Vivat Israel!
Vivat Israel!
Datum: 31.12.2013, 20:22
Wer, wie ich, über die Weihnachtstage in Tel Aviv war und die einmalige Atmosphäre der Stadt genossen hat, kommt, wenn er die Realität mit dem Eindruck vergleicht, den ihm europäische Medien vermitteln, aus dem Staunen nicht heraus. Die Israelis sind entspannt, freundlich und selbstbewusst.
Die Zwischenfälle an der libanesischen Grenze scheinen keinen Einfluss auf den Alltag zu haben. Man sieht, anders als in Deutschland, viele junge Menschen auf der Straße und weniger Wohlstandsverwahrlosung.
Tel Aviv platzt schier aus allen Nähten, an jeder Ecke gibt es Baustellen. Es wären noch viel mehr, wenn es nicht so viele ungeklärte Besitzverhältnisse gäbe, oder Altmieter, die für eine Rekonstruktion nicht weichen wollen.
An der Strandpromenade wetteifern die funkelnagelneuen Wolkenkratzer miteinander, wem die Krone für die eleganteste Fassade gebührt. Am ihrem südlichen Ende, nach Jaffa hin, gibt es eine herrliche Uferpromenade, die nicht nur zu Spaziergängen, sondern auch zur sportlichen Betätigung einlädt.
Am Abend lässt man sich auf einem Felsen oder dem kurz geschorenen Rasen der Böschung nieder, um den Sonnenuntergang zu genießen, der Meer und Stadt in ein magisches Licht taucht.
Es ging nicht immer so friedlich zu, daran erinnert ein mannshoher heller Sandstein am Beginn der Promenade. Er steht vor der Ruine einer Stranddiskothek, in der an einem schönen Abend mehr als ein Dutzend junger Menschen beim Tanzen in die Luft gesprengt wurden. An den Namen sieht man, dass es sich überwiegend um Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion gehandelt hat. Sie suchten ein besseres Leben in Israel und fanden den Tod.
Mittlerweile gehören solche Anschläge der Geschichte an. Das ist der wohltuende Effekt des Sicherheitszauns, der in Europa schändlicherweise mit der Berliner Mauer verglichen wird, obwohl er Leben schützt, statt kostet.
Das Geheimnis Israels enthüllt sich uns in Beer Sheva, wohin wir mit dem Zug fahren.
Chaim Noll, der deutsch-israelische Schriftsteller, der seit 15 Jahren hier wohnt, holt uns ab.
Ein überdachter Gang führt vom Bahnhof zur Universität, die mitten in der Wüste entstanden ist. Die meisten Gebäude sind noch keine zehn Jahre alt. Die Parkanlagen, die zum Campus gehören, sind genauso jung. Ihre Üppigkeit lässt vergessen, wo man sich befindet. Auf den Rasenflächen lagern verschleierte Beduinenmädchen, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Das ist, wie uns Chaim erklärt, der Erfolg eines Programms der Konrad-Adenauer-Stiftung, das es diesen Mädchen ermöglicht hat, Abitur zu machen und anschließend zu studieren.
Große Teile der Stadt sind so neu, wie die Universität. Rings um den Campus haben sich zahlreiche Unternehmen angesiedelt, etliche davon sind Startups, die von Studenten der Universität gegründet wurden.
Nach der letzten Intifada hat es einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung in Israel gegeben, den sich kein Wirtschaftswissenschaftler erklären kann. Nicht nur das. Die Geburtenrate der Israelis liegt mittlerweile über derjenigen der Palästinenser. Arafat hat es sich sicher nicht träumen lassen, dass die Antwort der Israelis auf seinen zynischen Kinderkrieg der Mut zum dritten oder gar vierten Kind sein würde.
Chaim Nolls schönes Haus, das er mit seiner Frau, der Malerin Sabine Kahane und etwa ein dutzend Katzen teilt, liegt in Sichtweite des Grenzzauns zum palästinensischen Autonomiegebiet. Von seiner Dachterrasse hat man einen atemberaubenden Rundumblick. Der Kontrast ist verblüffend: Auf israelischem Territorium ist die Wüste grün. Es wächst ein ausgedehnter Wald heran.
Die palästinensischen Dörfer auf der anderen Seite sind von Kahlheit umgeben.
Am Checkpoint herrscht lebhafter Verkehr. Es ist Feierabend. Von Beduinen betriebene Kleinbusse bringen die palästinensischen Arbeiter an die Grenze. Die muss zu Fuß überquert werden. Auf der anderen Seite werden die wartenden Autos bestiegen. Außerdem sind jede Menge Lastwagen in beide Richtungen unterwegs.
Das Ehepaar Noll/ Kahane hat sein Haus, in Erinnerung an seine italienischen Jahre, terrakottafarben streichen lassen. Das hat einem der damit beschäftigten palästinensischen Arbeiter so gefallen, dass seit geraumer Zeit in einem der Dörfer jenseits der Grenze ein Haus in Terrakotta prangt.
Uri, der israelische Dorfhandwerker, erzählt Chaim, lässt sich seine Utensilien aus Palästina mitbringen. Eine Bohrmaschine mit den neuesten technischen Finessen kostet dort, dank hoher EU-Subventionen, weniger als ein einfaches Standartmodell im israelischen Baumarkt.
Chaim Noll sieht die weitere Entwicklung seiner neuen Heimat optimistisch.
Er kann jeden Tag beobachten, dass Wirtschaft und Handel zusammenführen, was die Politik trennt. Am Ende,sagt er, wird die ökonomische Realität die Ideologie besiegen.
Die deutschen Politiker versuchen längst, heimlich den israelischen Aufschwung für sich zu nutzen.
Während die Regierung Schröder die deutsch-israelische Doppelstaatsbürgerschaft abzuschaffen wollte, indem die deutsche Botschaft die Pässe von in Israel lebenden Deutschen einfach nicht mehr verlängerte, macht es die Regierung Merkel umgekehrt. Jeder junge Israeli, der einen deutschen Großvater hat, bekommt einen deutschen Pass, auch wenn er kein Deutsch spricht und noch nie in Deutschland war.
Deutschland kommt zugute, dass es, besonders seine Hauptstadt Berlin, ganz oben auf der Wunschliste junger Israelis steht, die nach dem Militärdienst ins Ausland reisen.
Berlin profitiert davon besonders: Eine große Anzahl der Startups, die in jüngster Zeit die Ökonomie der Hauptstadt belebt haben, wurde von jungen Israelis gegründet.
Welch Ironie der Geschichte: Für das alternde, israelkritische Deutschland sind die Israelis ein wahrer Jungbrunnen!
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