Durch die Erde ein Riß - Erich Loest ist tot

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Durch die Erde ein Riß - Erich Loest ist tot
Datum: 13.09.2013, 23:49

Der Mann, der gestern Abend in einem Krankenhaus in Leipzig freiwillig aus dem Leben schied, war immer eigenwillig. Mit mehr als siebzig Büchern ist er sicher einer der produktivsten Schriftsteller Deutschlands gewesen, obwohl ihm siebeneinhalb Jahre seines Lebens gestohlen wurden. Die musste er in Haftanstalten der DDR unter strengstem Schreibverbot verbringen.

Loest war immer kritisch, auch zu sich selbst. Anders als viele seiner Altersgenossen, wie Günter Grass oder Walter Jens, bekannte er sich offen dazu, als Jugendlicher den Nazis auf dem Leim gegangen zu sein.

Er wurde in der HJ Jungenschaftsführer, trat der NSDAP bei, wollte sogar zur Waffen SS, was sein Schuldirektor aber nicht erlaubte und endete als Wehrwolf. Er hat sich mit dieser Phase seines Lebens in mehreren Büchern kritisch auseinandergesetzt. Er hat die Gefahr, durch Macht korrumpiert zu werden, wie kaum ein anderer Schriftsteller zum Thema gemacht.

Auf Loest aufmerksam gemacht wurde ich durch meinen Vater, der eines der Exemplare, von „Jungen, die übrig blieben“, ergattert hatte. Der Roman, die literarische Verarbeitung von Loests Wehrwolfzeit, wurde in der DDR ein Bestseller. Viele, die als Jugendliche das Ende des Dritten Reiches erleben mussten, erkannten sich und ihre Irrtümer in dem Buch wieder. Für mich eröffnete es ein Kapitel Geschichte, das in der DDR nicht besprochen wurde. Als ich Loests Buch las, war mir nicht klar, dass ich schon viel von diesem Autor gelesen hatte, allerdings unter Pseudonym. „Der Mörder war saß im Wembley-Stadion“ war ein Renner unter den DDR-Jugendlichen, wie viele andere Titel von Hans Walldorf.

Um leben zu können, hatte Loest nach seiner Haftentlassung im September 1964 angefangen, erfolgreich Unterhaltungsliteratur zu produzieren.

Mit seinem richtigen Namen wurde er 1977 in der ganzen DDR populär durch seinen Roman: „Es geht seinen Gang“. So wie ich liebten junge Frauen dieses Buch besonders, weil sie sich darin wiederfanden. Wie die Frau des Helden Wülff hetzte ich , den Kinderwagen schiebend, zur Kaufhalle, fahndete nach dem einzigen trinkbaren, trockenen Weißwein „Hemus“. Ich hatte die von Loest beschriebenen Bauchschmerzen wegen der Zustände in Krippe und Kindergarten. Ich war, wie Wülff entsetzt über die Methoden bei der Auswahl von Kindern für den Leistungssport.

Persönlich lernte ich Erich Loest im Juni 1979 kennen, in der Wohnung von Bettina Wegener und Klaus Schlesinger. Schlesinger war gerade mit acht anderen Autoren aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen worden. Erich Loest war in Leipzig einem ähnlichen Schicksal entgangen. Warum? „Ganz einfach“, sagte Loest, “Bei uns war der Kreis zu klein. Sie mussten mir alle in die Augen sehen.“

Loest blieb noch in der DDR, auch als Schlesinger und andere schon gegangen waren. Schließlich beugte er sich dem Druck und wechselte mit einem Dreijahresvisum ins andere Deutschland.

Nach Ablauf der drei Jahre kehrte Loest nicht zurück.

In Westdeutschland erschien 1981 „Durch die Erde ein Riß“, der Bericht über seine Haftzeit in der DDR. Teile des Buches zitierte Loest immer wieder in späteren Veröffentlichungen.

Im „Verband deutscher Schriftsteller“ eckte Loest ziemlich häufig an, weil er die zu große Nachgiebigkeit von Verbandsfunktionären gegenüber den DDR- Machthabern kritisierte.

Nach dem Mauerfall wurde Erich Loest, wie ich, im April 1990 vom Obersten Gericht der Noch -DDR rehabilitiert. Wir trafen uns auf dem Flur. Ich kam gerade aus der Verhandlung, er war auf dem Weg dort hin. Er besuchte anschließend die Volkskammer und sah sich die Debatten des Tages auf der Besuchertribüne an. Prompt kam er sich mit westdeutschen Beratern in die Wolle, die sich über uns „Laienspieler“ mokierten, die nicht mal richtig abstimmen könnten. Später, beim Kaffee, sprach er davon, sich wieder eine Wohnung in Leipzig zu nehmen, was er im Laufe des Jahres auch tat. Den Sitz seines Linden-Verlages hatte er schon vorher in seine Heimatstadt verlegt.

Endgültig berühmt wurde Loest, als sein Buch „Nikolaikirche“, in dem er die Friedliche Revolution 1989 in Leipzig beschreibt, 1995 vom WDR unter der Regie von Frank Beyer in einem Mehrteiler verfilmt wurde.

Ab 1998 lebte Loest wieder ganz in Leipzig, wo er sich unermüdlich für die Belange seiner Heimatstadt einsetzte. Er stritt für den Wiederaufbau der Paulinerkirche, die auf Geheiß von Partei-, und Staatschef Walter Ulbricht gesprengt worden war und gegen die Wiederaufstellung des sozialistisch-realistischen Bronzereliefs „Aufbruch“ in der Leipziger Karl-Marx-Universität.

Unermüdlich, aber ohne Hass, war sein Engagement für die Aufklärung der Verbrechen der SED-Diktatur. Seine klugen Analysen und Ratschläge waren eine große Hilfe.

Anlässlich der Preisverleihung des Kulturgroschens in Berlin für sein „herausragendes künstlerisches wie politisches Engagement“ gab Erich Loest am 29. September 2010 bekannt: „Der heutige Tag bildet den festlichen Abschluss meines künstlerischen und politischen Treibens.“

Aber dann erschien 2011 doch noch „Man ist ja keine achtzig mehr“, Tagebucheinträge der letzten Jahre.

Nun hat Erich Loest sich endgültig selbst die Feder aus der Hand genommen. Er wird uns fehlen.

Beitrag erschien zuerst auf:achgut.com

Sven von Storch

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