des frühen Kibbuzmodells verlagerte Hausarbeit und Kinderbetreuung von der Familie in gemeinschaftliche Strukturen. Die Forschung zur späteren Rekonstitution der Familie im Kibbuz zeigt, wie stark sich das Verhältnis zwischen Kollektiv und Familie über die Jahrzehnte veränderte.

Kinder schliefen außerhalb des Elternhauses. In zahlreichen Kibbuzim lebten und schliefen Kinder zeitweise in Kinderhäusern. Die Studie von Ora Aviezer, Abraham Sagi und Marinus van IJzendoorn bezeichnete das gemeinschaftliche Schlafen von Kindern fern von ihren Eltern als außergewöhnliches soziales Experiment und verband seinen Rückgang mit den Bindungsbedürfnissen von Eltern und Kindern.

Bindung zeigte sich sehr konkret. Weitere Forschung verglich Kinder in Kibbuzim mit gemeinschaftlichen und familienbasierten Schlafarrangements. Frank Donnell und Ofra Mayseless untersuchten Unterschiede in der Mutter-Kind-Bindung. Für mich steckt darin eine einfache Erfahrung: Sicherheit entsteht in Beziehungen durch Nähe, Verlässlichkeit und Wiederholung.

Die Rückkehr nach Hause hatte messbare Folgen. Auch die Schlafforschung liefert einen praktischen Hinweis. Nach dem Wechsel vom gemeinschaftlichen zum familiären Schlaf verbesserte sich laut einer im Fachjournal Sleep veröffentlichten Studie die Schlafqualität der Kinder deutlich. Die Autoren brachten dies mit einem stärkeren Sicherheitsgefühl im familiären Umfeld in Verbindung.

Junge Frauen veränderten das System selbst. Spiros Langzeitbeobachtung ist auch deshalb interessant, weil Veränderungen aus der im Kibbuz geborenen Generation kamen. Er beschreibt die Rückkehr bestimmter traditionellerer Elemente von Familie und Rollenverteilung, an der Kibbuzfrauen der jüngeren Generation selbst beteiligt waren. Erziehung setzte einen Rahmen, erwachsene Lebensentscheidungen setzten einen weiteren.

Gleichheitsideal und Alltag entwickelten sich unterschiedlich. Das Kibbuzideal eröffnete Frauen wirtschaftliche Selbstständigkeit und berufliche Möglichkeiten. In der Praxis differenzierte sich die Arbeitsteilung. Lionel Tiger und Joseph Shepher analysierten Arbeits- und Sozialrollen von Zehntausenden Kibbuzbewohnern und dokumentierten die Spannung zwischen Gleichheitsideal und tatsächlicher Arbeitsteilung.

Die Familie gewann wieder Gewicht. Die Soziologen Eliezer Ben-Rafael und Sasha Weitman beschrieben den Prozess der Wiederherstellung familiärer Strukturen im Kibbuz. Für mich ist gerade das bemerkenswert: Eine Institution passte sich den Lebensentscheidungen ihrer Mitglieder an, weil Bindung, Privatheit und persönliche Verantwortung stärker wurden.

Was diese Geschichte tatsächlich aussagt. Die Kibbuzim waren ein Experiment mit kollektivem Leben, Familienordnung und sozialen Rollen von Frauen und Männern. Der heutige Begriff Gender Identity umfasst weitere Fragen, die dieses historische Modell direkt kaum erfasste. Die Fachliteratur zum Kibbuz belegt vor allem die Grenzen kollektivierter Kindererziehung und die Bedeutung von Bindung.

Körper, Rollen und Wahl gehören zu einem Leben. Gesellschaftliche Rollen können sich verändern, und Menschen besitzen einen großen Raum für eigene Entscheidungen. Die Kibbuzerfahrung erinnert zugleich daran, dass Elternschaft, Körperlichkeit und emotionale Beziehungen praktische Folgen haben. Die Bindungsforschung im Kibbuz macht diese Ebene besonders anschaulich.

Jede Theorie erreicht irgendwann die Familie. Darum frage ich bei gesellschaftlichen Veränderungen zuerst nach dem Familienalltag. Wie viel Raum haben Eltern? Welche Rolle erhalten Institutionen? Wie lernt ein Kind Vertrauen, Verantwortung und Identität? Die Geschichte der Kibbuzim zeigt, wie familiäre Strukturen selbst innerhalb eines starken kollektiven Projekts wieder an Bedeutung gewinnen.

Gleichberechtigung schafft Raum für Fähigkeiten und Familie. Die Kibbuzerfahrung lässt sich auch als Erinnerung an Würde und persönliche Wahl lesen. Eine Frau kann studieren, arbeiten, führen und zugleich Mutterschaft hoch gewichten. Ein Mann kann berufliche Verantwortung tragen und seine Vaterschaft aktiv leben. Spiros Langzeitstudie dokumentiert die Spannung zwischen Ideologie, Institutionen und tatsächlichen Lebenspräferenzen.

Diese Erfahrung verdient Aufmerksamkeit. Die Kibbuzim überlebten durch ihre Fähigkeit, Regeln zu verändern. Darin liegt für mich ein wertvolles Erbe. Gesellschaften können neue Modelle erproben, und die Erfahrung der Menschen zeigt anschließend, was Anpassung braucht. Wenn Forschung ein höheres Sicherheitsgefühl von Kindern im familiären Schlafumfeld beschreibt, verdient diese Erfahrung Aufmerksamkeit. Familie entsteht jeden Tag neu durch Fürsorge, Nähe und Verantwortung.

Quellen:

Aviezer, Ora; Sagi, Abraham; van IJzendoorn, Marinus H. – Balancing the Family and the Collective in Raising Children: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12395568/

University of Haifa – Balancing the family and the collective in raising children: https://cris.haifa.ac.il/en/publications/balancing-the-family-and-the-collective-in-raising-children-why-c/

Donnell, Frank; Mayseless, Ofra – Sleeping Out of Home in a Kibbutz Communal Arrangement: https://academic.oup.com/chidev/article/65/4/992/8293317

Epstein et al. – Changing from communal to familial sleep arrangement in the Kibbutz: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/9381054/

Melford E. Spiro – Gender and Culture: Kibbutz Women Revisited: https://books.google.com/books/about/Gender_and_Culture.html?id=Yy0rDwAAQBAJ

Lionel Tiger; Joseph Shepher – Women in the Kibbutz: https://books.google.com/books/about/Women_in_the_Kibbutz.html?id=NywIAAAAIAAJ

Ben-Rafael, Eliezer; Weitman, Sasha – The Reconstitution of the Family in the Kibbutz: https://www.cambridge.org/core/journals/european-journal-of-sociology-archives-europeennes-de-sociologie/article/abs/reconstitution-of-the-family-in-the-kibbutz/FC184237D9BD2F954C2CB078728F5383

Sven von Storch

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