Die Umdeutung eines blutigen Massakers durch die Deutsche Welle
Die Umdeutung eines blutigen Massakers durch die Deutsche Welle
Datum: 28.06.2014, 10:22
In meinem Tagebuch der Friedlichen Revolution habe ich an die blutigen Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 erinnert. Die von unseren Gebühren finanzierte Deutsche Welle hatte nichts besseres zu tun, als die brutale Niederschlagung des Studentenprotests zu leugnen und in eine hilflose, leider aus dem Ruder gelaufene Reaktion der chinesischen Führung auf “verwirrte Studenten"umzudeuten. Achseleser Reinhard Iben hat mir zu diesem Thema einen Beitrag geschickt, den ich hiermit allen Lesern zur Kenntnis geben möchte:
DIE LÖSUNG
Zum Artikel von Frank Sieren: „Von Tienanmen nach Leipzig“ (Deutsche Welle, 4.6.2014)
Man muß schon etwas Geduld und langen Atem mitbringen, um zu er- gründen, worum es geht in diesem Artikel . Erst der letzte der fünf Abschnitte läßt es ahnen, sofern man sich der Anführungszeichen beim Wort „Massaker“ im dritten Ab- schnitt erinnert. Dort wird ausgerechnet Jiang Zemin zitiert, wohlbekannt als schärfster Verfechter rabiater Maßnahmen. Ihm zufolge soll auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4.6.89 so gut wie fast nichts passiert sein. Ja-ja, in den angrenzenden Straßen, da war irgend etwas… Fehlt nur noch der Hinweis auf die vielen Bier-Lokale dort, wo eine Anzahl verwirrter Studenten bei Kneipen-Schlägereien sowie in alkoholischem Delirium ums Le- ben kam. Die Panzer? Waren rein zufällig dort, auf Heimfahrt vom Regiments-Karaoke-Abend.
„Niemandem ist geholfen, wenn…“, schreibt Herr Sieren. Woraus folgt, daß geholfen werden soll, vermutlich einer guten Sache aufgeholfen. Mit Konsens und Fairness, wovon Kraftentfaltung zu erwartet sei. Leider endet damit der Artikel. Nichts darüber, wie ein Helfen, ein Konsens, eine Fairness konkret aussehen soll.
Da bleibt Raum für Vermutungen. Zum Beispiel, ob der angemahnte realistische und faire Blick dazu dienen soll, einen Begriff aus der Welt zu schaffen: das Wort „Massaker“. Dies könnte das ver-
Reinhard Iben
borgene Interesse sein, welches stellenweise im Text durch- scheint. „So fühlt man Absicht und man ist verstimmt“ (Goethe). Möglich, daß Chinas Regierung zur Zeit jedem West-Journalisten viel verspricht, wenn er bereit ist, einiges nicht mehr beim wahren Namen zu nennen und Sprachregelungen akzeptiert. Jedes Eingehen darauf dürfte diskret als Sieg verbucht werden, dort, wo man für Konsens und Fairness allenfalls ein müdes Lächeln hat. Doch das gute Recht, die Dinge beim Namen zu nennen, sollte man weder durch Tricks sich entreißen, noch abkaufen lassen. An- dernfalls rächt sich das, manchmal erst nach Jahren, dann um so schlimmer. Schnell ist der Punkt überschritten, wo die Frage sich gestellt hat: willst du Wahrheit oder Wirkung? Wer sich da für die Wirksamkeit entschieden hat und schon wacker weiter ge- schritten ist, dem entgeht, daß er die Wahrhaftigkeit nun nicht mehr an seiner Seite hat. Dennoch kann man bequem sich weiter etwas vormachen, zum Beispiel, mittels Konsens und Fairness Heil und Segen für alle zu erreichen. Schon bald, aber-ja. Verspro- chen.
Dabei ist der Aufmacher des Artikels eine DDR-Groteske ersten Ranges: wie im Herbst 89 die klugen Jungs vom Politbüro zu Ost- Berlin in ihrer Weisheit und Güte, inspiriert durch die Pekinger Fehlentscheidung von Juni, sich dafür entschieden hätten, die Leute in Leipzig nicht niederschießen zu lassen. Weil eine Lehre gezogen worden sei. Man stelle sich vor: eine Lehre. Gezogen von Leuten, die nie und nimmer die Aufgabe gehabt hatten, irgendwel- che Lehren aus irgendetwas zu ziehen. Deren einzige Aufgabe es war, alles zu tun, daß alle und alles auf der von Moskau vorge- gebenen Linie bleibt. Als eines Tages von dort nichts mehr kam, war auch nichts mehr zu machen. Man fragt sich als Zeitgenosse,
weshalb Herr Sieren solche Kalauer aus der Mottenkiste des SED- Politbüros bringt. Es gibt tatsächlich eine Spur vom Fernen Osten zur friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR. Sie legte ein gewisser Krenz, Egon, der Gratulant von Peking. Wohl kaum etwas hat die DDR-un- terminierende Fluchtbewegung vom Sommer 89 so stark angetrieben, wie dessen Auftritt dort. Jedem Ostdeutschen war die Botschaft sofort klar: „Unsere Organe werden im Bedarfsfall ein gleiches tun, wenn ihr Aufmüpfigen weitere Ungehorsamstaten begeht“. Dies an ein Volk, dem das Trauma des 17. Juni 1953 tief im Unterbe- wußtsein verankert war. Im Herbst dann kein Ton aus Moskau. Schweigen allerorten. Für die Genossen Kommandeure, die da in Leipzig auf weitere Befehle warteten, kam einfach nichts. Auf deren dringende Nachfragen keine Antwort. Und das war ́s dann. Man lasse sich bitte nicht nachträglich vormachen, im Herbst 89 habe das SED-Politbüro in Ost-Berlin vor einer echten Entschei- dung gestanden.
Als Titel für besagten Artikel könnte passender sein: „Vom 17. Juni 53 in Leipzig zum 4.Juni 89 in Peking“, in Analogie zum DDR-Regime auf seiner Suche nach Lösung. Herr Sieren scheint bereit, wie gewünscht zu helfen und möchte erreichen, was bei aller Ehrenhaftigkeit dennoch kritisch be- fragt werden muß: Konsens. Mit einer gewaltigen, auch gewalttä- tigen Staatsmacht? Mit Leuten, die eisernen Vernichtungswillen in sich tragen? Da wird es heikel. Bewußter Verzicht auf Konsens wäre vielleicht klüger, begleitet von beredtem Schweigen. Es würde der Reputation der Deutschen Welle langfristig besser tun. Denn: „Wer mit dem Teufel Suppe essen will, muß einen verdammt langen Löffel haben“.
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