1989 - Tagebuch der friedlichen Revolution

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1989 - Tagebuch der Friedlichen Revolution
Datum: 23.06.2014, 10:56

Zwanzigster Juni

Wieder ein Fluchtversuch an der Berliner Mauer. Der Flüchtling hat die letzte Absperrung bereits erreicht, als er mit Gewalt von Grenzsoldaten in die DDR zurückgeschleift wird. Nun drohen die Westmächte mit Absagen aller Reisen in die DDR, wenn der junge Mann nicht in den Westen entlassen wird.

Die Westberliner dagegen erreicht die frohe Nachricht, dass sie nach den gestrigen Verhandlungen von DDR-Staatschef Honecker mit dem „Regierenden“ Walter Momper auch Hunde und Katzen mit in die DDR nehmen dürfen. Das eröffnet die Möglichkeit zu ganz neuen Ost-West- Verbindungen. Das Neue Deutschland berichtet sehr summarisch von dem „Mei-nungsaustausch“ zwischen Honecker und Momper.

Einundzwanzigster Juni

Die Oppositionsgruppen der DDR beschränken ihre Arbeit nicht mehr auf die Kirchen. Mithilfe der wenigen befreundeten West-Journalisten gehen sie immer massiver in die Öffentlichkeit. Fünfundzwanzig Oppositionsgruppen werfen in einer Deklaration der DDR-Führung „Ignoranz gegenüber dem Massaker in China“ und die „generelle Ablehnung der Demokratisierungsbestrebungen“ vor. Sie kündigen Solidaritätsdemonstrationen an.

Bild hat andere Prioritäten. Hier hat es die Maxim Gorki, das sow- jetische Urlauberschiff, auf Seite eins geschafft, weil sein Kapitän es in einen Eisberg gesteuert hat, der das Schiff aufschlitzte. Alle deutschen Urlauber wurden gerettet, darunter auch 30 Berliner. Westberliner natür- lich, die auf Schnäppchen-Reise waren. DDR-Bürger scheinen nicht auf dem Schiff gewesen zu sein.

Zweiundzwanzigster Juni

Der Druck des Westens zeigt Wirkung: Martin Notev, der vor einigen Tagen trotz geglückter Flucht vom Westberliner Spreeufer zurück in die DDR geschleift wurde, kann in die Bundesrepublik ausreisen. Natürlich hatte sich die DDR zuvor die „Einmischung in ihre inneren Angele- genheiten“ verbeten, dann aber nachgeben müssen, weil die eklatante Verletzung von Menschenrechten eben keine „innere Angelegenheit“ ist. Das finden auch die vielen hundert Demonstranten vor der Chinesi- schen Botschaft in Ostberlin. Sie protestieren gegen das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Die Volkspolizei geht mit aller Schärfe gegen die Demonstranten vor. Die wehren sich. Es gibt bei den Verhaftungen zahlreiche Verletzte. Später, bei den Vernehmungen, schlagen die Stasileute auf die Verhafteten ein. Auch in Potsdam und Dresden wird demonstriert. Während die unteren Chargen auf den Straßen Prügelorgien veranstal-ten, werden die Verantwortlichen vom Staatschef geehrt: Erich Honecker befördert und ernennt Generäle der Volkspolizei.

Dreiundzwanzigster Juni

Angesichts der Verletzten und Verhafteten der Vortage gibt es in Dresden einen Klagegottesdienst für alle Opfer staatlicher Willkür. Über 2 000 Menschen nehmen daran teil, so viele, dass die Staatssicherheit diesmal gar nicht erst versucht, die Gottesdienstbesucher nach Ende der Ver- anstaltung festzuhalten, um ihre Personalien zu notieren. Sie beschränkt sich auf das heimliche Fotografieren. In Berlin wird eine Ausstellung mit Samisdat-Zeitschriften aus dem Besitz von Ulrike Poppe und Ehrhart Neubert eröffnet. Sie gibt einen Überblick über die erstaunlich vielfältigen Aktivitäten der Opposition. Der Regierende Bürgermeister von Berlin Walter Momper verkündet, wie das Neue Deutschland berichtet, dass es eine Europäische Frie- densordnung nur mit zwei gleichberechtigten deutschen Staaten geben kann.

Sven von Storch

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