Tagebuch der Friedlichen Revolution

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Tagebuch der Friedlichen Revolution
Datum: 06.04.2014, 13:50

 

Fünfter April 1989

In Polen unterzeichnen Regierung und Opposition als erstes Zwischenergebnis der Verhandlungen am Runden Tisch einen „Gesellschaftsvertrag“ über Reformen. Dieser Vertrag war noch nicht viel mehr, als eine erste Einigung über die Ausgangspositionen, die bisher aus Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Kommunisten noch nicht publiziert worden waren. Das Erstaunlichste an der Entwicklung in Polen ist, wie weitsichtig die kommunistischen Machthaber auf die sich verändernden Verhältnisse reagiert haben. So wurde der Runde Tisch, an dem nach dem Vorbild der Artusschen Tafelrunde die künftigen Verhandlungen mit der Opposition auf gleicher Augenhöhe stattfinden sollten, schon im Spätsommer bei der renommierten Möbelfirma Henrykow in Auftrag gegeben.

Das Unternehmen hatte bereits Erfahrung mit besonderen Möbeln. Henrykow hatte nicht nur die Inneneinrichtung des Warschauer Königspalastes nachgebaut, sondern auch den Papstthron für Johannes Paul II. geschaffen. Das neue, aus vierzehn Elementen zusammengesetzte politische Möbelstück, mit einem Durchmesser von neun Metern, sollte ehemalige Erzfeinde miteinander verbinden.

Immerhin hatten die Regierenden etliche der zukünftigen Verhandlungspartner ins Gefängnis gebracht. Es dauerte mehrere Monate, bis der Tisch mit den 58 Stühlen seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt werden konnte. Der Weg bis zur Aufnahme der Verhandlungen war nicht minder lang und steinig. Mehrmals drohten die Bemühungen zu scheitern.

Schließlich siegte die Erkenntnis, dass beide Seiten allein zu schwach waren – die Regierung für einen neuen Militärputsch, die Opposition für die alleinige Machtübernahme –, und dass nur gemeinsam ein Ausweg aus der täglich komplizierter werdenden Lage gefunden werden konnte. Man einigte sich bereits vor Beginn der Verhandlungen, dass die Solidarność im Ergebnis offiziell zugelassen werden würde. Dafür versprach die Opposition, sich für einen „nicht konfrontativen“ Ablauf der Sjem- und Senatswahlen einzusetzen. Das hatte zur Folge, dass die radikaleren Teile der Opposition von vornherein ausgeschlossen waren. Was wiederum später zu einer ziemlich niedrigen Beteiligung bei den Wahlen führte.

Insgesamt überwogen die Zugeständnisse an die Kommunisten. Zwar sollten neben der Solidarność noch andere Parteien, Organisationen und Verbände zugelassen werden, aber unter Pluralismus verstand man einen „demokratisch-sozialistischen Rechtsstaat“ in Zusammenarbeit mit einer „konstruktiven Opposition“. Gleichzeitig wurde durch eine Änderung der Verfassung das mit weitreichenden Vollmachten ausgestattete Amt des Präsidenten geschaffen.

So kompromisslerisch es uns heute erscheint, das Reformprogramm war zu seiner Zeit ein sensationeller Fortschritt. Der Runde Tisch Polens wurde später in vielen Ostblockstaaten nachgeahmt. Nirgends fand er so stilvoll satt, wie in seinem Ursprungsland.

 

Sechster April 1989

In Bonn tritt erstmals die bundesdeutsch-sowjetische Wirtschaftskommission zusammen. Die Wirtschaft verspricht sich ein Bombengeschäft, denn die Sowjetunion verfügt über jede Menge Rohstoffe und wäre ein riesiges Absatzgebiet, wenn der Staat nicht so pleite wäre. Staats- und Parteichef Gorbatschow scheint die Gespräche hingegen nicht so wichtig zu nehmen. Er hat seinen Kuba-Aufenthalt deswegen nicht abgekürzt. Die Bildung dieser Kommission nährt die Illusionen über die Wirtschaftskraft des größten sozialistischen Staates.

 

Es gibt Tage, da ruht sich die Revolution etwas aus. Dieser 6. April ist so einer. Ausnahmsweise wird nirgends ein bahnbrechendes Dokument verabschiedet.

Das Neue Deutschland veröffentlicht die Losungen für den kommenden Ersten Mai, an dem Honecker & Co zum letzten Mal die Kampf- und Feiertagsparade der Werktätigen abnehmen werden. Aber das wissen sie noch nicht. Auf den Mai-Umzügen dürfen jedenfalls auch in diesem Jahr nur Losungen mitgeführt werden, die vorher vom Politbüro der SED genehmigt wurden. So groß war das Vertrauen der Herrschenden in ihr Volk.

 

Siebter April 1989

Während der Wirtschaftsminister der DDR, Günter Mittag, in der Saarländischen Landesvertretung in Bonn zusammen mit dem saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine die legendäre Küche von Lafontaines Leibkoch genießt, wird an der Grenze in Berlin wieder scharf geschossen. Am Grenzübergang Chausseestraße endet der Fluchtversuch zweier Jugendlicher im Kugelhagel. Das Gespräch der Herren Mittag und Lafontaine wird der Vorfall nicht gestört haben. Was hat Mittag dem Saarländischen Ministerpräsidenten wohl erzählt? Hat er ihm brisante Informationen über die wahre Wirtschaftslage der DDR zukommen lassen?

Immerhin hatte Lafontaine das realistischste Bild von der Misswirtschaft in der DDR. Vermutlich wird Mittag lediglich ein weiteres Mal um zusätzliches Geld gebettelt haben.

Die beiden an der Grenze festgenommenen Jugendlichen würden der DDR bei ihrem späteren Freikauf ein paar tausend Westmark einbringen. Aber die Not ist längst so groß, dass nur noch ein neuer Milliardenkredit aus Bonn helfen könnte. Mit Franz Josef Strauss hat die DDR ihren größten Sponsor verloren. In Bonn ist niemand in Sicht, der offiziell die Rolle des verstorbenen bayrischen Ministerpräsidenten einnehmen will. So bröckelt die DDR ihrem Ende entgegen.

Sven von Storch

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