Warschau-Spurensuche nach einer verschwundenen Stadt

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Warschau-Spurensuche nach einer verschwundenen Stadt
Datum: 06.05.2011, 07:45

 erholt, dem kommt nicht in den Sinn, dass es ich um eine Stadt handelt, die von den Nazis zu 90% dem Erdboden gleich gemacht worden war. Nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes, die den Nazis nur gelingen konnte, weil die Rote Armee am anderen Ufer der Weichsel sechs Wochen lang tatenlos zusah, sprengten deutsche Ingenieur-Kommandos systematisch alle bedeutenden kulturellen Bauten, während die Wohnquartiere abgebrannt wurden. „Kein Stein soll auf dem andern bleiben“, lautete der Befehl von Himmler, der akkurat ausgeführt wurde.

Warschaus Bevölkerung, die vorher durch die Kämpfe um mindestens ein Viertel dezimiert worden war, wurde aus der Stadt vertrieben. Nur etwa 2000 Personen sollen in den Ruinen ausgeharrt haben. General Eisenhower gab erschüttert zu Protokoll, er hätte viele zertrümmerte Städte gesehen, nirgends sei ihm ein solches Ausmaß an Zerstörung begegnet.

Was heute in Warschau zu sehen ist, ist fast ausnahmslos nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Von der ursprünglichen Stadt ist bis auf wenige Reste nichts mehr vorhanden. Kaum zu glauben, wenn man den Alten Markt, die Neustadt, oder die prächtigen Paläste sieht. Aber nicht das touristische Warschau interessierte mich, sondern ich wollte nach Spuren der untergegangenen Stadt suchen. Mein Ziel war Muranów. Der Stadtteil, benannt nach der Insel Murano in Vendig, war im 19. Jahrhundert das Zentrum jüdischen Lebens in Warschau, mit der 1878 fertig gestellten Großen Synagoge , als Kronjuwel.

Während in Venedig um 1516 das erste jüdische Ghetto in Europa errichtet wurde, war Muranów , mit über 380 000 Bewohnern, das größte. Im Jahre 1941 wurde das Ghetto durch eine Mauer, die von den Insassen selbst bezahlt werden musste, vom Rest der Stadt getrennt. Nach dem Ghettoaufstand 1943 besiegelten die Nazis ihren Sieg mit einer vollständigen Zerstörung des Viertels. Muranów nahm so das Schicksal von ganz Warschau vorweg. Außer den Straßennamen blieb kaum etwas von der Vergangenheit. Nur acht Gebäude haben überlebt. Insgesamt wurden 2,5 Ouadratkilometer Fläche dem Erdboden gleich gemacht. Auf etwa 3,4 Millionen Kubikmetern Schutt wurden zur Stalinzeit und danach ein sozialistische Quartiere errichtet. Zwei Straßenschneisen zerteilen das Gebiet. Die General- Anders- Straße wurde nach dem Vorbild der Berliner Stalinallee gebaut und strahlt bis heute realsozialistische Düsternis aus.  Unter ihren Arkaden bekommt man bei dem Gedanken Beklemmungen, dass zwei Diktaturen die Voraussetzungen für dieses Stadtbild geschaffen haben. Folgerichtig befindet sich dort, wo die General- Anders-, auf die Stawski- Straße trifft, das Denkmal für die in den Gulag Deportierten. Ein eiserner Viehwaggon steht auf dem Mittelstreifen neben der vielbefahrenen Straßenkreuzung auf einer steinernen Rampe. Im Waggon dutzende Kreuze mit den Namen der Gulag- Lager. Zu übersehen ist das Mahnmal gegen die sowjetische Gewaltherrschaft nicht. Die Geschichte ist in Polen in einem Maße lebendig, das in Deutschland unvorstellbar ist. Nicht weit vom Denkmal befindet sich das Stadion von Polonia Warszawa. An seiner Außenmauer prangen nicht Fußball-Graffiti, wie man annehmen würde, sondern schwarzgrundige Gemälde mit Szenen aus der deutschen Besatzungszeit. „Achtung, Achtung!, brüllt es von der Mauer, darunter deutsche Landser mit schussbereitem Gewehr. Die Farbe bröckelt, an zwei Stellen ist die Geschichtsdarstellung von großen Werbeflächen verdeckt. Kaum einen Kilometer in die andere Richtung befindet sich der Umschlagplatz. Der Ort heißt heute noch so. Auch hier hat das Denkmal die Form eines Waggons, allerdings aus Beton, gebaut um ein Stück Originalrampe, von der die Transporte nach Treblinka ausgingen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite erinnert eine Tafel am Eingang, daß dieses Haus der SS als Stützpunkt bei der Planung der Todestransporte diente. Auf dem Weg dorthin kam ich an zwei weiteren Tafeln vorbei, die entlang der ehemaligen Ghettomauer an die jüdischen Kämpfer erinnern, die sich mit einem Aufstand gegen die Liquidierung des Ghettos gewehrt haben. Mit Hilfe jüdischer Historiker wurde vor kurzem der Verlauf der Mauer rekonstruiert und, wo es möglich war, mit einem eisernen Band auf dem Boden nachgezeichnet. In der Milasraße 18, einst die legendäre Zentrale der Anführer des Aufstands, ist heute ein kleiner Park, nicht größer als das ehemalige Wohngebäude.
In der Mitte wurde aus dem Schutt über dem ehemaligen Bunker eine Anhöhe geformt. Oben sind die Namen der jungen Leute verewigt, die sich beim Sturm der SS auf die Kommandozentrale am 8. Mai 1943 nicht ergeben, sondern, als der Kampf aussichtslos wurde, Selbstmord verübt haben, wie einst ihre Vorfahren auf Massada.
Angesichts der blühenden Bäume und Büsche erinnert nichts mehr an das Grauen, das sich hier abgespielt hat. Statt dessen duftet es nach Frühling. Eine Gruppe amerikanischer Jugendlicher mit roten Käppis lauscht den Erklärungen ihrer Reiseführerin. Im Weggehen fotografieren sie die Namenstafeln. Einen Augenblick ist es still. Ich bin allein und versuche, den Geist des Ortes zu erfassen. Da kommt schon die nächste Jugendgruppe, mit hellblauen Käppis.

Kurz vor dem Denkmal für die Aktivisten des Ghettoaufstandes begegne ich noch zwei Gruppen, gelb und braun behütet. Vorher habe ich schon die unauffällig gekleideten Männer bemerkt, die ab und zu in ihren Hemdkragen sprechen. Jüdische Jugendgruppen können offenbar ohne Schutz nicht mehr auskommen. Auf dem Gebiet des ehemaligen Ghettos ist das eine besonders schmerzliche Erkenntnis. Das Ehrenmahl für die Aufständischen, aufgestellt am Ort der heftigsten Kämpfe, ist schlimmster sozialistischer Realismus.  Das Monument steht auf Steinen, die von den Nazis aus Schweden geholt worden waren, zum Bau eines Triumphbogens.

Seit das Museum für Jüdische Geschichte gebaut wird, ist das Denkmal nicht mehr allein auf einem riesigen leeren Platz, sondern nun Mittelpunkt eines kleiner Grünanlage, die zum Park heranwächst. Ich entdecke ein Foto, das Unbekannte zwischen die eisernen Stiefel eines Ghetto-Helden abgestellt haben: zwei Kinder, das Mädchen in einem weißen Kleidchen, der Junge im Matrosenanzug. Diese Kinder haben im Ghetto gewohnt und sind mit ihm verschwunden.

Wenige Minuten vom Mahnmal entfernt befinden sich die Überreste des berüchtigten Pawiak- Gefängnisses. In der zaristischen Festung, wo politische Gefangene für den Transport nach Sibirien gesammelt wurden, wütete unter den Nazis die gefürchtete Gestapo. Über 37 000 Polen verloren hier ihr Leben. Während des Warschauer Aufstandes wurde auch das Pawiak eingeebnet. Überlebt haben nur ein Teil des Eingangstores und ein unterirdischer Zellentrakt. Die legendäre Eiche, die neben dem Eingang allen Zeitstürmen getrotzt hatte, starb in den 90er Jahren ab und wurde durch eine Bronzeskulptur ersetzt. Heute ist das Pawiak ein Museum, in dem man neben einigen Original-Zellen auch erstaunliche Bilder vom Vorkriegs-Warschau sehen kann.
Wo immer noch quasi-sozialistische Öde herrscht, gemildert nur durch viel Grün, befand sich ein lebhaftes Viertel mit zahlreichen Geschäften und Cafés.
Wenn man aus dem Museum heraustritt, sieht man hinter stalinistischen Fassaden den Turm der St. Augustin- Kirche. Während des Warschauer Aufstandes blieb das Gotteshaus stehen. Nicht, weil die Nazis sich gescheut hätten, sakrale Gebäude zu sprengen, sondern weil der Kirchturm deutschen Heckenschützen als Ausguck diente.
Schlendert man die Johannes-Paul II- Straße entlang, hat man rechts die Bemühungen vor Augen, den Zuckerbäcker-Bauten durch Farbe Frische und Eleganz zu verleihen, was zu gelingen scheint. Sogar ein Laden mit hochpreisigen Pelzen hat sich eingefunden. Links herrscht noch die alte Tristesse, aufgelockert durch bunte Reklamen und modische Geschäfte. An der Kreuzung von JP II und Solidarnosc-Straße kommt das Stadtgericht in den Blick. Einst stand es genau auf der Grenze zwischen Ghetto und der arischen Seite. Hier nutzten Dr. Irena Sendler und ihre Helfer einen Gang, um über 2500 Menschen, darunter viele Kinder, in die Freiheit zu schmuggeln. Umgekehrt fanden durch das Gerichtsgebäude unzählige Pakete mit Nahrung ihren Weg ins Ghetto. Nur wenige hundert Meter weiter steht auch heute noch das Kamienica- Theater. Der heruntergekommene Jugenstilbau wirkt trotz des Theater-Flairs im Hinterhof bedrückend. Kein Wunder, hier ist nicht nur Wladislaw Szpilman, der Pianist, aufgetreten. Im Vorderhaus hatte die berüchtigte Jüdische Gestapo ihren Sitz.
Nach beendetem Rundgang durch Muranów stellt man fest, dass es kaum Spuren des alten Viertels gibt. Die finden sich im ehemaligen „Kleinen Ghetto“, das während des Ghettoaufstandes schon aufgelöst war, also von der Vernichtung vorerst verschont blieb.
In der Prozna- Straße haben ein paar Häuser überlebt. Nur hier kann man sehen, wie das Vorkriegs-Warschau mal ausgesehen hat. Trotz des abgefallenen Putzes wirken die Häuser stattlich. Wo die Balkons noch vorhanden sind, werden sie von kunstvollen Eisengittern geschmückt. Sogar die Balkon-Decken waren mit Stuck verziert. Die herrschaftlichen Einfahrten werden von eisernen Figuren bewacht. Die zahlreichen Läden und Cafes, die sich hinter den Schaufenstern befunden haben müssen, zeugen von der lebendigen Vergangenheit dieser Straße, die heute vor allem Melancholie ausstrahlt.
Verstärkt wird das durch überdimensionale Fotos ehemaliger Bewohner der Straße, die an den Fassaden hängen.

Im schlauchförmigen Café Prozna kann man sich bei Kaffee und wunderbarer Baiser-Torte darüber grübeln, wie die Straße wohl in den verschiedenen Jahrzehnten ausgesehen haben mag.  Etwa 10 Minuten weiter, in der Sienna- Straße findet man auf dem Hinterhof das letzte noch vorhandene Stück Ghetto-Mauer. Trotz der Erinnerungstafel wirkt die Wand aus roten Backsteinen eher dekorativ als bedrohlich. So ändern sich die Dinge, wenn ihr Zweck wegfällt.

Ein paar Häuser weiter gibt es noch einen Wohnblock aus der Vorkriegszeit, erhalten mit allen Nebengebäuden, Stallungen und Wandbrunnen im zweiten Hinterhof.
Ich beende meine Spurensuche in der Chlodna- Straße. Vor dem Haus mit der Nummer 25 verband eine Brücke das kleine Ghetto mit dem Großen. Man sieht noch den Verlauf der mit Kopfsteinen gepflasterten Straße und die Schienen der Straßenbahn, die einst mitten durch das Ghetto fuhr. Auf der Seite des großen Ghettos stehen drei Betonelemente, die der Berliner Mauer zu entstammen scheinen. Auf der dem kleinen Ghetto zugewandten Seite ist die Brücke aufgemalt, wie wir sie aus den Filmen kennen. Eine sehr symbolische doppelte Erinnerung an die tödlichen Mauern, die es in Europa gegeben hat.

ursprünglich erschienen auf "achgut.com"

Sven von Storch

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