Unter der Erde ist der Mensch nicht einen Dreck wert
Unter der Erde ist der Mensch nicht einen Dreck wert
Datum: 01.11.2010, 09:32
Yiwu hatte nichts zu lachen, als er mitten in der von Mao inszenierten Hungerkatastrophe 1958 in der chinesischen Provinz auf die Welt kam. Deshalb wurde er Humorist.
Seine Satiren in Wort und Ton machten ihn zu einem der populärsten und meist gedruckten Autoren der 80er Jahre. Sein Leben als gefeierter Satiriker nahm eine jähe Wende, als er die Bilder vom Platz des Himmlischen Friedens sah und ihm das Lachen endgültig verging. Über Nacht schrieb er sein Langgedicht „Das Massaker“, das in zahlreichen Abschriften im ganzen Land verbreitet wurde.
Das brachte ihm vier Jahre Gefängnis ein. Im Knast schrieb er seine Gedichte in winzigen Zeichen zwischen die Zeilen des einzigen Buches, das er zur Verfügung hatte.
Er erzählt, eines Abends wären Töne eines unbekannten Instruments durch die Mauern in seine Zelle gedrungen. Sie bewirkten, dass es nach und nach in der Zelle und dann im ganzen Gefängnis still wurde. Alle lauschten der sehnsuchtsvollen Melodie.
Anschließend erzählte ihm Mitgefangene, dass es sich um das Spiel eines alten Mönchs handelte, von dem niemand mehr wusste, wie lange er schon einsaß.
Als Yiwu einmal diesen Mönch von weitem auf dem Gefängnishof erblickte, als der regungslos im Schneesturm stand, ging er zu ihm. Der alte Mann hatte seine Augen geschlossen. Lange standen sich die beiden ohne ein Wort gegenüber. Schließlich öffnete der Mönch seine Augen und fragte: „Was willst Du?“ „Ich will von Dir lernen“, antwortete Yiwu. Nach kurzem Zögern willigte der Mönch ein Yiwu als seinen ersten und einzigen Schüler zu akzeptieren.
Im vollbesetzten Kinosaal des „Babylon“ wird es ebenfalls totenstill, als Yiwu beginnt, mit seiner Langflöte zu spielen. Sogar die notorischen Dauerhuster halten schließlich den Atem an. Den meisten Anwesenden ist die chinesische Musik so fremd wie die Sprache. Aber jeder versteht sie. Man hört das Rauschen des gelben Flusses, das Stürmen des Windes in den Bergen im Norden Chinas, das leise Knistern das Grases unter der sengenden Sonne der chinesischen Wüste, das Klagen der geschundenen Kreatur.
Sein Spiel erinnert daran, dass die kommunistischen Standbilder aus der Öffentlichkeit zwar fast vollständig verschwunden sind, Maos Geist die Gesellschaft aber noch voll im eisernen Griff hat. Im Dunklen befinden sich die , die im Glanz und Glitzer der kommunistischen Marktwirtschaft nur zu gern übersehen und ignoriert werden.
China ist ein gefragter Handelspartner für den Westen und ein noch begehrterer Markt der Zukunft. Da möchte man sich ungern durch die täglichen Menschenrechtsverletzungen verstören lassen. Yiwu gibt den Menschen aus Chinas Gesellschaft von unten eine Stimme.
Am eindrücklichsten in seinem Gedicht: „Gespräch der zum Tode Verurteilten am Vorabend der Hinrichtung“, in dem die Delinquenten, denen vom Gefängnisarzt so viel Blut abgenommen wurde, dass der Puls nur noch schleicht, Arme und Beine aus Watte zu bestehen scheinen, sich vorzustellen versuchen, wie es sein wird, vor dem Hinrichtungskommando zu stehen und auf welche Weise sie die Welt verlassen müssen.
An dieser Stelle hätte ich mir gewünscht, dass unsere Bundestagsabgeordneten, die kürzlich eine Kulturreise zu den iranischen Henkern unternommen haben, ohne die zahlreichen hingerichteten Oppositionellen auch nur einer Erwähnung wert zu halten, dabei gewesen wären.
Unter der Erde ist der Mensch nicht einen Dreck wert, sang Yiwu und keiner, der ihn gehört und gesehen hat, wird ihn vergessen. Die Botschaft, sich für das einzige Leben , das wir im Hier und Jetzt haben, stark zu machen, ist bei seinem Publikum angekommen.
Beitrag erschien zuerst auf achgut.com
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