Neujahrsansprache einer Bürgerin an ihre Kanzlerin
Neujahrsansprache einer Bürgerin an ihre Kanzlerin
Datum: 02.01.2012, 06:51
Ohne ein Lächeln haben Sie mir gestern ein frohes neues Jahr gewünscht. Sie seien stolz auf mich, meine Tatkraft hätte Deutschland erfolgreich und menschlich gemacht. Ich fühle mich geschmeichelt. Ich würde Ihnen gern Ihr Kompliment zurückgeben. Das wird leider schwierig.
Nach dem kurzen arabischen Frühling, mit dem Sie ihre Ansprache einleiteten, folgte gleich die „verheerende Reaktorkatastrophe“ in Japan, der wir offenbar die „tiefgreifenden Veränderungen“ zu verdanken haben, die Sie uns für 2012 ankündiren. Warum das kommende Jahr eigentlich schwierig werden soll, obwohl Deutschland so gut dasteht, der Euro für die Wirtschaft so segensreich ist und die Arbeitslosigkeit niedrig, wie seit zwanzig Jahren nicht mehr, verraten Sie uns nicht. Natürlich, die Staatsschuldenkrise, die Sie beiläufig erwähnen, könnte etwas mit den zu erwartenden Schwierigkeiten zu tun haben, aber das führen Sie lieber nicht aus.
Dafür wissen Sie genau, dass sich viele von uns „Gedanken um die Sicherheit unserer Währung machen“. Falsch. Die meisten bangen mit recht um ihre Ersparnisse. Deshalb muss uns Ihre Versicherung, dass Sie „alles daran setzen, den Euro zu stärken“, eher als eine Drohung, als „ein Grund zur Zuversicht“ erscheinen.
Immerhin sagen Sie klar, wo es hingehen soll: „Eine gemeinsame Währung kann nur erfolgreich sein, wenn wir mehr als bisher zusammenarbeiten.“ Das Einheitseuropa von oben ist allerdings das genaue Gegenteil dessen, was die osteuropäischen Völker 1989/90 wollten, als sie ihre diktatorische Bevormundung abschüttelten und sich auf den Weg in die Freiheit machten.
Heute wird unsere Freiheit auf vielfältige Weise bedroht, keineswegs nur durch den Rechtsextremismus, auf den Sie sich konzentrieren. Immerhin kündigen Sie an, „alle Beteiligten, auch ihre Helfershelfer, zur Rechenschaft zu ziehen“. Wir hoffen Ihre Konsequenz macht vor dem Verfassungsschutz nicht halt. Uns interessiert, welche Rolle die V-Männer des Verfassungsschutzes bei allen braunen Aktivitäten gespielt haben. Kurz nach Ihrer Ansprache wurde bekannt, dass der Verfassungsschutz mehr als bisher zugegeben von den mörderischen Aktivitäten der Neonazis wusste. Dass die Kronzeugin Zschäpe nebenberuflich V-Frau war, wurde zwar von einer sächsischen Zeitung bereits aufgedeckt, ohne dass dies bisher zu sichtbaren Konsequenzen für die Helfershelfer geführt hätte.
Unsere Lebensweise soll „umweltverträglicher“ werden, deshalb wollen Sie „unser Energiekonzept“, bei dem wir nicht mitzureden hatten, zügig“ umsetzen. Sie haben schon mal bei sich selbst begonnen. Ich hoffe, dass die neue Flugflotille, die Sie sich für Ihre Bequemlichkeit genehmigt haben, irgendwie weniger Schadstoffe ausstößt, als die alten Regierungsflieger. Wie ernst Ihr Kabinett die Sorge um die Umwelt nimmt, hat kürzlich ihr Umweltminister demonstriert, als er CO2-sparend mit dem ICE nach Hamburg fuhr und sein Dienstauto leer nebenher fahren ließ, damit es ihm auf der Fahrt vom Bahnhof zum Klimaschutzvortrag und zurück zur Verfügung stand. Wir können auch sicher sein, dass bei künftigen, durch Ihr Energiekonzept verursachten Stromausfällen, das Licht im Regierungsviertel nie ausgeht, denn es werden genügend Notstromaggregate bereit stehen, damit Sie Ihre Arbeit mit den „über 100 Experten“, mit denen Sie einen „Dialog über die Zukunft Deutschlands“ führen wollen, nicht unterbrechen müssen. Es könnte höchstens passieren, dass der „Dialog“, zu dem sie auch mich eingeladen haben, zeitweise aussetzt, sei es , weil die heimischen Laptops ohne Strom sind, oder, weil kritische Fragen, wie wir im letzten Jahr beim vom Kanzleramt inszenierten „Dialog Nachhaltigkeit“ erleben mussten, wegmoderiert werden.
Wie dem auch sei, ich möchte Ihnen versichern, dass ich alles tun werde, um mich in diesen „Dialog“ einzubringen. Ich werde Sie in diesem Jahr kritisch begleiten und beobachten, welche der kommenden „Schwierigkeiten“, die Sie uns angekündigt haben, hausgemacht und welche unvermeidlich sind.
In diesem Sinne: Auf ein Neues, Frau Kanzlerin!
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