Anne Will am atomaren Abgrund
Anne Will am atomaren Abgrund
Datum: 15.03.2011, 10:16
war gestern Abend bei Anne Will zu erleben.
Schon in der Anmoderation sprach die Talkerin von Japan als einem „Land am Abgrund“, meinte damit aber nicht die Naturkatastrophe apokalyptischen Ausmaßes mit den zehntausenden Toten, sondern die Störfälle in den betroffenen Atomkraftwerken.
Ohne ein einziges Wort des Bedauerns über die Heimsuchung Japans und die zehntausenden Opfer zu verlieren, wandte sie sich an den Japanischen Botschafter mit der Frage, wann die Regierung endlich zugäbe, nicht alles im Griff zu haben.
Es zeugt für die meisterhafte Beherrschung des Diplomaten, dass er nicht sofort, angeekelt von so viel Arroganz und Zynismus die Sendung verließ, sondern ruhig darauf hinwies, dass angesichts der Verheerungen, die Erdbeben, Tsunami und Nachbeben angerichtet haben, die Lage geradezu vorbildlich unter Kontrolle sei. Er bemühte sich auch zu erklären, warum glücklicherweise alle in Deutschland verbreiteten Hiobsbotschaften über einen angeblichen „Supergau“ nicht zuträfen.
Das wollte Will lieber nicht wissen. Also wandte sie sich an Umweltminister Röttgen, der bereits am 11. März aus der Ferne zu der Ansicht gekommen war, dass in Japan eine Kernschmelze stattgefunden hätte, verbunden mit der Aufforderung an alle Deutschen, das Land schnellstmöglich zu verlassen. Die Kernschmelze hatte bis zur Sendung nicht stattgefunden und bleibt glücklicherweise bisher weiter aus. Trotzdem beharrte Röttgen mit versteinertem Gesicht darauf, dass es sie nach seinen Informationen gegeben haben müsse. Damit hat er sich auf das Niveau von DDR-Politbürokraten begeben, die bis zum Schluss die Realität nicht wahrnehmen wollten.
Als endlich der einzige Fachmann, der Physiker Rangar Yogeshwar zu Wort kam und erklärte, dass die Situation in Japan keineswegs mit der Tschernobyl- Katastrophe zu vergleichen sei und das Containment der Brennelemente bisher gehalten , eine Kernschmelze mit Austritt radioaktiven Materials bisher nicht stattgefunden hätte, wurde er von Will rüde unterbrochen. Zum Glück ließ sich Yogeshwar den Schneid nicht abkaufen und ergänzte, dass mit jeder Stunde die Chance steige, dass eine Nuklearkatastrophe verhindert werden könne. Das schien keine gute Nachricht für Will zu sein, die vorher von dem Physiker ausdrücklich wissen wollte, ob es denn keine gute Nachricht unter all den Hiobsbotschaften gäbe.
Ihr kam der ehemalige Bischof Huber zu Hilfe, der es in den vergangenen Tagen zwar nicht geschafft hatte, seine japanischen Freunde anzurufen, um die er sich angeblich so große Sorgen machte, aber wußte, dass man in dieser Situation sich an den Philosophen Hans Jonas halten müsse, der die Angst vor den Möglichkeiten der technischen Entwicklung für unbedingt notwendig hielt. Damit war das Katastrophenszenario der Sendung vorläufig gerettet.
Bis zu dem Moment, da eine Deutsch-Japanerin aus Tokio zugeschaltet wurde. Die teilte dem erstaunten Publikum nicht nur mit, dass in Tokio trotz des Bebens „nicht mal ein Blumentopf umgefallen sei“, so gut hätten die Häuser die Erdstöße überstanden. Sie beschrieb auch, mit welch bewundernswerter Ruhe die Japaner sich trotz der Krise bewegten. Die einzigen Ausfälligkeiten seien von Ausländern verübt worden, die sich auf dem Flughafen um Flugtickets geprügelt hätten. Warum? Weil Menschen, die auf deutsche Nachrichten angewiesen waren, weil sie kein Japanisch verstünden, von den Untergangsszenarien der Deutschen Medien kopflos gemacht worden seien. Die Gefahr ist allerdings gering, dass die Medien diese Blamage auch als solche empfinden.
ursprünglich erschienen auf "achgut.com"
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