Impressionen vom Kirchentag in Dresden

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Impressionen vom Kirchentag in Dresden
Datum: 06.06.2011, 09:05

 Auf dem Altmarkt und rund um die Frauenkirche drängen sich die Besucher. Viele tragen die Kirchentagsschals um Hals oder Kopf, die in diesem Jahr, welch Überraschung, giftgrün sind. Viele Alte. Viele Junge. Was fehlt ist die arbeitende Mittelschicht. „....da wird auch dein Herz sein“ ist das Motto.

Wer ins umfangreiche Programm schaut, findet aber wenig Konkretes, an dass er sein Herz hängen könnte. Alles wirkt eher unbestimmt, vage, lau. Eine Erklärung dafür könnte sein, was ich auf den Jour fixe der Konrad-Adenauer-Stiftung einen hohen Kirchenvertreter sagen hörte. Man hätte sich um eine Sprache bemüht, die alles spezifisch Christliche meide, um offen für andere Religionen zu sein. Ob das hilft, Menschen für den Glauben zu gewinnen, darf bezweifelt werden.
Dafür ist viel von politischen Aufträgen die Rede, denen sich die Kirche verpflichtet fühle. Klimawandel, Energiewende, Multikulti- was man auf jeder Partei-, und Gewerkschaftsveranstaltung finden kann, gewinnt auch hier langsam die Oberhand. Sieht man Leute mit Jesus-Sprüchen, seinem Bild, oder Mahnungen an die Sünder durch die Straßen ziehen, sind es Sekten oder Menschen, die man politisch korrekt nicht mehr als Spinner bezeichnen darf. Vor dem Schloßportal sehe ich junge, wohlgenährte Mädchen liegen, deren Sneaker im Ausverkauf 250 € gekostet haben. Eine Demonstration gegen Atomkraft? Nein, die Schönen haben sich in den Staub geschmissen, um gegen den „Konsumterror“ zu protestieren. Ich hätte sie gern gefragt, wer sie eigentlich zwingt, die Markenklamotten zu kaufen, die sie am Leib tragen, aber sie stellen sich tot.

Eine Anti-Atomkraft- Demo sehe ich auch noch. Ausgerechnet am Morgen, wenige Stunden nach der Verkündigung des Schnellausstieges durch die Regierung. Kaum mehr als 50 Leute machen sich auf, um den Sofort-Ausstieg zu fordern. Einen jungen Mann, der mir symbolisch Atommüll anbietet, frage ich, wie ein solcher Ausstieg denn technisch gelöst werden soll. Er fertigt mich ab mit der Bemerkung, die Strom-Multis hätten genug Saft. Notfalls müsse man ihnen härtere Bandagen anlegen. Damit steht er nicht allein, wie ich feststellen konnte, als ich überraschend als Diskussionspartnerin von Petra Pau, der Bundestagsvizepräsidentin der Linken eingeteilt wurde. In ihrem Eingangsstatement plädiert sie für eine „radikale Energiewende“ als „4. Revolution“. „Die Macht der Energiemonopole bräche zusammen. Die Profitlogik würde an einem zentralen Punkt unterbrochen. Kriegsgründe um Rohstoffe und Endlager entfielen...“
Sie skizziert damit die Wende hin zu einem vorindustriellen Zustand, den sie selbst nicht in voller Wucht erleiden müsste. Denn selbstverständlich würden, wenn der Strom knapp werden sollte, die Politiker mit Sonderkontingenten ausgestattet werden, wie sie auch andere knappe Güter bevorzugt beziehen könnten. Ob das allerdings eine „Chance für die gebeutelte Demokratie“ (Pau) ist, darf bezweifelt werden.
Nur zwanzig Jahre nachdem die Osteuropäer ein Unterdrückungssystem abgeschüttelt haben, dass die Volkswirtschaften ehemals blühender Länder total ruiniert und vielen Menschen Leid und Tod gebracht hat, wird wieder munter über eine „Systemwende“ nachgedacht, die in den Totalitarismus führt. Utopien wird man doch haben dürfen…

Eine Szene noch zum Schluss. Beim Jour fixe der KAS beschwerte sich Professor Alfred Grosser lauthals, dass er noch immer eine eindeutige, verurteilende Stellungnahme der EKD zur Behandlung der Palästinenser durch die Israelis vermisse. Das wollte der anwesende Ex- Bischoff Huber nicht auf seiner Kirche sitzen lassen. Er sprang auf, um zu erklären, dass das Präsidium der EKD nach Israel und Palästina gereist sei, um demonstrativ die „die Palästinenser einschnürende Grenze “zu durchschreiten. Mit diesem symbolischen Akt hätten sie doch ebenso viel getan, wie mit Worten. Professor Grosser war’s zufrieden und schritt noch vor Ende der Veranstaltung zum Buffet, um sich für seine weiteren Auftritte zu stärken.

Ein Trost für mich war, dass beim anschließenden Beisammensein auf der Terrasse des Landtagsrestaurants mit atemberaubenden Blick auf die schönen Überreste von Elbflorenz ich viele Leute traf, die diesen Auftritt ebenso befremdlich fanden, wie ich.

ursprünglich erschienen auf "achgut.com"

Sven von Storch

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