1989- Tagebuch der Friedlichen Revolution
1989- Tagebuch der Friedlichen Revolution
Datum: 27.04.2014, 16:52
Fünfundzwanzigster April 1989
Sensation in „Gerontokratistan“! Die Sowjetunion beschließt auf einer Sondersitzung des Zentralkomitees der KPdSU, dass rund ein Viertel der Mitglieder aus Altersgründen ihre Sitze räumen müssen. Manche durften statt des Alters auch Gesundheitsgründe für diesen „freiwilligen Verzicht“ anführen, der weniger einen Verlust an wirklicher Macht als einen bitteren Verlust an Privilegien bedeutete. In einer Gesellschaft, die während ihrer gesamten Existenz kaum jemals in der Lage war, ihre Bürger ausreichend zu ernähren, war es ein unschätzbarer Vorteil, als ZK-Mitglied oder Kandidat sonderversorgt zu werden.
Das Neue Deutschland berichtet nichts von dem, was in Moskau Sensationelles vor sich geht, sondern beschwört die „engen brüderlichen Beziehungen“ zu Nicaragua.
Sechsundzwanzigster April 1989
Die Botschaft ist endlich angekommen, aber noch fehlt der Glaube. Partei- und Staatschef Erich Honecker beklagt auf einer Sitzung mit den SED-Bezirksparteileitern den mangelnden Willen der ungarischen Kommunisten, ihre „politische Macht zu verteidigen“. Dass diese Genossen sich entschieden haben, eben diese Macht aufzugeben oder zumindest zu teilen, will der altersstarre Honecker nicht wahrhaben. Er spricht ausführlich über die bevorstehende Kommunalwahl und macht deutlich, dass vom Politbüro ein Ergebnis im üblichen Rahmen verlangt wird. Was im Klartext hieß, dass knapp 100 Prozent der Bevölkerung die Kandidaten der Nationalen Front wählen. Die Bezirksparteichefs haben verstanden, was man von ihnen erwartet.
Ob der Schweriner Parteichef Honecker gestanden hat, dass in Mecklenburg die Einheitsliste bereits nicht mehr zu 100 Prozent von den Parteien der Nationalen Front bestimmt wurde? Bei einer Listenaufstellung war ein unabhängiger Kandidat mit genügend Unterstützern aufgetaucht und prompt nominiert worden. Niemand traute sich, diese Panne auszubügeln.
Siebenundzwanzigster April 1989
Am Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verteilen Umweltaktivisten Flugblätter gegen die maroden Atomkraftwerke der DDR. Sie werden verhaftet und mit einem Verfahren wegen „Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit“ bedroht.
Das Neue Deutschland berichtet über die Ehrung „verdienter Bürger“ für ihre Leistungen. Weiter behauptet die Parteizeitung, dass sich für jeden zweiten Bürger die Wohnverhältnisse verbessert hätten. Wer sich beim Lesen fragte, warum er ausgerechnet zu den ersten Bürgern gehörte, für die sich die Wohnverhältnisse nicht gebessert hatten, konnte sich mit dem Nachsatz trösten, dass dieses Wohnungswunder nur in Bischofswerda stattgefunden hatte.
Die Wohnungsmisere resultierte vor allem aus dem ungebremsten Verfall der Altbausubstanz in der DDR. Ein Beispiel: In Bautzen kann man heute bei einem Rundgang durch die herrliche, vollständig sanierte Altstadt erfahren, dass 1989 hier nur noch 210 Menschen gelebt hätten, in Häusern, die teilweise mit Balken abgestützt werden mussten, damit sie nicht zusammenfielen.
Es gab nur noch eine Kneipe in dieser surrealen Kulisse des letzten Stadiums vor dem endgültigen Verfall. Heute wohnen über 3.000 Menschen in der Altstadt, es gibt mehr als 30 Kneipen und Restaurants, eins schöner als das andere.
In Meißen ein ähnliches Bild: Seit 500 Jahren hätte es keine solche Bautätigkeit gegeben wie in den letzten 20 Jahren, verrät Walli, die Stadtführerin, die man unbedingt buchen sollte, wenn man Meißen kennenlernen will. Die Stadt, von der es zu DDR-Zeiten hieß: „Besuchen Sie Meißen, solange es noch steht“, war seit einem halben Jahrhundert nicht in einem so intakten Zustand wie heute. Wenn man diese, aus ihren Ruinen auferstandenen Städte sieht, ist es, als habe sich ein Schatzkästchen geöffnet, das bisher verdreckt und unansehnlich in der Ecke gestanden hat.
Die heutige Pracht lässt die Bilder der vergangenen Tristesse vergessen. Selbst wenn man es damals mit eigenen Augen gesehen hat, kann man sich heute den Zustand der real zerbröckelnden DDR kaum noch vorstellen.
Mitten im sächsischen Weinbaugebiet liegt das Chemiewerk Nünchritz, das seine Umgebung mit einer dicken Schicht rotbraunen Schwefelrußes überzog, sodass kurz nach dem Austrieb die Blätter nicht mehr grün, sondern rötlich-braun waren. Wer heute die Fabrik besichtigt – die glänzt wie ihre Umgebung – kann sich fast wie in der Sommerfrische fühlen. Das Wasser, das vom Werk in die Elbe fließt, ist sauberer als das Flusswasser. Wo 1989 noch tote Kloake war, tummeln sich heute wieder Lachse und viele andere Fische. Nur die Gastwirte werden noch an den Umweltzustand von vor 20 Jahren erinnert: Sie würden gern Elbfisch auf der Karte anbieten, dürfen es aber nicht, weil die Tiere durch die Schwermetallauswaschungen aus dem Flussboden noch zu hoch belastet sind.
Abgesehen davon sind die Hinterlassenschaften des Sozialismus fast verschwunden.
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