Die schöne heile Welt des Sozialismus
Die schöne heile Welt des Sozialismus
Datum: 16.08.2011, 08:47
Meines Wissens ist niemals der Anteil von Beat und Rock an der Unterminierung des sozialistischen Systems untersucht worden. Er dürfte erheblich gewesen sein. Die Kommunisten hatten jedenfalls die subversive Kraft westlicher Rhythmen immer instinktiv erahnt und – beim Tango angefangen – verbissen bekämpft. Allerdings auf die Dauer erfolglos. Bei den »Beatles« erlag unsere »Partei- und Staatsführung« anfangs dem Irrtum, dass die Musik von Jungs aus den Liverpooler Slums, also englischen Abkömmlingen der revolutionären Kraft des Proletariats, für den Sozialismus vorteilhaft, jedenfalls ungefährlich sei. Deshalb wurden die ersten Songs der »Beatles« noch von »Amiga«, der staatlichen Schallplattenfabrik der DDR, herausgebracht. Damit ließ man einen Geist aus der Flasche, den man nie wieder loswurde. Es half wenig, dass bald keine Platten mit westlicher Beatmusik mehr produziert und sie im DDR-Rundfunk nicht mehr gespielt wurde. Die Jugend, einschließlich staatsbraver SED-Elternkinder wie ich, wich auf das Westradio aus. In der Klasse hörten alle RIAS und wir tauschten uns offen darüber aus. Bald war unser »Kollektiv« wieder gespalten, diesmal in Anhänger der Beatles und in Stones-Fans. Ich war die erste »Stones-Käthe« der Schule und trug mein blondes glattes Haar als schulterlangen Pilzkopf, um den mich alle Jungs beneideten. Die hatten es schwer, denn sie mussten sich jeden Zentimeter Haarlänge erkämpfen. Immer wieder wurden Jungs nach Hause geschickt, weil ihre Haare für den Besuch einer sozialistischen Schule zu lang waren. Die Lehrlinge hatten es besser. In den Betrieben wurden lange Haare in der Regel toleriert und so liefen die Jungarbeiter stolz und von den Schülern beneidet mit langen Zottelmähnen herum. Nur vor gelegentlichen Razzien der Volkspolizei mussten sie auf der Hut sein, denn es kam immer wieder vor, dass Langhaarige von der Straße weggefangen und auf dem Volkspolizeirevier zwangsgeschoren wurden. Probleme machten auch die in Mode gekommenen Schlaghosen – selbstverständlich waren weite Hosenbeine in der Schule verboten. Andererseits waren sie das, was jeder Junge für unverzichtbar hielt, um »fetzig« zu sein. Also wurden Knöpfe und Kettchen am Hosenbein befestigt, um die vorgeschriebene Enge zu erzeugen, wenn es unabdingbar war, und um die geliebte Weite zu haben, wenn man sich frei bewegen konnte. Natürlich wollten die Jungs mit ihren Bands die heiß geliebten Westtitel spielen. Da es für Funktionärskinder ohne Westverwandtschaft schwierig war, an die Texte zu kommen, verlegte ich mich bald darauf, Texte nach Gehör mitzuschreiben. Wo ich das Gesungene nicht genau verstand, musste ich raten oder erfinden, und bald entwickelte ich ein beträchtliches Geschick in der Ergänzung von Texten, die immerhin wirkten, als könnten sie im Original so geschrieben worden sein. Gesungen wurde nach Gehör, und fertig war der Titel.
Mehr in meinem Buch: “Ich wollte frei sein”
Beitrag erschien zuerst auf achgut.com
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