Die Medien und ihr Phänomen

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Die Medien und ihr Phänomen
Datum: 01.03.2011, 08:49

Der Droemer Verlag hatte eingeladen und alles, was im Hauptstadtjournalismus Rang und Namen hat, war gekommen. Der Ballsaal 1 des Adlon war, mit Ausnahme der ersten Reihe, bis auf den letzten Platz gefüllt. Ich kam fünf Minuten zu spät und musste deshalb direkt vor dem Podium Platz nehmen.

Laut Einladung sollte der bayrische Ministerpräsident die Laudatio halten. Ende letzter Woche hatte Seehofer allerdings abgesagt: „Als CSU-Vorsitzender möchte ich, dass wir mit der Angelegenheit zurückhaltend und verantwortlich umgehen und ab sofort keine weiteren Debatten über die Sache führen. Mein Auftritt .... wäre mit einer solchen Linie unvereinbar.“

Es ging um die Vorstellung eines Buches, das als die seltsamste Politikerbiografie in die Geschichte eingehen wird.

Guttenberg Biographie steht in aller Schlichtheit auf dem Titel des Gemeinschaftswerks der FAZ-Redakteure Eckart Lohse und Markus Werner. Dazu ein dekoratives Foto des Noch-Politstars. Mehr schien noch vor wenigen Tagen nicht nötig zu sein. Der Mann, das Programm, der Erfolg.

Schon auf den ersten 20 Seiten wird die Frage aufgeworfen: Bundeskanzler Guttenberg? Das schien nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Am Ende des Abschnitts zitieren die Autoren die Kernbotschaft des AC/DC- Songs, mit dem zu Guttenberg gern seinen Einzug bei Großveranstaltungen begleiten ließ: „Ich komme wie ein Hurrikan....Keiner legt sich mit mir an.“

Jetzt legen sich alle mit ihm an, wenigstens die übergroße Mehrzahl der im Ballsaal Versammelten. Aber sie agieren wie die Zauberlehrlinge, die nicht fassen können, dass sie den Geist, den sie riefen, nun nicht loswerden. Dazu passte die erste Frage an Eckart Lohse: „Wie hast Du Dich gefühlt, als die Nachricht von der Dissertation kam?“ Lohse erzählt, er hätte gerade am Klavier gesessen, als der Anruf kam, dass sein Buch gedruckt sei. Fast zeitgleich kam die Mitteilung über die Plagiatsmeldung in der „Süddeutschen“.

In diesem Stil ging es weiter. Von der elitären Erziehung des Freiherren ist die Rede, seinem strengen, fordernden Vater, der frühen Scheidung der Eltern, dem mühelosen Aufstieg in der Politik, weil ihm Mandate, Funktionen und Positionen einfach zufielen. Und die Rolle der Medien? Da hätte man wohl nicht immer mit der nötigen Skepsis hingeschaut, war das Äußerste an Selbstkritik, was zu vernehmen war. Guttenberg hätte sich so tief wie kein anderer Politiker mit der Yellow Press eingelassen. Das hätte eine Popularität im Volk erzeugt, die ihm die fehlenden Parteinetzwerke ersetzt hätten. Ihn schwer angreifbar machten. Zugute gekommen wäre ihm auch seine Entscheidungskraft. Im Gegensatz zu den Hartz- VI- Verhandlungen, die seit Jahren zu keinem befriedigenden Ergebnis gekommen seien, hätte der Verteidigungsminister innerhalb weniger Monate die Wehrpflicht abgeschafft. An dieser Stelle kommt am Rande das Eingeständnis, dass dies auch ein Grund sein könnte für seine anhaltende Beliebtheit im Volk: er sei geradezu ein Antipolitiker mit seinen schnellen Entschlüssen und seinem Durchsetzungsvermögen.

Das war schon alles an Analyse, was geboten wurde. Ansonsten ging es nur um Befindlichkeiten. Zu Guttenberg sei das „Projekt unserer Sehnsucht“, solche Sätze fielen tatsächlich.

Wer als Erlöser angesehen wurde, muss offenbar wie der Erlöser enden.

Warum ist er noch nicht gefallen, wann wird er fallen? Diese Frage beschäftigte die Anwesenden am meisten.

Ein freier Autor, mit einem Spiegel auf dem Schoß, mutmaßte eine Bild-Verschwörung, weil bekanntlich ein zu Guttenberg dort Chef vom Dienst sei. Überhaupt die Springerpresse! Die 68er Vorurteile als Hilfskrücken, wenn man nicht mehr weiter weiß.

Zum Glück war die Veranstaltung dann bald zu Ende. Das „Fingerfood“, wie der Verlag sein opulentes Buffet genannt hat, war wesentlich verträglicher als die Diskussion.

Beitrag erschien zuerst auf achgut.com

Sven von Storch

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