Verdrängte Kriegsverbrechen

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Verdrängte Kriegsverbrechen
Datum: 12.09.2013, 18:38

Täter sind keine Opfer, lautet das Argument, dass man zu hören bekommt und das unwiderlegbar scheint. Aber es waren nicht die Deutschen, sondern die deutschen Nazis, die den Krieg angezettelt und mit unvorstellbarer Grausamkeit geführt haben. Eine Grausamkeit, die sich dann , am wenigsten gegen die Nazis, die sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen wussten, sondern gegen die deutsche Bevölkerung richtete. Allmählich beginnt sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass der Zweite Weltkrieg erst wirklich beendet  und der Weg für eine dauerhafte Versöhnung frei ist, wenn die historischen Tatsachen als solche benannt werden dürfen.

Die Engländer haben sich bei den Dresdenern für die militärisch unnütze Bombardierung ihrer Stadt entschuldigt und diese Entschuldigung mit einem goldenen Kreuz auf der wiedererstandenen Frauenkirche gekrönt.

Andere Kriegsverbrechen sind fast unbekannt geblieben. Einen kleinen Teil davon hat Theodor Seidel recherchiert. Seidel wurde einer größeren Öffentlichkeit bekannt als Richter im ersten Mauerschützenprozess gegen die Grenzsoldaten und Offiziere, die für die Tötung von Chris Gueffroy verantwortlich sind. Das von Seidel verhängte Urteil wurde später revidiert mit der Begründung, man könne die Befehlsempfänger nicht bestrafen, so lange die Befehlsgeber nicht belangt seien.

Seidel, gebürtiger Sachse und DDR-Flüchtling hat nach der Vereinigung angefangen, über die an Deutschen verübten Kriegsverbrechen in Sachsen zu forschen. Der Grund dafür war ein persönlicher: sein Vater, der in den letzten Kriegswochen zum Volkssturm einberufen worden war, geriet in sowjetische Gefangenschaft und wurde in Niederkaina gemeinsam mit andern Gefangenen per Genickschuss hingerichtet.

Es geht dem Autor nicht darum, die Geschichte umzuschreiben oder zu schönen. Er will „in einem mühsamen Erkenntnisprozess unter mehr als bis dahin einbezogenen Gewissheiten ein souveränes, die problematischen Seiten nicht ausklammerndes Bild zurückliegenden Geschehens entwerfen und damit den Grund gewinnen, der den Weg in die Zukunft fundamentiert.“ Oder, wie Ralph Giordano sagte: „Es ist die gleiche Öffentlichkeit herzustellen für Verbrechen von Deutschen wie für Verbrechen an Deutschen, unter Wahrung der Chronologie, der Kausalität von Ursache und Wirkung und der Singularität des Holocauststaates und seines Synonyms Auschwitz für alle Opfer des NS-Vernichtungsapparates“

Die Methode, die Seidel bei seiner Forschung anwandte, ist verblüffend einfach: er hat die Begräbnisbücher der Evangelischen Gemeinden im von ihm untersuchten Kampfgebiet eingesehen. Danach hat er sich bemüht, Angehörige der verzeichneten Opfer zu finden.

Allerdings hatte das Landeskirchenamt Bedenken und wollte Seidel den Einblick verwehren. Die Pfarrer teilten die Meinung  ihrer Leitung aber nicht , die Angehörigen auch nicht und so kam eine detaillierte Recherche zustande.

Es ist ein qualvolle Lektüre, was an Vorkommnissen in dutzenden Dörfern und Kleinstädten aufgelistet wurde. Es traf nicht nur Männer oder Jugendliche, die mit Waffen aufgegriffen worden, sondern Babys, Kleinkinder, Frauen, Alte. Sie wurden verbrannt, erschlagen, erschossen, erstickt, erstochen, erhängt. Kein einziger Kriegsverbrecher darunter. Die Täter waren in diesem Fall sowjetische oder polnische Einheiten.

Beim Lesen habe ich immer wieder an das Buch: „Iwans Krieg“ von Catherine Merridale denken müssen, das einzig mir bekannte Werk, in dem der Krieg aus der Sicht der einfachen Soldaten geschildert wird, die von Stalins Generalität bedenkenlos verheizt wurden. Vom Tag des Gestellungsbefehls an hatte der sowjetische Rekrut noch eine durchschnittliche Lebenserwartung von drei Wochen.

Warum sind solche Bücher, wie das von Seidel wichtig? Er schreibt es im Vorwort zur zweiten Auflage selbst: „Eine Zeitzeugin meinte, ihre Erlebnisse brauchten ja nicht veröffentlicht zu werden, es beruhige sie schon, wenn sie festgehalten würden damit derjenige, der sich später einmal dafür interessiere, sich informieren könne.“

Für die historische Wahrheit ist der Beitrag von Theodor Seidel unverzichtbar.

Theodor Seidel: „Kriegsverbrechen in Sachsen“, Leipziger Universitätsverlag

Sven von Storch

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