Im roten Eis
Im roten Eis
Datum: 10.10.2013, 15:46
Das Erstaunlichste an dem Buch von Sonja Friedmann- Wolf ist, dass es beinahe fünfzig Jahre nicht in Deutschland erscheinen konnte. Die Autorin, eine deutsche Jüdin, die von ihren kommunistischen Eltern mit zwölf Jahren ins sowjetische Exil mitgenommen wurde und der es erst nach über zwanzig Jahren gelang, sich aus dem Vaterland aller Proletarier zu befreien, hatte ihre Autobiografie bereits 1963 fertig gestellt und deutschen Verlagen angeboten. Die Ablehnungen waren so krass, dass Friedmann-Wolf der Mut verließ, sie das Manuskript beiseite legte und nie wieder schrieb. Ihrer Tochter Ester Noter und dem Herausgeber Ingo Way ist es zu verdanken, dass einer der bemerkenswertesten Lebensberichte aus dem kommunistischen Milieu dem deutschen Publikum doch noch zugänglich gemacht wurde.
Was das Kind, die Jugendliche und die junge Frau Sonja erlebte, gehört zum kollektiven Gedächtnis unseres Volkes.
Über die Ablehnungsgründe damals ist wenig bekannt. An der literarischen Qualität des Manuskripts kann es nicht gelegen haben, wie die vom Aufbau-Verlag vorgelegte Ausgabe beweist. Auch wenn das Lektorat umfangreicher gewesen sein sollte als üblich, ist die Schilderung lebendig, einprägsam, von hoher literarischer Qualität. Der Inhalt lässt den Lesern abwechselnd das Blut in den Adern gefrieren und ungläubig mit dem Kopf schütteln. Was hier über die stalinistischen Praktiken aus der Sicht einer Minderjährigen berichtet wird, ist keineswegs allgemein bekannt und widerspricht allen Versuchen, dem Kommunismus doch noch gute Seiten abzugewinnen. Das ist meiner Meinung nach der eigentliche Grund, warum das Manuskript seinerzeit abgelehnt wurde.
Es passte nicht ins Weltbild der linken Kommunismus-Apologeten.
Sonja wurde als erstes Kind eines Paares geboren, das dem Kommunismus mit Haut und Haaren ergeben war. Neben ihrer gynäkologischen Praxis waren die Eltern Wolf vor allem publizistisch tätig. Sie unternahmen mehrere Reisen in die Sowjetunion und veröffentlichten anschließend propagandistische Reiseberichte. Die Apologie ging so weit, dass sie nach einem Besuch im berüchtigten Gefängnis Lefortowo, das von der sowjetischen Geheimpolizei betrieben wurde, äußerten, in diesem Gefängnis offenbare sich der wahrhaft humane Charakter des Sowjetsystems.
Schon Anfang 1933 verließen die Eltern Wolf Deutschland, offenbar, um einem Prozess wegen massenhafter illegaler Abtreibung zu entgehen.
Ihre beiden Kinder, zwei Jahre nach Sonja war ihr Bruder Walter geboren worden, ließen sie vorerst in Berlin zurück. Erst als die Wohnung von der Polizei durchsucht wurde, kamen die Kinder mit Hilfe ihrer Großmutter zu ihren Eltern in die Schweiz. Hier lebte die Familie kurzzeitig mit dem Schriftsteller Lion Feuchtwanger in einer Pension, was später einen erheblichen Einfluss auf ihr Schicksal haben würde.
Die Kinder konnten sich nicht lange ihrer Eltern erfreuen, denn die zogen nach Paris, um von dort aus ihre Weiterreise in die Sowjetunion zu betreiben. Auch treueste Kommunisten durften nicht aus eigenem Entschluss in die Sowjetunion emigrieren, sie brauchten die Erlaubnis der Partei. Sonja und ihr Bruder mussten in der Schweiz in einem Internat warten, bis alles geregelt war. Als sie nach acht Monaten endlich in Paris anlangten, ging es bald in die Sowjetunion, wo sie wieder von den Eltern getrennt und in ein Kinderheim, das der Komintern gehörte, verbracht wurden.
Die Verhältnisse in diesem Vorzugsheim waren so schrecklich, dass Mutter Wolf bei ihren monatlichen Besuchen nicht umhin kam, sie zu bemerken. Sie machte die zuständige Volkskommissarin darauf aufmerksam, erreichte, dass eine Untersuchungskommission eingesetzt wurde, die aber erst erschien, nachdem alle Missstände beseitigt waren. Die Folge dieser ersten Aufmüpfigkeit war erfreulich für die Kinder, denn sie mussten das Heim verlassen und durften endlich zu ihren Eltern nach Moskau.
Schließlich bekam die Familie sogar die zugesagte Dreizimmerwohnung im Wohnblock “Weltoktober”, der für Politemigranten errichtet worden war. Dort begann dann endgültig das Grauen. In den Jahren 1937/38 wurde mehr als ein Viertel der 400 Bewohner des Blocks verhaftet, überwiegend Männer. Anfangs wollten die Wolfs an die Schuld ihrer Genossen glauben und brachen den Kontakt zu den Familien der Verhafteten ab. Später versuchten sie, sich die Verhaftungen als das Ergebnis von trotzkistischen Machenschaften zu erklären. Vater Wolf stellte seine Dienste sogar der Geheimpolizei zur Verfügung, bis er selbst verhaftet wurde. Acht Monate lang durfte Sonja monatlich Geld im Taganka- Gefängnis, in das man ihren Vater gebracht hatte, abgeben. Dann hieß es: verschickt für zehn Jahre ohne Recht auf Korrespondenz. Dass dies ein Todesurteil bedeutete, das, wie später aus den Akten ersichtlich wurde, noch am gleichen Tag vollstreckt worden war, wollte die Familie nicht wahrhaben. Sie bestürmten vergeblich die deutschen Kommunisten Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht, etwas für den Verhafteten zu tun. Sonja wandte sich schließlich direkt an Georgi Dimitroff, den Chef der Komintern. Dimitroff gab immerhin den Tipp, dass eine Intervention einer vertrauenswürdigen Person aus dem Ausland hilfreich sein könnte. Sonjas Mutter wandte sich erfolgreich an Lion Feuchtwanger, der wegen seiner apologetischen Berichte über die Schauprozesse in Moskau bei Stalin gut angesehen war.
Der Brief Feuchtwangers bewirkte eine Audienz beim stalinistischen Chefankläger Wyschinski, der aber lediglich das Schreiben demonstrativ zerriss und sich jede Einmischung verbat. Lothar Wolf war zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Monate tot, was Wyschinski verschwieg.
Sonjas Mutter war bei diesen vergeblichen Interventionen der Lebensmut abhanden gekommen. Sie nahm sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben und legte ihren Kindern in ihrem Abschiedsbrief nahe, es ihr gleich zu tun. Sie hinterließ ihnen zwei sorgfältig abgezählte tödliche Tablettendosen.
Von nun an waren die Teenager auf sich allein gestellt. Während des Hitler-Stalin-Paktes, als etliche überlebende Politemigranten die Sowjetunion in Richtung Deutschland verließen, wollten Sonja und ihr Bruder dasselbe tun. Auf der Deutschen Botschaft wurde ihnen allerdings mitgeteilt, dass sie als Juden inzwischen ausgebürgert seien. Beide waren anschließend gezwungen, die sowjetische Staatsbürgerschaft anzunehmen, um in Moskau bleiben zu können. Das wurde später von der BRD als Grund für die überwiegende Ablehnung von Sonjas Entschädigungsansprüchen angegeben.
Neben ihrer Sorge, ihre und die Existenz ihres Bruders zu sichern, bekam Sonja bald noch ein größeres Problem: die Geheimpolizei rekrutierte sie als Inoffizielle Mitarbeiterin und sie verriet tatsächlich eine Frau, die verhaftet wurde und deren Kind in einem Heim verschwand. Diese Schuld und das Ansinnen, den Sohn von Karl Liebknecht, Wilhelm, auszuspionieren, führten zum ersten Selbstmordversuch von Sonja, den sie nur nicht wiederholte, weil inzwischen der Krieg Nazideutschlands gegen die Sowjetunion begonnen hatte. Mit dem ersten Transport von Deutschen nach Karaganda musste Sonja Moskau verlassen. Ihr Bruder Walter folgte ihr freiwillig. Es begann eine achtjährige Leidenszeit als Deportierte und schließlich Lagerinsassin. Dieser Teil des Berichts, obwohl er einen weitaus größeren Zeitraum umfasst, macht nicht mal ein Fünftel des Manuskripts aus. Es ist, als ob der Schmerz über das Erlittene noch zu groß war, um detailliert beschrieben werden zu können. In der Verbannung lernt Sonja Hunger und unmenschliche Arbeitsbedingungen kennen. Ihr Bruder wird, sobald er volljährig wurde, in die berüchtigte “Arbeitsarmee” eingezogen, wo er bald als verschollen galt. Sonja lernt ihren Mann Israel Friedländer kennen und bringt, als der schon wieder abberufen worden war, die gemeinsame Tochter Ester auf die Welt, die sie trotz widrigster Umstände am Leben erhalten kann. Das Kriegsende bedeutet noch nicht, dass die Familie wieder vereint wird. Zwar besucht Israel Sonja im Sommer 1945 in der Verbannung, darf aber anschließend nur seine Tochter nach Vilnius, wo er inzwischen wieder lebt, mitnehmen. Sonja wird wegen Passfälschung, sie hatte gehofft, als Jüdin ihren Mann begleiten zu können, zu vier Jahren Lagerhaft verurteilt wurde. Sie überlebt diese Haft, weil sie als “Kriminelle” gegenüber den “Politischen” Vorteile genießt. Unter anderem kann sie die Zigaretten, die sie regelmäßig von Israel geschickt bekommt, in Lebensmittel umtauschen.
Nach zwei Jahren wird ihr der Rest ihrer Strafe erlassen und sie darf zu Mann und Tochter nach Vilnius. Von da an verfolgt Sonja zwei Ziele: die Rehabilitierung ihres Vaters und die Ausreise nach Deutschland. Sie erreicht beides, wenn auch erst nach langem, zähen Ringen.
In der DDR bleibt sie nur so lange, bis eine sichere Weiterreise nach Westdeutschland und von dort nach Israel möglich ist. Israel wird für sie zur Heimat und zum sicheren Hafen. Sie verliert viel zu früh ihren Mann und obwohl es ihr gelingt, noch einmal eine unabhängige Existenz aufzubauen und sogar als Malerin Anerkennung zu finden, reicht ihr Lebensmut nicht mehr aus, sich einer schweren Krankheit zu stellen. Sonja scheidet mit 63 Jahren, wie ihre Mutter, mit Hilfe einer Überdosis Schlaftabletten aus dem Leben.
Wer ihr Buch liest, bedauert vor allem, dass sie nicht mehr geschrieben hat.
Beitrag erschien zuerst auf: achgut.com
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