Buh - Rufe in Bayreuth

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Buh - Rufe in Bayreuth
Datum: 29.07.2013, 12:43

Ich habe voraus gesagt, dass der Auftakt bei den Bayreuther Festspielen mit dieser Wagner-Oper ein Reinfall werden würde.

Mir war etwas bange, als ich die Aufzeichnung im ARD anschaltete. Ich wäre blamiert gewesen, wenn die Inszenierung mit Begeisterungsstürmen des Publikums gefeiert worden wäre.

Aber meine Unruhe wich schnell.

Am besten war noch die Ouvertüre, bei der anfangs Bilder vom Festspielhaus gezeigt wurden.

Na ja, die bunten Wagner- Plastikfiguren, die auf dem Rasen ins Bild kamen, waren peinlich. Die Nachäffung der erfolgreichen bunten Berliner Bären, die in die ganze Welt gingen, war zu offensichtlich. Es wird sich kaum eine Stadt finden, die einen knallroten, blauen oder gelben Wagner vor ihre Oper zu stellen bereit ist.

Als der Dirigent, Christian Thielemann, Ehrendoktor der Weimarer Musikhochschule gezeigt wurde, glaubte ich erst, meinen Augen nicht trauen zu dürfen: Er saß im T- Shirt vor seinem Orchester, das jeden Gramm Bauspeck offenbarte. Unter dem Pult, muss man befürchten, trug er Birkenstocksandalen.

Damit geht es in Bayreuth endgültig zu, wie bei Hempels auf dem Sofa. Der öffentliche Raum scheint kein Wert mehr zu sein, den jemand verteidigen möchte, nicht mal das schick gemachte Publikum, das sich selbst gern als Elite sieht. Jetzt kann man nicht einmal mehr die renommiertesten Festspiele, betrachten, ohne von den Gewichtsproblemen des Dirigenten behelligt zu werden.

Als sich der Vorhang hob, sah man auf den ersten Blick, dass Regisseur Jan Philipp Gloger einen Reinfall produziert hatte. Es blinkte und blitzte auf der Bühne wie ein in einem Chemiewerk bei Nacht. Kapitän Daland (Franz Joseph Selig) und der Steuermann (Benjamin Bruno)saßen in einem Rettungsboot, als wollte sie dem Geschehenvon der ersten Minute an entkommen. Gekleidet waren beide, wie sich der Gesellschaftskritiker moderne Geldsäcke vorstellt und mussten auch so agieren. Bei seiner Südwind-Arie hatte der Seemann ein Kleid mit übergroßem Preisschild knuddeln. So wurde das Sehnsuchtslied , eine zarte Liebesarie,  zu einer Kommerzschnulze degradiert.

Auftritt Holländer (Samuel Youn), als schwarzer Punk mit halb rasiertem und tätowierten Schädel, einen Pappbecher Kaffee in der Hand, der, wie derzeit allgemein üblich, in die Gegend geschleudert wurde. Während seiner Klage-Arie, die sein Schicksal und das der Welt verdammt, wird er von mehreren Frauen belagert: Kurtisane, Domina-Krankenschwester, Sekretärin, die er mit derselben Bewegung wegwischt, mit der er den Pappbecher entsorgt hat.

Wer die Musik dennoch genießen wollte, musste die Augen vor dem Geschehen auf der Bühne fest verschließen.

Im zweiten Aufzug platziert Gloger das Werk in einer Fabrikhalle , in der Ventilatoren verpackt werden. Nähsäle, soll man denken, gibt es in unseren Breiten kaum noch, da muß man nach China oder Bangladesh gehen. Zu weit hergeholt, offenbar, wenn man Theater für unsere Zeit machen will.

Senta (Ricarda Merbeth), im schwarzen Kleid, muß  ständig eine abscheulich beklekste Voodoo-Figur befingern, singt aber zum Niederknien schön. Der Holländer dagegen schien Schwierigkeiten mit seiner Partie zu haben.

Erik, der Jäger ist zum Hausmeister degradiert, der unkontrolliert mit einer Silikonpistole und einer Kneifzange rumzufuchteln hat. Als Einzige wirkt Amme Mary (Christa Meyer) einigermaßen stimmig. Aber das macht die Inszenierung insgesamt nicht besser.

An der Stelle, wo Daland und der Steuermann gierig Geld zählen müssen, um das Gewinnstreben in der Gesellschaft anzuprangern, fragt man sich unwillkürlich, warum das bestverdienende Publikum solch plumpe Anmache eigentlich goutieren soll.

Tut es am Ende auch nicht. Der Beifall wird übertönt von wohlverdienten Buhrufen, die, möchte ich hinzufügen, auch in den Thüringer Kinos ertönten, in denen der Bayreuther Auftakt gezeigt wurde.

Ebenfalls Buh-Rufe musste Regisseur Frank Castorf kassieren, für seinen „Rheingold“ im Trash- Ambiente. Das schien ihn so beleidigt zu haben, dass der Regie-Veteran Bayreuth prompt mit der DDR verglich. Nicht nur der Vergleich, auch das Begründung hinkt: „Jeder von außen ist der Feind“.

Wer so denkt, muß sich niemals fragen, ob er nicht selbst etwas falsch gemacht hat. Seine „wilden Zeiten im deutschen Osten“ haben Castorf immerhin so beeindruckt, dass er auf das Dach der Volksbühne, deren Intendant er seit 1992 ist, ein überdimensionales Bekenntnis „OST“ montieren ließ.

Aber das sieht man in Bayreuth ja nicht.

Beitrag erschien zuerst auf: achgut.com

Sven von Storch

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