Heinrich George war kein Nazi!
Heinrich George war kein Nazi!
Datum: 12.08.2013, 20:22
Parallel zum Film „George“, der kürzlich bei Arte und in der ARD zu sehen war, hat Regisseur und Autor Joachim A. Lang ein Buch vorgelegt: Heinrich George- Eine Spurensuche. Darin kann man die Aussagen aller Zeitzeugen, die auch im Film zu Wort kamen, noch einmal nachlesen. Mehr als das. Im Buch ist noch jede Menge Material zu finden, das im Film nicht verwendet wurde.
Als ich die Preview des Filmes in Berlin sah, war mir klar, dass es zwei mögliche Reaktionen geben würde: Entweder einen politisch-korrekten Aufschrei, weil „George“ der etablierten Geschichtslegende, bei dem genialen Schauspieler habe es sich um einen überzeugten Nazi gehandelt, erfolgreich widerspricht oder Schweigen, weil die unbequemen Fakten nicht wegdiskutiert werden können.
Insgesamt hat die Reaktion auf den Film gezeigt, dass die Suche nach der historischen Wahrheit in Deutschland immer noch nicht zählt. Nach wie vor gilt die ideologische Gewissheit alles, die Realität nichts. Wie auch auf der Achse nachzulesen war, haben sich die linken Geschichtslegenden bereits im bürgerlichen Lager etabliert, wenn man überhaupt noch von einem solchen sprechen will. Eines steht fest: An Gehässigkeit kann es einer wie Jaques Schuster, der sich gern als Welt-Edelfeder sieht, mit jedem TAZ- Kolumnisten aufnehmen.
In seinem Stück über den Film „George“ geht es nicht darum, was auf der Leinwand tatsächlich zu sehen war. Statt dessen wird im ersten Drittel des Textes über das „schaurig-schöne Dritte Reich“ und das Faszinosum Adolf Hitler schwadroniert, das immer wieder zum Thema gemacht werde. Es fehle nur noch so etwas wie „Hitlers Hunde“. Erst in der vierzehnten Zeile kommt Schuster kurz zum Thema, indem er einräumt, im Film werde dem „Balanceakt auf dem Rasiermesser des dritten Reiches“ von Heinrich George nachgegangen.
Statt zu untersuchen, ob und wie das dem Film gelungen ist, zitiert Schuster lieber ausführlich einen peinlichen Spitzelbericht , den der Schriftsteller Carl Zuckmayer 1943 im Vermonter Exil für den Amerikanischen Geheimdienst verfasste. Zwar weist Schuster noch darauf hin, dass Zuckmayer höchstens einen Teil von Georges Persönlichkeit erfasst hat, unterlässt es aber, seine Leser davon zu unterrichten, dass der Amerikanische Geheimdienst nicht überzeugt war, dass es sich bei George um einen Nazi gehandelt hat. Er stand, anders als Gustav Gründgens, den Schuster als positiven Kontrast zu George beschreiben zu müssen glaubt, nicht auf der Fahndungsliste der Amerikaner.
Schuster wirft den Söhnen von George allen Ernstes vor, dass sie sich um die Rehabilitierung ihres Vaters in der Öffentlichen Meinung bemühen. Ist es Oberflächlichkeit oder Kalkül, dass er dabei Jan George unterstellt, er würde fälschlicherweise verbreiten, dass in die Aufnahmen vom Publikum bei Goebbels Sportpalastrede ein Foto von Heinrich George und Berta Drews hinein montiert wurde? Dabei ist das eine Tatsache, auf die übrigens ein Journalistenkollege von Herrn Schuster aufmerksam gemacht hat.
Abgesehen davon, dass eine der faszinierendsten Schauspielerpersönlichkeiten rehabilitiert wird, die Deutschland je gehabt hat, sind Film und Buch wertvolle Beiträge zu einer überfälligen Debatte: Warum gelingt es totalitären Ideologien Fuß zu fassen und beherrschend zu werden? Wie verhält sich ein Mensch unter den Bedingungen einer Diktatur? Was hat er für Möglichkeiten? Welche Kompromisse sind erlaubt? Wer kann das beurteilen?
Kollegen und Freunde von Heinrich George, die ihn erlebt haben und zum Teil von ihm beschützt wurden, kommen jedenfalls in einem Gnadengesuch an die sowjetische Kommandantur zu folgendem Schluss:
„Es hatte sich hier (im Schillertheater)eine Gruppe von Kollegen zusammengefunden, die sich künstlerisch und menschlich gegen die Ideologie der Naziherrscher verschworen hatten und die sich gegenseitig ein Stück Heimat gaben in der allgemeinen politischen Verworrenheit. Eine Tatsache, die nun freilich nicht der bewussten politischen Auslese des Theaterleiters zu Gute gehalten werden muss, als vielmehr seinem ungewöhnlichen menschlichen Instinkt.“
Ein Mensch, dem ein solches Zeugnis ausgestellt wurde, ist, bei allen Fehlern, die er gemacht hat, jedenfalls kein Nazi, nicht mal „angebräunt“ gewesen, denn er hat eben niemals ideologisch gehandelt.
George war ein anständiger Mensch. Anständiger, als seine Schauspielerkollegen, die ihn bei den Sowjets denunziert haben, wie Stahl- Nachbaur oder die sich aus verletzter Eitelkeit, wegen des Streits um eine Rolle, nicht für ihn eingesetzt haben, wie Paul Wegener.
Was George zum Verhängnis wurde ist, dass er, wie im erwähnten Gnadengesuch formuliert wurde, eines nicht besaß: „Die Geschicklichkeit anderer Bühnengrößen zur Doppelzüngigkeit“.
Bezeichnend finde ich, dass ein Mann bei der Denunziation Georges eine Schlüsselfunktion hatte, der auch später immer wieder zwielichtige Rollen spielte: Wolfgang Harich, damals Sekretär von Paul Wegener, als der nach Kriegsende Leiter der Kammer der Kunstschaffenden war. Harich soll Wegener maßgeblich beeinflusst haben, sich nicht für George einzusetzen. Jahre später trat Harich, nun selbst in die Fänge der kommunistischen Justiz geraten, im Prozess gegen seinen Freund Walter Janka als Kronzeuge der Anklage auf. Anders als seine Haftkameraden konnte Harich im Gefängnis an einem umfangreichen Buch über Jean Paul arbeiten. Ende der 80er Jahre machte er noch mal von sich reden, als er in seinem Buch „Kommunismus ohne Wachstum“ die Errichtung einer Ökodiktatur forderte. Ein Hauptverantwortlicher für Georges Tod im Speziallager Sachsenhausen war ein Mann, der sein Leben lang totalitär gedacht und gehandelt hat.
Im Gegensatz dazu hat der Dramaturg des Schillertheaters Günther Weisenborn, Mitglied der „Roten Kapelle“, für den sich George nach seiner Verhaftung nicht eingesetzt hat, dies George nie übel genommen. Weisenborn wusste offenbar, dass es zu gefährlich gewesen wäre, sich für ihn, den ursprünglich zum Tode Verurteilten, zu verwenden. Er hat gleich nach Kriegsende seinen freundschaftlichen Kontakt zu George wieder aufgenommen. Nach Einschätzung von Weisenborns Sohn Christian hätte sein Vater das niemals getan, wenn er geglaubt hätte, George sei ein Nazi gewesen.
Angesichts dessen, woher nehmen die Schuster& Co eigentlich ihre Arroganz , George auch nur als „angebräunt“ zu bezeichnen? Von einem menschlichen Instinkt sicherlich nicht.
Bleibt nur zu hoffen, was Schuster befürchtet, dass der „George“- Film und das Buch tatsächlich das Charakterbild Heinrich Georges in der Geschichte bestimmen.
Es wäre der Sieg der Wahrheit über die Ideologie!
Beitrag erschien zuerst auf: achgut.com
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