Zensur auf Wikipedia

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Zensur auf Wikipedia
Datum: 05.12.2011, 13:37

Heute erreichte mich eine E-Mail von Chaim Noll, der mir schrieb, dass ein Link zu seinem Artikel über Christa Wolf, den er 1987 unbeanstandet veröffentlichen konnte, innerhalb von Stunden von den “Sichtern"bei Wikipedia gelöscht wurde. Nolls Artikel ist sachlich, nachdenklich, weicht allerdings von der unkritischen Mainstream-Lobhudelei, die in den Nachrufen auf die Autorin vorherrscht, ab. 

Gegenwärtig befindet sich auf Wikipedia ein Aufruf von Brandon Harris, der mit folgendem Satz für Spenden wirbt: “ Wenn wir Zugang zu Freiem Wissen haben, dann sind wir bessere Menschen. Dann erkennen wir, dass die Welt größer ist als wir, und lassen uns von Toleranz und Verständnis anstecken.” 

Weil wir auf der Achse ein breiteres Verständnis von Toleranz, Verständnis und freiem Wissen haben, sollen unsere Leser erfahren, was Wikipedia-Benutzern vorenthalten wird:

Die Dimension der Heuchelei 

Zu Christa Wolfs Essay-Band „Die Dimension des Autors“

Wer heute die Bedeutung von Christa Wolf in Frage stellt, sieht sich in hoffnungsloser Einsamkeit. So einig war sich das deutsche Feuilleton schon lange nicht mehr, so rückhaltlos wurde eine menschliche Haltung schon lange nicht mehr gepriesen. Die Vermarktung dieser DDR-Schriftstellerin ist ein sicheres Geschäft. 

Dem zahlreich Vorangegangenen folgt jetzt ein fast 1000 Seiten starker Essay-Bad, eine deutsch-deutsche Zusammenarbeit, ediert von DDR-Literaturwissenschaftlern, gedruckt auf westdeutschem Papier. „Grundpositionen“ der Autorin, so die Nachbemerkung, sollen offeriert, bereits eroberte Terrains gesichert und ausgebaut werden. Daher der Titel des Buches „Die Dimension des Autors“. 

Und wirklich: keines ihrer Bücher hat die Persönlichkeitsstruktur der Autorin so anschaulich gemacht, noch nie wurden die psychagogischen Mechanismen einer auch im Westen erfolgreichen DDR-Schriftstellerin so überzeugend offenbart. Im Sinne der Mythen-Bildung um die „Beinahe-Dissidentin“ und „sozialistische Humanistin“ war die Herausgabe ihrer gesammelten Reden, Interviews und Essays ein entscheidender Fehler. Eine sorgsam vertuschte Tatsache kommt zum Vorschein, nicht anders als die Blöße der Macht in dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Was sich lange verbergen ließ, gelangt nun ans Licht, und die Autorin selbst liefert unfreiwillig den Schlüssel der Decouvrierung. 

Die große Lebenslüge der Christa Wolf besteht darin, dass sie sich einem politischen System zur Verfügung stellt, dessen Amoralität ihr bewusst ist. Sie dient einer Nomenklatura, die für Unterdrückung, Korruption und Entwürdigung des Individuums verantwortlich ist, und sie dient ihr mit ihrem Wort, das sie, wie in Talleyrands berühmtem Bonmot, dazu missbraucht, die Wahrheit nicht auszusprechen, sondern zu verbergen. 

Ihr erster Roman „Der geteilte Himmel“ galt der Rechtfertigung der Berliner Mauer. Christa Wolf fand subtilere, geschicktere Töne als andere DDR-Schriftsteller. Sie erschien als „einfache“, „redliche“ Menschenfreundin, die ihre Heldin behutsam in eine Haltung des Verzichts manövrierte. Die Mitteilung von Juri Gagarins Weltraumflug, dem kompositorischen Pendant zum Mauerbau, wurde von der Autorin leitmotivisch „Die Nachricht“ genannt. Der Leser ergänzte mental, was verbal unausgesprochen blieb: „Die Nachricht“ kündete von der schicksalhaften Allmacht der Sowjetunion, der entgegenzutreten nicht zweckmäßig war, der man sich besser, wie Christa Wolfs Heldin, dienend und duldend hingab. In der Sprache der Autorin hieß das: „Sie lernt, die Berührung der Wunde zu vermeiden“. 

Damit war – und der neue Essay-Band zeichnet es wie eine Chronik nach – ein Erfolgsrezept für deutsche Gegenwartsbewältigung gefunden. Eine auf Verdrängung der Verbrechen jenseits der Mauer orientierte Intellektuellen-Generation erhob die Schriftstellerin zur Kronzeugin für die moralische Legitimität des zweiten deutschen Staates. Christa Wolf begriff diese Rolle schnell: Schon 1964 referierte sie darüber vor Walter Ulbricht und den versammelten DDR-Staatsliteraten auf der „Zweiten Bitterfelder Konferenz“. Sie legte nahe, einer haltsuchenden westdeutschen Jugend den „DDR-Sozialismus als menschenbildende Kraft“ zu suggerieren, und zwar damals schon in einer psychologisch ausgefeilten, unterschwellig wirksamen Verpackung: „wohlüberlegt, brauchbar, mit Ideenreichtum“. Ihre Differenzen mit dem greisen Walter Ulbricht waren taktischer Art. Die „Kritik“ von Christa Wolf am Staat DDR blieb immer wohltemperiert und „parteilich“, sie war darauf angelegt, der Kulturpolitik ihrer Partei eine intellektuelle Aura zu verleihen und sie damit in Ost und West attraktiver zu machen. 

Wann immer ihr Auftreten für sie selbst riskant zu werden begann, nahm sie sich zurück. Als sie nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann gemeinsam mit Stephan Hermlin die bekannte Unterschriften-Aktion für den Sänger initiierte, folgten Hunderte von meist jungen DDR-Intellektuellen diesem Beispiel und unterschrieben auf den Namen Christa Wolf wie auf einen Wechsel. Dann zog die Schriftstellerin in einer Parteiversammlung des Ost-Berliner Schriftstellerverbands ihre Unterschrift zurück und übte „Selbstkritik“. In ihrem Essay-Band ist larmoyant von der „zunehmenden Erfahrung in Sachen Selbstzensur“ die Rede. Für die jungen DDR-Bürger, die ihr vertraut hatten, endete die Affäre weniger innerlich, sie wurden von Universitäten und Hochschulen relegiert oder aus ihren Arbeitsplätzen entlassen, politisch verfolgt und um ihre Existenz gebracht. 

Für Christa Wolf, in Ost und West gleichermaßen etabliert, gibt es „kein Außen und kein Innen mehr, die Revolution ist überall, bessere Bedingungen zum Schreiben kann es nicht geben“. Sie placierte diesen Gedanken in eine ihrer Betrachtungen über sowjetische Literatur, wie sie überhaupt gern ihr Ich-Gefühl in fremde, schützende Identitäten hüllt. Aufhänger ihrer Essays sind Kleist oder Jurij Kasakow, die Günderode oder Heinrich Böll. Die Geschicklichkeit, mit der sie die Objekte ihrer Untersuchungen unmerklich zu Vehikeln ihres eigenen Befindens macht, ist erstaunlich. Erstaunlicher noch ihr so gewonnenes Credo der Literatur: „So kann man doch auch in jeglicher Literatur – selbst großer Autoren – nachweisen, dass sie dazu gebraucht wird, manches zu verdecken.“ 

Man muss gelesen haben, wie „verdeckt“ Christa Wolf sich in den Sechziger Jahren bei den Mächtigen ihres Landes beliebt zu machen und andere Künstler zu denunzieren wusste. Beispielsweise, als sie vor höchsten SED-Funktionären über Ingmar Bergmans Film „Das Schweigen“ urteilte: „Eine Kunst, die den Menschen allein lässt in einer solchen Welt (...) eine solche Kunst liefert den Menschen aus (...) sie trägt dazu bei, ihn letzten Endes auch wehrlos zu machen gegen Auschwitz.“ 

Die Veröffentlichung ihres Buches „Die Dimension des Autors“ in der Bundesrepublik kann als Test verstanden werden: wie weit ist unsere Demoralisation gediehen? So weit, dass wir deutsch-deutschen Abmachungen zuliebe alles hinnehmen? Auch die dreiste Zurschaustellung ihrer wahren Dimension, der Dimension der Heuchelei?

© CHAIM NOLL, 1987 

Veröffentlicht in: Die Welt, Bonn, 4.7.1987 

Dieser Beitrag erschien am 03.12.2011 auf achgut.com

Sven von Storch

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