„Wie kurieren wir die Kirche“ – Wirklich?

Vor einiger Zeit bin ich durch eine Veranstaltung auf eine Buchveröffentlichung aufmerksam geworden, von der ich direkt geahnt habe, dass es keine leichte Lektüre werden würde. Dabei geht es nicht um die Komplexität der Ausführungen sondern darum, dass man sich durch manche Texte kämpfen muss, um sich durch die Teile durchzuarbeiten, die der eigenen Einstellung ganz fundamental widersprechen.

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Und trotzdem bin ich der Ansicht, dass man sich auch mit den Dingen beschäftigen muss, die einem eher fern liegen, solange man den Eindruck hat, die dahinterstehende Zielsetzung wäre schon gut. So ist der Titel des hier besprochenen Buches „Wie kurieren wir die Kirche? – Katholisch sein im 21. Jahrhundert“ des Journalisten Joachim Frank schon ein Hinweis darauf, dass ich hier jemand Mühe gemacht hat, Lösungen für die Probleme zu finden, die er in der Kirche – es geht im Buch nur um die katholische – zu sehen scheint. Daher möchte ich auch mit einem Zitat vom Ende des Buches beginnen, in dem es heißt:

Der Theologe Gotthard Fuchs sagt: An Gott glauben wir „mittels, dank und trotz der Kirche“. In dieser Reihenfolge. Wenn dieses Buch die Gewichte ein wenig vom „trotz“ zum „dank“ der Kirche zu verlagern hilft, hat es seinen Zweck mehr als erfüllt.

Als Katholik, der dank und mittels der Kirche, des Papstes (damals Papst Benedikt XVI.), des Lehramtes und allem, was die Kirche ausmacht wieder zum Glauben gefunden hat, schmerzt mich diese Diagnose sehr. Dennoch verstehe ich, dass viele in dem, was die Kirche heute ausmacht, wie die Kirche in der Gesellschaft wahrgenommen wird, eher ein Hindernis für ihr Glaubensleben sehen. Das Problem nur: Das wird dieses Buch ganz sicher nicht geändert haben!

Erschienen ist das Buch im DuMont-Verlag – Kritiker der undifferenzierten Kirchenkritik werden durchatmen, das ist der Verlag, in dem auch der Kölner Stadt-Anzeiger erscheint. Alfred Neven DuMont fungiert auch als Herausgeber und lässt es sich nicht nehmen, im Vorwort direkt Papst Franziskus gegen Papst Benedikt auszuspielen, den einen als Papst des „Aufbruchs“ den anderen als Papst der „Beharrung“ zu titulieren. Und wo die Probleme liegen, auch darin sieht DuMont sich ganz auf der Linie des Mainstreams, den er in seinen fünf Seiten in aller Kürze wiedergibt: Zölibat, Sexuallehre, Rolle der Frau, Frauenpriestertum. Alle ollen Kamellen liegen wieder auf dem Tisch, und die Interviews, die der Autor des Buches mit vielen offiziellen wie eher inoffiziellen Vertretern der katholischen Kirchen geführt hat, scheinen deren Brisanz zu belegen.

Bischof Overbeck aus Essen steht dort in einer Linie mit dem Reformtheologen Eberhard Schockenhoff, dem Süddeutsche-Zeitung Chefredakteur Heribert Prantl, der ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden und Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum 2017, Margot Käßmann, und last but not least Annette Schavan, ehemalige Bildungsministerin und langjährige Vizepräsidentin des Zentralrats der Deutschen Katholiken und des Katholischen Deutschen Frauenbundes. Wer jetzt wieder schmerzhaft aufatmet, den kann ich aber beruhigen – oder muss ihn in seiner Erwartungshaltung enttäuschen. Viele der Beiträge strotzen nur von gängiger Kirchenkritik, bei manchen der Gesprächsparter musste Joachim Frank aber schon ein bisschen bohren, um Kritik aus ihnen heraus zu kitzeln.

Und so verbergen sich in dem Buch aus wunderbare Beweise dessen, um was es der Kirche, auch der Kirche der Armen, wirklich geht, und wie wenig die immer wieder aufs Podest gehobenen angeblichen Hauptprobleme eigentlich eine Rolle spielen. So führt der Titel des Abschnitts eines Gesprächs mit Schwester Raphaele Händler „Mir ist das Gewese um das Kondom nicht geheuer“ in die Irre. Die Missionsbenediktinerin und Ärztin, die in der AIDS-Bekämpfung in Afrika tätig war, stellt hier mitnichten die Einstellung der Kirche zum Thema Kondom in Frage, rückt diese Problematik nur in das rechte Licht einer Gesellschaft in Afrika, die dem Papst eigentlich kaum Gehör schenkt und für die der Katechismus keine Glaubensgrundsätze liefert. Eine Goldgrube ist auch das direkt darauf folgende Interview mit Schwester Mary Laurence Kappen, Direktorin eines Krankenhauses im Norden Indiens und Mitglied der Sacres Heart Sisters, die Franken ebenfalls lange bitten muss, bis sie mit einer überschaubaren Kritik an der Kirchenpolitik raus rückt, die aber ansonsten ein schönes Zeugnis ihres Glaubens gibt.

Um aber auch allen anderen Interviewpartnern nicht unrecht zu tun: Erstens sind auch hier oft einfühlsame Glaubensbekenntnisse enthalten! Darüber hinaus argumentieren viele aus ihrem persönlichen Kirchen- und Gottesverständnis heraus, sehen sinkende Kirchenmitgliedszahlen, scheinbaren oder wirklichen Priestermangel, sehen Skandale, die die Kirche in ein schlechtes Licht rücken – und begeben sich auf die Suche nach Lösungen. Ich habe oben schon Heribert Prantl genannt, von dem ich nicht gedacht hätte, dass das Interview mit ihm mir seine Sicht der Dinge zumindest nachvollziehbar macht, wenn ich sie auch immer noch nicht teile.

Für einen „papsttreuen“ Katholiken ist das Buch daher trotz aller „Nickeligkeiten“ gegen Papst Benedikt oder gegen die Lehre der Kirche durchaus ein kleiner Schlüssel zum Verständnis, warum so viele Menschen heute tatsächlich eher „trotz“ der Kirche an Gott glauben und wie sie auf die Problemanalysen und Therapievorschläge kommen, die mir selbst einigermaßen fremd sind. Und das betrifft nicht nur die Interviewpartner, es betrifft auch Autor und Herausgeber des Buches, denen man sicher ihre Sorge um die Kirchen nicht absprechen kann. Diejenigen Leser, die der kirchlichen Lehre gegenüber aber ohnehin kritisch eingestellt sind, sie werden in ihrem „Glauben trotz Kirche“ bei all der geballten Kritik wohl eher bestärkt und bauen womöglich auf das Bild eines neuen Papstes Franziskus, das ich in dieser Form in der Realität nicht erkennen kann.

Eine Buchempfehlung also für diejenigen, die sich mit Kirchenkritik auseinandersetzen wollen, die verstehen wollen, wie Reformtheologen, mediale Kirchenkritiker und progressive Bischöfe ticken - und dich auch offen sind für berechtigte Kritiken an der weltlichen Institution Kirche. Ausgewiesenen Kirchenkritikern würde ich statt dieses Buches dagegen lieber Papst Benedikts bzw. Peter Seewalds Interviewbuch „Licht der Welt“ auf dem Nachttisch wünschen. Vielleicht kommt man sich dann doch noch mal irgendwann näher?

Joachim Franks „Wie kurieren wir die Kirche? Katholisch sein im 21. Jahrhundert“ ist im Oktober 2012 im DuMont-Buchverlag erschienen und zwischenzeitlich auch als Taschenbuch und E-Book erhältlich:

Wie kurieren wir die Kirche

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Johanna Greber

In Vorahnung seiner ihm nachfolgenden Lehrverfälschungen und der daraus zwangsläufig folgenden “ Kriminalgeschichte des Christentums “, siehe Karlheinz Deschner, hatte – Jesus Christus – sich bereits vor ca. 2000 Jahren von eben diesen seinen romanisierten Namen getrennt und distanziert!!!
Und zwar mit einem Hinweis auf seinen “… eigenen Namen, den – neuen -!“ Den er einem jeden zur Kenntnis zu geben versprach, der an seiner “ Lehre mit aller Standfestigkeit festhält!“ So zu lesen in der sogenannten Johannes Offenbarung, Kap. 3.10-12. Allerdings nur noch in älteren Bibelausgaben. Aussage und Gehalt dieser seiner Namenstrennung ist ja in Konsequenz, dass wer seit 2000 Jahren noch – Jesus Christus – sagte, seine Lehre nicht hatte!!! Insgesamt das ganze Christentum und seine Kirchen nicht!!!
So gesehen, erweist sich das Christentum mit allen seinen wunderbaren Lügengeschichten als eine Erfindung derer, die von der Lehre des nun namentlich Unbekannten abfielen, um ihr Leben zu retten!!! Die seine Lehre deshalb verfälschen mussten, um sie mit “ Staat und Steuern “ einvernehmlich möglich erklären und mit Wundererzählungen glaubhaft machen zu können!!! Was eben und gerade durch die noch aktuelle Verbrechensgeschichte von Staat und Kirche noch immer widerlegt wird.

Gravatar: Waldgänger aus Schwaben

Wie die Kirche kurieren?

Durch eine stärkere Trennung von Kirche und diesem Staat, dazu gehört auch die Abschaffung oder eine andere Form der Kirchensteuer, wie sie Papst Benedikt schon 2009 vorschlug:


http://www.kath.net/news/22566

Auszüge

Ratzinger: Die Frage, wie das richtige Verhältnis zwischen Kirche und Staat beschaffen sein muß, muß natürlich immer neu gestellt werden. Solange es einen gesellschaftlichen Konsens darüber gibt, daß die Grundwerte des Christentums auch Vorgabe für die Gesetzgebung sind, kann eine relativ nahe Verflechtung von Staat, Gesellschaft und Kirche durchgehalten werden, gibt Sinn und steht der Freiheit der Religion nicht entgegen. Aber wenn da keine Überzeugungen mehr dahinterstehen, kann natürlich eine zu starke institutionelle Verflechtung zur Gefahr werden.

Deswegen bin ich nicht grundsätzlich dagegen, daß man in entsprechenden Situationen auch zu stärkeren Trennungsmodellen schreitet. Es hat insgesamt der Kirche eher gutgetan, daß sie sich nach dem Ersten Weltkrieg aus den staatskirchlichen Systemen lösen mußte. Die zu starken Verbindungen sind ihr immer schlecht bekommen. Insofern, denke ich, müssen die Bischöfe in Deutschland ganz realistisch überlegen, welche Formen der Verbindung von Staat und Kirche wirklich von innen her durch Überzeugungen gedeckt und dadurch fruchtbar sind, und wo wir nur Positionen aufrechterhalten, auf die wir eigentlich kein Recht mehr haben. Eine solche Bestandsaufnahme ist sicher angebracht und nötig.

...

Die anderen Dinge, wie etwa die Frage der Kirchensteuer, das sind alles Fragen, die man sorgsam und bedachtsam überlegen muß.

Seewald: Eine brisante Frage; wie könnte die Antwort aussehen?

Ratzinger: Das wage ich nicht zu beurteilen. Im großen ganzen wird, wie mir scheint, das deutsche Kirchensteuersystem heute noch von einem ziemlich breiten Konsens getragen, weil man die Sozialleistung der Kirchen anerkennt. Vielleicht könnte in Zukunft einmal der Weg in die Richtung des italienischen Systems gehen, das zum einen einen viel niedrigeren Hebesatz hat, zum anderen aber - das scheint mir wichtig - die Freiwilligkeit festhält. In Italien muß zwar jeder einen bestimmten Satz seines Einkommens - o,8 %, glaube ich - einem kulturellen bzw. wohltätigen Zweck zuführen, worunter die katholische Kirche figuriert. Aber er kann den Adressaten frei wählen. Faktisch wählt die ganz große Mehrheit die katholische Kirche, aber die Wahl ist freiwillig.

Gravatar: Crono

@Datko sagt:
... Kirchen nicht therapierbar! ..
~~~~~~~~~
Sie auch nicht! !

Gravatar: Joachim Datko

Kirchen nicht therapierbar!

Zitat: "[...] warum so viele Menschen heute tatsächlich eher „trotz“ der Kirche an Gott glauben und wie sie auf die Problemanalysen und Therapievorschläge kommen, die mir selbst einigermaßen fremd sind."

Das Entscheidende ist, dass es keine Götter gibt, damit sind die Kirchen ohne Fundament!

Es werden immer weniger Menschen bereit sein, sich Sonntag für Sonntag dieselben anachronistischen Geschichten in oft muffigen Kirchen mit Pathos erzählen zu lassen.

Von den ev. Christen gingen 2012 nur noch 3,5% am Sonntag in die Kirche, schade um die Kirchensteuer der anderen.

Gravatar: MicroHirn

Es ist schade, dass gute und nützliche Gedanken der Autoren keine Resonanz finden weil die 'Datkokolei' immer in den Vordergrund der Diskussionen gerät. So haben die Störmanöver leider Erfolg und stellen eine Ablenkung dar. Da redaktionell keine Reaktionen erfolgen, bleibt nur eines, nämlich dieses Pseudoangebot einer Stellungnahme sowie die verbiesterten zwangshaften Sprüche zu ignorieren.

@Herr Datko,
unterlassen Sie doch einfach Ihre maßlosen und kindischen Anfeindungen. Sie sind doch ein erwachsener Mensch und sollten die Möglichkeit haben Ihr störendes Verhalten zu korrigieren.
Sie müssen doch längst bemerkt haben, dass Ihre Mssion das genaue Gegenteil bewirkt und ihre Kommentare nur noch als lästig empfunden werden. Als Alternative könnten Sie ja wirklich ein Gespräch führen und nicht nur vorformulierte Sprüche ablassen und Ihr Unverständnis deutlich machen. Das wäre doch mal was anderes als hier ständig rumzuplärren wie ein Kind, dem man den Schnuller weggenommen hat.

Gravatar: Peter Schaefer

Werter Herr Datko,

es interessant Ihre Antwort zu lesen und zu sehen, wie Sie den Bogen von einem T-Shirt mit einem flotten Spruch zum heiligen Rock von Trier spannen, um dann wiedermal anzubieten ausführlich Stellung zu nehmen.
Ich würde gerne verstehen, was da bei Ihnen vorgeht?
Sie leiden ja merklich an Kirche und scheinbar auch daran, daß Sie gerne ausführlich Stellung nehmen wollen, dies aber scheinbar keiner von Ihnen einfordert.
Worauf warten Sie mit Ihren ausführlichen Stellungnahmen?

Gravatar: Joachim Datko

Religiöse Verblendung kann zu allerlei Unsinn führen!

Zitat: "Hier habe ich das richtige Hemd [...]"

Siehe: http://www.sonntagsblatt-bayern.de/news/aktuell/2012_04_07_01.htm

"Der »Heilig-Rock« ruft
EKD-Chef ermutigt zu Wallfahrt-Teilnahme"

In der heutigen Zeit kann man sich über so viel Gedankenlosigkeit nur wundern.

Schon Luther hatte harte Worte für so etwas, obgleich er auch Opfer der christlichen Religion war:
"»Bescheyßerei zu Trier« hatte Luther die Wallfahrt noch genannt."

Kirchensteuermitglieder können austreten, wenn ihnen bewusst wird, dass es »Bescheyßerei« ist.

Ich bin gerne bereit, zur »Bescheyßerei« durch die Kirchensteuerkirchen ausführlich Stellung zu nehmen. Den angeblich wundertätigen Wanderprediger hat es nicht gegeben.

Gravatar: Joachim Datko

Vorab: Es gibt keinen Gott, es gibt keine Götter!

Zitat: "Der Theologe Gotthard Fuchs sagt: An Gott glauben wir „mittels, dank und trotz der Kirche“. In dieser Reihenfolge."

Heutzutage spielt die Religion in modernen Gesellschaften, wie bei uns, kaum noch eine Rolle. Es gehen nur wenige Menschen regelmäßig am Sonntag in die Kirche. Kirchenschließungen sind an der Tagesordnung. Die r.-k. Kirchensteuerkirche hatte unter den verbliebenen Mitgliedern 2012 11,8% Kirchgänger, 2013 10,8%, es geht steil bergab.

Joachim Datko - Physiker, Philosoph
Forum für eine faire, soziale Marktwirtschaft
http://www.monopole.de

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