Doppeltagebuch 1989_2014

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Doppeltagebuch 1989_2014
Datum: 01.01.2014, 19:35

„Ein großes Gedächtnisjahr hebt seine Röcke und möchte begattet werden,“ beginnt Walter Kempowski seine Chronik „Alkor“ des Jahres 1989, ohne zu wissen, dass er am Jahresende über viel mehr als 50 Jahre Kriegsbeginn, 40 Jahre DDR und BRD, 200 Jahre Französische Revolution, sowie seinen 60. Geburtstag zu berichten haben würde.

Ende 1989 war Kempowski einer der wenigen Intellektuellen, die mit reiner Freude auf den Fall der Mauer und den Zusammenbruch des Kommunismus reagieren konnten und die es nicht bereuen mussten, den falschen Heilspropheten gehuldigt zu haben. Die Revolution von 1989 ist bis heute ein Ereignis, das nicht richtig verstanden und daher unterschätzt wird.

Es ist ein Allgemeinplatz, dass die Zeitzeugen eines gesellschaftlichen Umbruchs sich allzu oft Täuschungen darüber hingeben, was sie eigentlich miterleben. „Die Geschichte lehrt, wie man sie fälscht“, dieses Bonmot des polnischen Aphoristikers Stanislaw Jerzy Lec ist seit DDR-Zeiten für mich eine Art Ariadne-Faden durch die Wirren der Geschichte und ihre Wahrnehmung.

Fünfundzwanzig Jahre nach ihrem Zusammenbruch leben wir in einer Gesellschaft, in der die DDR als Schimäre wieder auferstanden ist, die Mehrheit der Deutschen nicht mehr weiß, was die Mauer bedeutet hat und man einen Preis für Zivilcourage erwerben kann, indem man sich ein Hakenkreuz in die Hüfte ritzt und hinterher behauptet, die Rechtsradikalen hätten das getan. Also mache ich mich daran, den Legenden die Fakten entgegen zu halten.

Am 1. Januar 1989 trat in der DDR etwas in Kraft, was man als einen Vorboten für die kommende Entwicklung sehen könnte. Ein neues Reisegesetz eröffnete erweiterte Möglichkeiten für private Besuche  im Westen, aber auch für die ständige Ausreise. In den kommenden Monaten sollte sich erweisen, dass die DDR-Bürger diese Möglichkeiten entschlossen zu nutzen gewillt waren.

Heute, am 1. Januar 2014, beginnt wieder ein Gedächtnisjahr und diesmal soll es sogar, will man dem „Spiegel“ glauben, „das bislang größte mediale Geschichtsereignis des 21. Jahrhunderts werden."

Die Frage ist, welche Rolle die historische Wahrheit bei einem  „medialen Ereignis“ spielt. Dabei wäre das Jubiläumsjahr eine gute Gelegenheit, etliche historische Tatsachen, die es noch nicht in das öffentliche Bewusstsein geschafft haben, endlich zum Allgemeingut werden zu lassen.

Nur wenn Europa mit seinen Geschichtslügen aufräumt, kann es wirklich zusammenwachsen.

Der australische Historiker Christopher Clarke widerlegt die bislang herrschende These von der Alleinschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg und findet, außer in Deutschland, weitgehend Zustimmung. Über eine tatsächliche Alleinschuld Deutschlands ist aber nach wie vor kaum die Rede.

Der Kopf der Bolschewiki, Lenin, sah im  Ersten Weltkrieg die willkommene Chance, mittels einer angezettelten Revolution den verhassten Zaren zu stürzen. Sein Problem war, dass er sich in der Schweiz im Exil befand und als Russe nicht durch das mit Russland Krieg führende Deutschland reisen durfte. Dieses Dilemma wurde gelöst von einer mehr als dubiosen Person, auf die sich der Seeheimer Kreis der SPD noch heute positiv beziehen soll: Israil Lasarewitsch Helphant, alias Alexander Parvus.

Dieser durch Waffengeschäfte und Handel mit Embargowaren reich gewordene Bolschewik unterbreitete der  deutschen Reichsregierung  einen Plan, wie der Zar durch eine Revolution gestürzt und Russland somit zur Kapitulation gezwungen werden könnte. Dafür brauchte man Lenin und seine Getreuen. Der deutschen Regierung gefiel der Plan. Sie stellte Lenin und seinen Genossen nicht nur einen Zug zur Verfügung, mit dem er unbehelligt an die finnische Grenze reisen konnte, sondern für seinen Putsch gegen die nach dem Sturz des Zaren demokratisch gewählte Regierung Krenski nach heutigem Gegenwert etwa eine Milliarde Mark zur Verfügung.

Ohne Parvus und die deutsche Regierung wäre Lenin nicht nach Petrograd gelangt! Wie anders wäre die Geschichte verlaufen, der in diesem Jubiläumsjahr gedacht wird!

Sven von Storch

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