Sind die Menschenrechte westlich_
Sind die Menschenrechte westlich_
Datum: 19.05.2015, 18:55
Der Sozialphilosoph Hans Joas stellt diese Frage im Titel seines neuesten Büchleins. Schon mit dem Inhaltsverzeichnis wird klar, wie er sie beantworten will.
Die Einleitung widmet er der „Gefahr des westlichen Triumphalismus“. Welcher Triumphalismus, fragt man sich angesichts eines Westens, der so verunsichert ist, dass er nicht mal mehr weiß, ob er Männlein oder Weiblein sein will und dabei ist, die emanzipatorischen Errungenschaften der kulturellen Transformation der letzten Jahrzehnte und ihrer rechtlichen Positivierung in einem beispiellosen Werterelativismus preis zu geben.
Von Triumphalismus ist dann auch gar nicht die Rede, sondern Joas referiert die Debatte, ob die Menschenrechtsgeschichte, er nennt es „Sakralisierung der Person“ seit den Menschenrechtserklärungen des 18. Jahrhunderts, der „Allgemeinen Erklärung der menschenrechte von 1948“, der Helsinki- Konferenz von 1975 oder gar vor zweitausend Jahren, in der sogenannten Achsenzeit begonnen hat, also jüdisch- christliche Wurzeln hat.
Die Abschaffung der Folter und der Sklaverei sind für Joas die Hauptmerkmale dieser Menschenrechtsgeschichte. Einen dritten, unverzichtbaren Faktor lässt er völlig unbeachtet, die Emanzipation der Frau.
Alle drei Prozesse haben eindeutig in der westlichen Welt begonnen und sind hier auch in die Gesetzgebung eingegangen. Joas kann das nicht leugnen. Es hat dann auch etwas Verkrampftes, dass er versucht, Beweise zu finden, dass der Westen nur scheinbar etwas mit diesen Erfolgen zu tun hat.
Joas holt dabei gewaltig aus, geht bis in die Zeit vor zweitausend Jahren zurück.
Nicht nur in der Bibel hätten sich Proklamationen der Sakralität von Personen gefunden, sondern auch bei Buddha in Indien und bei Konfuzius in China. Im Islam gibt es offenbar keinerlei entsprechende Hinweise, was Joas mit Schweigen übergeht.
Sein Hauptargument, warum diese Ideen lange Zeit kulturell so schwach waren, dass sie sich nicht durchsetzen konnten, ist mehr als billig. Es waren in der Geschichte der Menschheit immer Einzelne und kleine Gruppen, die sich für die Menschenrechte einsetzen, häufig um den Preis ihres Lebens. Erst als die Emanzipationsbewegung größere Massen erfasste, gelang es, die Idee der Sakralität des Menschen zum Gesetz werden zu lassen.
Damit ist auch das zweite Argument von Joas erledigt, der beklagt, dass nach der Abschaffung von Folter und Sklaverei, beides von staatlichen Institutionen in den Kolonien weiter betrieben, bzw. geduldet wurde.
Es sind eben niemals Staaten oder politische Institutionen gewesen, die Emanzipation und Befreiung aus der Knechtschaft vorangetrieben haben, sondern von Einzelnen inspirierte soziale Bewegungen, die, wenn sie eine kritische Masse erreicht haben, nicht mehr ignoriert werden konnten.
Staaten, das kann man aktuell an den Fehlentwicklungen in der EU beobachten, sind per se keine Hüter von Freiheit und emanzipatorischen Errungenschaften, sondern immer wieder bereit, beides auf dem Altar der Machterhaltung zu opfern. Unser freiheitsliebender Dichter, Friedrich Schiller hat das auf den Punkt gebracht:
„Die ganze Weltgeschichte ist ein ewig wiederholter Kampf der Herrschaft und der Freiheit“.
Nimmt die kritische Masse derer ab, die bereit sind, Freiheit und Menschenrechte zu verteidigen, können sie auch wieder verloren gehen, selbst wenn sie gesetzlich verankert sind.
In den Schlusskapiteln wird Joas Tunnelblick, der leider typisch für allzu viele westliche Intellektuelle ist, noch deutlicher. Er beklagt ausführlich, dass westliche Staaten in der Geschichte des Kolonialismus immer wieder gegen die Menschenrechte verstoßen haben. Wie wahr. Unter anderem führt Joas Lager und Zwangsarbeit an.
Gleichzeitig bringt er es fertig, über das größte System von Zwangsarbeitslagern, den Gulags in der Sowjetunion und China, kein Wort zu verlieren, obwohl beide Staaten die Menschenrechtserklärung von 1948 anerkannt haben. Europa, d.h. seine Meisterdenker, spalten sich eben nicht nur von seiner Kolonialgeschichte, sondern von der Geschichte des Kommunismus ab.
Was schlimmer ist, möchte ich dahin gestellt sein lassen. Aber eine Geschichte, die nicht einmal mehr gedacht wird, hält unerwartete böse Überraschungen bereit. Sie verschwindet ja nicht einfach, sondern wirkt eben unbeachtet weiter.
So kommt es , dass Joas in seiner finalen Argumentation auf das allseits strapazierte Beispiel Abu Ghraib und Guantanamo als Beispiele für Menschenrechtsverletzungen verweist und dabei das Schicksal der inhaftierten Terroristen mit dem der Sklaven vergleicht, ohne nur ein Wort über die Schrecken der kubanischen Gefängnisse zu verlieren, in denen Menschenrechtsaktivisten verfaulen und verrecken.
Hans Joas „Sind die Menschenrechte westlich?“ München, 2015
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