Wer die Natur missachtet, muss die Folgen tragen

Über die Epigenetik wirkt das Umfeld auf die Gene ein – diese Erkenntnis kann man als epochalen Einschnitt in der Biologie bezeichnen. Die ehemaligen kontroversen Debatten über die jeweiligen prozentualen Anteile von Genen und Umwelt als Basis der Persönlichkeit können nun endgültig ad acta gelegt werden.

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Man ist jetzt der komplexen Interaktion dieser beiden, früher als unveränderbar bzw. schicksalhaft betrachteten Faktoren deutlich näher gekommen. Es erklären sich nun auch bisher rätselhafte Befunde:

dass vorübergehende schädigende Umwelteinflüsse bei sorgfältigem, liebevollem Ausgleich reversibel sind,

dass sich stärkere und längerdauernde Umwelteinflüsse jahrelang, bis ins Jugendalter und sogar lebenslänglich bemerkbar machen,

dass sie sogar generationenübergreifend nachweisbar sind, ohne dass sich die Abfolge der Bausteine im Erbmaterial ändert.(45)

Um auf die Frage zurückzukommen: In welchem Alter soll, kann oder und darf nun also ein Kind in eine Kita? Auf dem kinderärztlichen Kongress 2011 in Bielefeld wurde dazu eine entwicklungsmedizinisch evidenzbasierte Empfehlung gegeben:

Keine Gruppentagesbetreuung von Kindern unter zwei Jahren.

Zwischen zwei und drei Jahren maximal halbtägige Betreuung von maximal bis zu zwanzig Stunden wöchentlich

Ab drei Jahren je nach individueller Bereitschaft ganztägige Betreuung möglich

Konsequente Orientierung an hohen Qualitätsstandards in jeglicher außerfamiliärer Betreuung

So erscheint es nach all dem Gesagten zumindest ratsam, den neueren Vorschlägen der Bielefelder Pädiater zu folgen. Dem Kindeswohl in der unverfälschten Bedeutung des Wortes, dem entspannten Umgang zwischen Kindern und Eltern in der Familie, der Situation in den Schulen und später im komplizierten Räderwerk der Gesellschaft wäre damit ein nicht zu überschätzender Dienst erwiesen.

Die Schlussfolgerung von Rainer Böhm muss alle diejenigen alarmieren, denen ein unbelastetes Aufwachsen der nächsten Generation am Herzen liegt. Er schreibt: “Chronische Stressbelastung ist im Kindesalter die biologische Signatur der Misshandlung. Kleinkinder dauerhaftem Stress auszusetzten, ist unethisch, verstößt gegen Menschenrechte und macht akut und chronisch krank.“

Wir können uns nicht von unserer Biologie verabschieden. Wer die Natur missachtet, muss die Folgen tragen.

(45) Katharina Grapp, Isabelle Mansuy, ETH und Universität Zürich, in „Nature Neuroscience“ (doi:10.1038/nn.3695)

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Antje Oppermann

Sehr geehrter Herr Brosowski,

herzlichen Dank für Ihre positiven Kommentare und Ihre Ergänzungen.

Mit freundlichen Grüßen
Antje Oppermann

Gravatar: Freigeist

Was von Kindern auch fern zu halten ist: Religion (Gottes-Wahn). Man kann Kinder total versauen mit Religion, wirk auch epigenetisch fort. Dies wissen alle Kleriker, auch die IS, die schon kleine Jungs indoktrinieren.

Gravatar: Dr. Gerd Brosowski

„naturam expellas furca tamen usque recurret“ ( Horaz) : „Du magst die Natur mit der Heugabel vertreiben, sie wird dennoch wieder zurückkehren“.
Ja, es stimmt, und man weiß es seit Jahrtausenden: Wir können uns nicht von der Natur verabschieden; wer ihr ins Handwerk pfuscht, wird Übles anrichten. Nur dass im Fall unserer kleinen Kinder die Erwachsenen die Natur missachten und die Kinder die Folgen zu tragen haben.

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