1989-Tagebuch der Friedlichen Revolution
1989-Tagebuch der Friedlichen Revolution
Datum: 30.04.2014, 15:40
Achtundzwanzigster April 1989
Wieder etwas Neues in Polen: Der polnische Rundfunk sendet erstmals eine Wahlsendung der Gewerkschaft Solidarność für die Wahlen am 4. Juni. Jetzt hat die Opposition auch eine offizielle Stimme. Die Zeiten der heimlichen, verbotenen Aktionen sind endgültig vorbei.
In der DDR herrscht scheinbar sozialistische Routine. Staatschef Honecker empfängt den niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht. Für ihn ist das ein weiterer Meilenstein zur ersehnten Anerkennung. Albrecht ist CDU-Mann und deshalb für Honecker ein wertvollerer Gesprächspartner als jeder SPD-Politiker.
Dem Bericht des Neuen Deutschland ist nicht viel zu entnehmen. Jedenfalls scheint Albrecht keine verwertbaren Huldigungen des Realsozialismus geäußert zu haben.
Weniger zurückhaltend war da wenige Tage zuvor eine Dame Müller von der SPD, die am „achten gemeinsamen Treffen der Vertreter von SED und SPD“ am Scharmützelsee teilgenommen hatte. Frau Müller machte klar, wie grauenhaft die BRD die Menschenrechte verletzen würde: im Hinblick auf die Arbeitslosigkeit, den Umgang mit Asylbewerbern, den „Ausschluss“ ganzer Gruppen von NS-Opfern von der Wiedergutmachung, den Extremismusbeschluss und die Angriffe auf die Würde der Frau. Ein SED-Funktionär namens Schmidt versicherte ihr darauf hin, dass dies in der DDR ganz anders liefe.
Frau Müller von der SPD konnte mit dem guten Gefühl nach Hause fahren, dass es ein wahrhaft besseres Deutschland gibt, das sie selbst nicht ertragen muss.
Von Frau Alice Schwarzer, die ebenfalls keine eigenen Erfahrungen mit der DDR hatte, erfahren wir, wie gut wir doch dran waren, weil wir uns keine modischen Klamotten kaufen konnten. Da wurde der Sinn der DDR-Frau von vornherein auf das Wesentliche gelenkt. Das Philosophieren über den Mangel gibt dem Leben erst einen Sinn. Wie gut, dass in der DDR auch Emma fehlte. Denn hätte das bunte Emanzenblatt nicht die Ernsthaftigkeit der DDR-Frauen beschädigt, die Frau Schwarzer so wohltuend findet?
Neunundzwanzigster April 1989
Walter Kempowski feiert seinen 60. Geburtstag in Lübeck. Erst fährt er an die Zonengrenze, wo er feststellt, dass der Zaun mit der gleichen Perfektion und in derselben Werkstatt gebaut wurde wie die „Vergasungsfabriken der Nazis“. Dann gibt es einen Empfang für ihn im Lübecker Rathaus. In das Goldene Buch der Stadt darf er sich nicht eintragen. Das bleibt den Politikern aus dem Osten vorbehalten, kommentiert er später bissig in seinem Tagebuch.
Er wünscht sich dann, seinen 70. in Rostock feiern zu können. Dieser Wunsch sollte tatsächlich in Erfüllung gehen.
In der DDR werfen die bevorstehenden Kommunalwahlen noch immer ihre langen Schatten voraus. Die taz berichtet von zahlreichen Eil-Ausbürgerungen von Ausreisewilligen, von denen befürchtet wurde, sie würden die Wahlen zum Protest nutzen wollen.
Dreißigster April 1989
Gorbatschow rüstet atomar gegen Westeuropa auf, meldet die Welt am Sonntag. US-Minister Cheney teilt der NATO neue Zahlen über die Modernisierung der Nuklearraketen mit.
In der DDR erklärt der sächsische Bischof Johannes Hempel gegenüber dem Staatssekretär für Kirchenfragen Kurt Löffler, dass sich viele Bürger bereits vom Staat distanziert haben. Damit meint der Bischof keineswegs nur Ausreise-Antragsteller und Oppositionelle, sondern Bürger, die aus unterschiedlichen Gründen ihre Ablehnung zwar nicht öffentlich machen, sich innerlich aber längst distanziert haben. Die DDR-Identität wurde erst nach dem Fall der Mauer von der in PDS umbenannten Regierungspartei erfunden.
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