Stasi_ Nein, danke!
Stasi_ Nein, danke!
Datum: 17.08.2011, 11:36
Nach Öffnung der Akten der Staatssicherheit rückten die Inoffiziellen Mitarbeiter in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Nicht nur die Bespitzelten, auch die Medien wollten wissen, wer sich heimlich für die Staatssicherheit verdingt hatte. So wichtig diese Diskussion war, es geriet darüber eine viel wichtigere Entdeckung ins Abseits: Die Akten enthüllten, dass es sich bei der Staatssicherheit keineswegs um einen normalen Geheimdienst gehandelt hat, sondern um ein besonders widerliches Unterdrückungsinstrument des SED-Regimes, das sich systematisch krimineller Praktiken bediente. Die Maßnahme- und Zersetzungspläne der Staatssicherheit blieben von den Medien weitgehend unbeachtet. Dabei offenbart sich in diesen Plänen die Fratze des sozialistischen Systems, von dem es kein menschliches Antlitz geben kann.
In den Zersetzungsplänen wurde die systematische Zerstörung von Menschen, Einzelpersonen, ganzen Familien oder Gruppen bis hin zum Mord geplant. Dabei bediente sich die Staatssicherheit der Informationen, die sie von den Inoffiziellen Mitarbeitern erhielt. Jedes noch so banale Detail war wichtig. Von daher kann kein IM jemals sicher sein, dass Informationen, die er der Staatssicherheit gegeben hat, »niemandem geschadet« haben. Jeder scheinbar harmlose Hinweis auf Alltagsgewohnheiten, Vorlieben, heimliche Laster der Observierten nutzte den Psychologen der Staatssicherheit. Diese an der Stasihochschule in Potsdam speziell trainierten Wissenschaftler waren darauf abgerichtet, jede Schwachstelle der von der Staatssicherheit verfolgten Menschen zu erkennen und gleichzeitig Ratschläge zu geben, wie die erkannten Schwachstellen so wirkungsvoll wie möglich ausgenutzt werden konnten. Wenn jemand besonders an seiner Familie hing, würde die Staatssicherheit nichts unversucht lassen, die Familienbeziehung zu zerstören. Wer seinen Beruf liebte, dem wurden systematisch Misserfolge im Berufsleben organisiert, die oft mit dem Verlust der Stellung einhergingen. Wer gern reiste, der bekam keine Visa oder wurde an der Grenze zurückgeschickt, wer gern studierte, der wurde unter einem Vorwand exmatrikuliert, wer stolz auf seinen Freundeskreis war, dem wurden die Freunde mit böswilligen Gerüchten entfremdet. Dazu kamen offene oder versteckte Observationen, offene oder versteckte Haussuchungen, offene oder versteckte Schikanen der Behörden. Die Staatssicherheit scheute sich auch keineswegs, die Kinder der sogenannten Staatsfeinde zu drangsalieren, um die Eltern zu zermürben. Wenn alles nichts half, gab es auch schon mal Anschläge auf das Leben oder die Gesundheit.
Der Bürgerrechtler Wolfgang Templin und seine Familie hatten besonders unter der »Zersetzung« zu leiden. Die Staatssicherheit gab Inserate mit der Telefonnummer von Templin auf, in denen sie alle möglichen seltenen Waren und gefragte Dienstleistungen anbot. Mit der Folge, dass Telefon und Wohnung der Familie wochenlang von Interessenten belagert waren. Oder sie verschickte fingierte Bestellungen, sodass bei Templins eine Flut von Paketen einging, die von Kondomen bis zu lebenden Tieren alles nur Denkbare und Undenkbare enthielten. Mehrere Stunden pro Tag mussten aufgewendet werden, um all diese Sendungen zurückzuschicken und die erbosten Absender zu beruhigen. In dieser Zeit war Lotte Templin schwanger. Die Staatssicherheit verfolgte sie bis in den Kreißsaal. Das Kind starb kurz nach der Geburt an einem seltenen Herzfehler. Für mich stellt sich bis heute die Frage, ob der Dauerstress während der Schwangerschaft der Mutter und der Gesundheitszustand des Kindes nicht in Zusammenhang stehen. Wer geglaubt hätte, die Staatssicherheit würde nach einem so furchtbaren Ereignis die Mutter mit weiteren Schikanen verschonen, sieht sich getäuscht. Die Familie blieb ihren Dauerübergriffen ausgesetzt. Auch das zweite Kind starb kurz nach der Geburt an demselben Herzfehler. Lotte Templin hatte allerdings vorher ein gesundes Kind zur Welt gebracht, als sie noch nicht Ziel von »Zersetzungsmaßnahmen« der Staatssicherheit gewesen war.
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Beitrag erschien zuerst auf achgut.com
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