Verharmlosung von Zwangsarbeit - nein, danke!

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Verharmlosung von Zwangsarbeit - nein, danke!
Datum: 25.06.2014, 11:51

Was haben wir denn an denen verlorn:

An diesen deutschen Professorn

Die wirklich manches besser wüssten

Wenn sie nicht täglich fressen müßten

Beim Lesen von Richard Schröders Philippika gegen die Aufdeckung von Zwangsarbeit von politischen Gefangenen in der DDR ist mir dieses Lied von Wolf Biermann in den Sinn gekommen. Nicht, dass es bei Professor Schröder ums Fressen ginge, dazu ist er , im Gegensatz zu den meisten politischen Gefangenen der DDR, über die er herzieht, zu gut mit einer fetten Pension versorgt. Er schient eher das Problem zu haben, dass ihm nicht die Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, die ihm seiner Meinung nach zusteht. Da hilft ein Artikel mit dem neckischen Titel »Häftlingsarbeit in der DDR- warum nicht?«, um mal wieder beachtet zu werden.

Dass er dabei gegen Menschen zu Felde zieht, die immer noch an den erheblichen Folgeschäden ihrer Haft und der Sklavenarbeit, die sie leisten mussten, leiden, ist für den Träger des Preises für das „unerschrockene Wort“ kein Hindernis.  Unser Professor schreckt nicht davor zurück, die Tatsachen zu verdrehen, um seine Thesen zu stützen. Auch nicht vor ein bisschen Demagogie und Zynismus, um seinem Elaborat den nötigen Schwung zu geben.

Leider ist Professor Schröder Mitglied des Beirates der BStU und stellvertretender Vorsitzender des Beirats von „Gegen Vergessen- für Demokratie“ und im Vorstand der Deutschen Gesellschaft, in deren Räumen verdienstvollerweise die Studie von Dr. Christian Sachse über die Zwangsarbeit im SED-Staat präsentiert wurde.

Deshalb muss man ihm widersprechen.

Schröder stellt am Beginn klar, was für ihn Zwangsarbeit ist:

„Das Unrecht kann in der Tatsache des Zwangs selbst bestehen oder (zusätzlich) in skandalösen Arbeitsbedingungen oder in vorenthaltenem Lohn.“

Alle drei Kriterien treffen auf die Zwangsarbeit von Politischen in der DDR zu.

Deshalb ist Schröders Gleichsetzung von Politischen mit Strafgefangenen so infam. Damit diffamiert er alle Menschen, die dafür verurteilt wurden, weil sie die demokratischen Rechte in Anspruch nehmen wollten, zu denen sich die DDR im Helsinki-Abkommen verpflichtet hat. Außerdem stützt er damit die These der DDR-Machthaber, es hätte in der DDR keine Politischen gegeben, sondern nur Kriminelle.

Und die müssen schließlich überall arbeiten.

Verschärft wird das mit Schröders Beispiel der Bautzener Häftlingstischlerei, die heute per Internet ihre Produkte anbietet. Die Arbeitsbedingungen dieser Häftlinge entsprechen ganz sicher den geltenden Arbeitsschutzbestimmungen, was in der DDR nicht der Fall war, denn die Arbeitsunfälle von Häftlingen betrugen dort das Dreifache der zivilen Arbeiter.

In der DDR wäre den Häftlingen sogar prozentual vom Lohn mehr ausgezahlt worden, als den Häftlingen heute. Aber ist es nicht so, dass heute ein Teil des Lohnes auf einem Konto angespart wird, so dass der Häftling am Tag seiner Entlassung ein Startkapital hat? Die Häftlinge von heute genießen Sozialleistungen und eine Gesundheitsbetreuung, von der DDR- Häftlinge nicht mal träumen konnten!

Dass die Arbeitsbedingungen hart gewesen sein müssen, räumt Schröder immerhin ein, um gleich darauf auch das zu relativieren. Wenn nach einer Amnestie Häftlinge durch vietnamesische Vertragsarbeiter ersetzt wurden, kann ja alles nicht so schlimm gewesen sein. Schröder kann sich diesen Verweis nur erlauben, weil das bittere Kapitel, wie die DDR mit ihren Vertragsarbeitern, speziell den vietnamesischen, umgesprungen ist, noch unbearbeitet ist. Wenn diese Beispiel etwas zeigt, dann, dass den Vietnamesen Arbeitsbedingungen zugemutet wurden, die denen von Häftlingen entsprachen.

Die Vietnamesen konnten sich nicht mal beschweren, denn dann drohte die Abschiebung in die Heimat mit ihren noch schlimmeren Arbeitslagern.

Mehr als gewagt ist Schröders Hinweis, dass die Arbeit doch geeignet war, den berüchtigten Massenzellen mit Vierstockbetten zu entkommen. Die Andeutung weiterer unsäglicher Haftumstände, die der Professor mit wissenschaftlicher Gründlichkeit vornimmt, wäre verdienstvoll, würde sie nicht als Mittel für die Verharmlosung der Zwangsarbeit genutzt.

Ebenso räumt Schröder ein, dass die Politischen zu Unrecht verurteilt worden waren. Aber dann war auch die Zwangsarbeit, der sie unterworfen wurden, Unrecht und nicht „normal“ wie das Tragen von Gefängniskleidung und das Gefängnisessen, wie Schröder meint.

Einen längern Abschnitt widmet Schröder den westdeutschen Unternehmen, die seiner Meinung nach nicht wissen konnten, dass sie von der DDR Produkte aus Häftlingsarbeit bezogen.

Wenn der schwedische Konzern IKEA in der Lage war, das zu erkennen und sogar einen Automat zur Verfügung gestellt hat, um Häftlingen giftige und gefährliche Handarbeit zu ersparen, warum waren deutsche Unternehmen da ignorant?  Etwa weil sie traditionell darauf konditioniert sind, bei Zwangsarbeit nicht so genau hinzuschauen?

Schröders Argument, wenn Politische für Zwangsarbeit entschädigt würden, müssten auch die Kriminellen entschädigt werden, ist haltlos. Niemand hat die Entschädigung von Kriminellen gefordert. Es handelt sich wieder um eine diskriminierende Gleichstellung von Politischen und Kriminellen.

Zu den abschließenden Betrachtungen Schröders über die wohltuende Wirkung des innerdeutschen Handels, besonders für die Kirchen, von denen er als Dozent für Philosophie am Sprachenkonvikt profitiert hat, nur so viel: Nicht der innerdeutsche Handel oder die Entspannungspolitik haben die deutsche Vereinigung hervorgebracht, sondern das waren, es sei den Schröders zum 25. Jahrestag des Mauerfalls ins Stammbuch geschrieben, die Demonstranten auf den Straßen der DDR.

Kein Entspannungspolitiker hat auf die Vereinigung hingearbeitet. Nie hat Honecker so viele Staatsgäste aus dem Westen empfangen, wie im letzten halben Jahr vor seinem Sturz. Die Republikflüchtlinge und Ausreiser haben den Staat delegitimiert und damit einen unschätzbaren Beitrag zum Gelingen der Friedlichen Revolution geleistet.

Schröder heroisiert diejenigen, die in der DDR geblieben sind, obwohl sie das System ablehnten.

Mit Reisepass für Westtrips, einen Teil des Gehalts in Westgeld und im geschützten kirchlichen Raum ließ es sich in de DDR unbehelligt leben. Besonders heroisch oder preiswürdig war das allerdings nicht.

Aber es gehört zu den Ungereimtheiten im vereinten Deutschland, dass weniger diejenigen geehrt werden, die unter den Bedingungen der Diktatur viel riskiert haben und die Sanktionen dafür einstecken mussten, sondern deutsche Professoren, die unbeschadet und ausgeschlafen von ihren Schreibtischen aus tätig waren und sind.

Sven von Storch

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