Stalins Mord in Katyn- und das Nachspiel von 1940 bis heute
Stalins Mord in Katyn- und das Nachspiel von 1940 bis heute
Datum: 01.12.2015, 17:26
Es war eines der größten Kriegsverbrechen im zweiten Weltkrieg, aber es ist weder im europäischen Bewusstsein verankert, noch wurde den Angehörigen je eine Wiedergutmachung zuteil. Dafür hat zuletzt eines der höchsten europäischen Gerichte, das EMGH in Straßburg gesorgt. Damit hat Europa, das gern die europäischen Menschenrechtsnormen als globales Modell verstanden wissen will, sich selbst ein Armutszeugnis ausgestellt. Wie will man Vorbild sein für die Welt, wenn man die eigenen Normen nicht einhält, wenn es politisch opportun erscheint?
Der Fall Katyn bleibt eine schwärenden Wunde am Körper Europas, die erst heilen wird, wenn die volle Verantwortlichkeit für dieses Verbrechen vom Rechtsnachfolger der stalinistischen Sowjetunion übernommen wird.
Die Fakten sind erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden. Im Frühjahr 1940 ließ Stalin mehr als 20 000 polnische Offiziere, Unteroffiziere, Beamte, Feuerwehrmänner im nach dem Hitler- Stalin- Pakt sowjetisch besetzten Ostpolen verhaften und in diverse Lager sperren. Einige Monate später wurden diese Menschen auf Beschluss des Politbüros der KPdSU hingerichtet und in Massengräbern verscharrt. Von den wenigen Überlebenden weiß man, dass die Totgeweihten bis zum Schluss nichts von ihrem Schicksal ahnten. Erst am Rande des Grabes realisierten sie, was ihnen bevorstand und leisteten zum Teil Widerstand. Bei Exhumierungen wurden Menschen gefunden, die an Armen und Beinen gefesselt waren.
Mehr als ein halbes Jahrhundert verbreitete die sowjetische Führung erfolgreich die Lüge, die Polen wären Opfer einer nationalsozialistischen Gräueltat gewesen. Die ehemaligen Verbündeten der Sowjetunion, die schon im Krieg die Wahrheit erfuhren, Churchill und Roosevelt, stellten diese Geschichtsfälschung nie in Frage. Während des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses ließen sie sogar zu, dass der sowjetische Chefankläger Wehrmachtsoffiziere wegen der Verbrechen in Katyn anklagte. Es kam allerdings zu keiner Verurteilung, denn die Argumentation der Sowjets stand auf zu wackligen Füßen.
Die Geschichtslüge blieb dagegen erfolgreich bestehen. Die Akten mit den genau dokumentierten Ereignissen blieben geschlossen bis in die Ära Gorbatschow. Erst nachdem Boris Jelzin an die Macht kam, wurden dem damaligen polnischen Präsidenten Lech Walensa im Oktober 1992 Dokumente zu Katyn übergeben, darunter ein Schreiben von Geheimdienstschef Berija an Stalin, in dem er die Ermordung der polnischen Offiziere vorschlägt. Mehr als 50 Jahre hatte es gedauert, bis die Rechtsnachfolger der Sowjetunion bekannten, dass die polnischen Offiziere vom NKWD hingerichtet wurden. Der russische Militärstaatsanwalt eröffnete 1992 sogar ein Verfahren, in dem die näheren Umstände untersucht werden sollten. Aber bereits ein Jahr später wurden diese Untersuchungen faktisch eingestellt, bis im Jahr 2005 das Verfahren offiziell beendet wurde. Mehrere Versuche von Memorial, andere Gerichtsverfahren zu erzwingen, scheiterten. Zuletzt urteilte das EMGH in Straßburg, dass Russland nicht verpflichtet werden kann, ein Katyn- Verfahren wieder aufzunehmen.
Es ist das große Verdienst von Peter Johnsson, Historiker, Journalist und Autor des Buches „Stalins Mord in Katyn“, alle verfügbaren Quellen ausgewertet und nicht nur die Umstände des Massenmordes, sondern auch die Geschichtslügen, die sich um dieses Verbrechen herumranken, genauestens untersucht und beschrieben zu haben. In all ihren makaberen Details ist es eine Geschichte, die Fragen nach dem laxen Umgang mit der historischen Wahrheit, auch in der Europäischen Union, aufwirft.
Das Kapitel Katyn ist, was die juristische Seite betrifft, abgeschlossen. Gegen eine, auch noch so fragwürdige, Entscheidung des EMGH in Straßburg ist kein Einspruch mehr möglich. Aber die politische und moralische Diskussion wird weiter gehen. Johnsson resümiert: „Katyn handelt von einem überlegten, durchdiskutierten und politisch beschlossenen und deshalb protokollierten Massenmord. Katyn handelt deshalb...vom menschlichen Zynismus in der Politik. Katyn handelt auch von Gleichgültigkeit in der Politik...die im Grunde auf Unmoral baut. Etwas, was André Glücksmann...den passiven Nihilismus genannt hat.“
Ein totalitärer, hasserfüllter Machtpolitiker und seine Nachfolger konnten mit unmoralischer Unterstützung demokratischer Machtpolitiker Europa über ein halbes Jahrhundert über ein Verbrechen belügen und vermeiden, dass die Frage nach der Verantwortung in den Korridoren der Macht gestellt wird.
So lange sich Europa nicht klar zum Unrecht und seiner Unmoral bekennt, wird der Fall Katyn nicht abgeschlossen werden können.
Peter Johnsson: Stalins Mord in Katyn, Berlin 2015
Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte unterstützen Sie mit einer Spende unsere unabhängige Berichterstattung.
Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.


Add new comment