Weissensee
Weissensee
Datum: 17.09.2013, 06:03
Das werde ich jetzt schleunigst nachholen. Zum Glück gibt es ja DVDs.
Mein Sinneswandel vollzog sich gestern Abend, als ich im kleinen Kino „Toni“ in Weißensee, das verdienstvollerweise von dem Regisseur Michael Verhoeven gekauft und so vor der Schließung gerettet wurde, auf Einladung der Stasiunterlagenbehörde den ersten Teil der zweiten Staffel gesehen habe. Große Klasse!
„Der verlorene Sohn“ führt die Zuschauer in das Jahr 1987. Das Schicksal beider Weissensee- Familien, der Dissidenten Hausmann und der Stasisippe Kupfer, hat eine dramatische Wendung genommen. Die kritische Liedermacherin Dunja, (verkörpert von der auf der Höhe ihrer Schauspielkunst stehenden Kathrin Saß) muss ihre Tochter (Hannah Herzsprung) im Frauengefängnis Hoheneck besuchen, wo Julia wegen „staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme“ schon das sechste Jahr sitzt. Um ihrer kranken Tochter die notwendigen Medikamente zukommen lassen zu können, hat sich Dunja zur inoffiziellen Mitarbeit mit der Staatssicherheit verpflichtet. Saß gelingt es überzeugend, die zerstörerische Seite einer Spitzeltätigkeit zu zeigen. Zersetzt wird nicht nur der politische Gegner, sondern auch der Kollaborateur.
Dunja soll dazu beitragen, die Liebe zwischen ihrer Tochter und dem Stasisohn Martin endgültig zu zerstören. Martin (Florian Lukas) hat die Familienvilla längst verlassen und weigert sich sogar, seiner Mutter (Ruth Reinecke) auch nur Grüße auszurichten. Die deckt, seit ihr Sohn ausgezogen ist, den Familientisch hartnäckig mit einem Teller mehr, der leer bleibt. Es kommt noch schlimmer.
Der Enkel der Familie, ein Hochleistungturner, bricht unmittelbar nach seinem größten Medaillenerfolg in seiner Kabine zusammen. Im Krankenhaus stellen die Ärzte fest, dass Nieren und Herz des jungen Mannes stark beeinträchtigt sind. Die Niere muss ersetzt werden, weil die Dialyse-Medikamente das geschwächte Herz lebensgefährlich schädigen. Der Zusammenbruch ist das Ergebnis eines streng geheimen Tests mit leistungssteigernden Medikamenten, dem der Sportler unterzogen wurde. So offen sind meines Wissens noch nie die kriminellen Doping-Praktiken der DDR gezeigt worden. „Sport ist Krieg“, lässt der Minister (Hansjürgen Hürrig) den verzweifelten Großvater (Uwe Kokisch) wissen, bevor er veranlasst, dass der die notwendigen Informationen erhält, die vielleicht das Leben seines Enkels retten können.
Ob das gelingt, erfuhren die Zuschauer im Toni nicht. Wer es wissen will, muss sich die nächste Folge ansehen. Nach dem Start in der kommenden Woche, werden die sechs Folgen jeweils am Dienstag um 20.15. auf ARD ausgestrahlt.
Keine Angst, der Film ist nicht nur düster. Für humorige Einlagen sorgt der Sachse Stephan Grossmann als von seiner Frau verlassener Volkspolizist, der mit illegalem Westgeld, das er transitreisenden Westlern für Geschwindigkeitsüberschreitungen auf DDR -Straßen abgeknöpft hat, einen Trabi kauft. Prompt wird er von seinen Kollegen bei der Probefahrt wegen überhöhter Geschwindigkeit gestoppt…
Wer sich bereits die DVD besorgt hat, weiß, dass die Folgen im Jahr 1989 enden. Es wird eine dritte Staffel über das Revolutionsjahr geben. Einen besseren Nachhilfeunterricht in Geschichte kann es kaum geben. Das Geld, was für diese Serie ausgegeben wird, ist tatsächlich eine „Demokratieabgabe“.
Beitrag erschien zuerst auf: achgut.com
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