Venedig verbannt Kreuzfahrtschiffe - Aber das reicht nicht!

Italien hat sich endlich entschlossen, Kreuzfahrtschiffe aus der Altstadt von Venedig zu verbannen. Das sollte erst der Anfang sein. Denn Venedig ist einfach zu schön.

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Als die italienische Regierung sich dieser Tage entschloss, die Kreuzfahrtschiffe aus der Altstadt Venedigs zu verbannen, traf sie eine Entscheidung, die sie schon längst hätte treffen müssen. Denn nichts hat die Stadt so sehr verschandelt, wie diese Auswüchse einer Urlaubsindustrie, die einmal mit ›Kraft durch Freude‹ und ihrer ›Wilhelm Gustloff‹, dem Schiff ohne Klassen, begann. Bei der Begründung für das Verbot, führten die Politiker jedoch Gründe an, die allesamt unwichtig sind verglichen mit dem wichtigsten Grund, der bezeichnenderweise nicht genannt worden ist.

So hieß es, die überdimensionierten Schiffe schädigten mit ihren Abgasen die Luft in der Lagune; außerdem wühlten die Antriebsschrauben den Boden immer wieder auf und zerstörten so den Untergrund, auf dem die Häuser, Paläste und Kirchen Venedigs errichtet worden sind. Die Worte ›Ökosystem‹ und ›nachhaltig‹ fehlten ebenfalls nicht und zuletzt kam noch ein Hinweis aufs Klima hinzu. Dass die Touristen, die tagtäglich mehrmals aus den schwimmenden Liegebatterien quollen, in Venedig nicht einmal die Kassen klingen ließen, da Kost und Logie zum Pauschalpreis für eine Kreuzfahrt gehören, machte es auch den Gewerbetreibenden der Stadt leichter, am neuen Gesetz Gefallen zu finde, zumal die Unesco gedroht haben soll, Venedig den Status Weltkulturerbe abzuerkennen und damit einen wichtigen Geldhahn der Stadtväter abzudrehen; alles mehr oder weniger gute Gründe, aber keiner so stichhaltig, wie der einzige wirkliche Grund: Die Schande für die Ästhetik.
Doch gerade sie, die Schande für die Ästhetik, schien keine Rolle zu spielen. Dass die schon an sich, also als Schiff, ungemein hässlichen Liegebatterien, den Anblick der Traumstadt in der Lagune bis ins Letzte verschandeln, hatte offenbar keinerlei Eindruck gemacht. Wirtschaftliche Erwägungen gaben den Ausschlag, nicht die Ästhetik.

Der Grund für das Fehlen eines Hinweises auf die Ästhetik ist nicht sogleich zu verstehen. Denn für jeden, der mit einem wachen, empfindsamen Auge durch Venedig geht, ist buchstäblich spürbar, dass eine Art Hochhaus hinter diesem Wunderwerk aus Kunst und Natur, eine Verletzung bedeutet. Im Hintergrund von Dogenpalast und Giorgio Maggiore haben die Auswüchse der Hässlichkeit der Moderne nichts verloren.

Wenn also dieser Aspekt ignoriert, das Offensichtliche verdeckt werden soll, dann ist die Ästhetik ein wunder Punkt, den anzusprechen die Politiker sich nicht getrauen. Dabei ist auch hier das Offensichtliche das, was es ist: Offensichtlich. Das, was die Kreuzfahrtdampfer seit einigen Jahren verderben, wird bereits seit Jahren und Jahrzehnten von anderen Besuchern Venedigs verdorben. Die Stadt wird ästhetisch vermüllt. Das war im vergangenen Jahr leicht zu erkennen. Die Pandemie hatte die Gassen und Plätze zwangsweise leergefegt und unter anderem die Biennale verhindert. Und plötzlich war die Stadt der Städte präsent. Die wenigen Touristen mischten sich unter die Einheimischen und wer wollte, durchstreifte die Stadtviertel nach allen Richtungen ohne störende Kreuzfahrtschiffe und Werbeplakate. Es war die reine ästhetische Freude. Eine Freude, die vor jeder Kirche die Nähe der Ästhetik zum Glauben verriet.

In diesem Jahr war die Schonfrist vorbei. Wenngleich kaum ein Kreuzfahrtschiff im Hafen angelegt hatte; durch die Straßen wälzten sich sämtliche Hässlichkeiten der Welt. Auf den Gummisohlen von Turnschuhen, die durchs Radieren eine Schleifspur ihrer Belanglosigkeit hinterlassen, liefen nackte Beine in wahlweise sündhaft teuren Designerkleidern oder billigsten Kleinkindershorts ohne Pamperspackung über die Piazza San Marco und führte ihr Smartphone aus, um Fotos zu machen wie Hunde ihre Geschäfte. Die Wendeltreppe im Palazzo Bovolo, ein Kleinod der Architektur, wurde von einer Installation geschändet, die zwischen Einkaufs- und Lümmeltüten oszillierte, wie das Geschlecht des modernen westlichen Studierenden zwischen männlich und weiblich. San Lorenzo, eine bereits von Napoleon entweihte Kirche wurde noch einmal geschändet von Künstlern, die im geistigen Stechschritt marschierend sich zwischen einem Doppelaltar in Klimawandel versuchen. Und auch wenn der so geteilte ehemalige geistliche Raum dem politischen Kunstgewerbe der Installateure zu meiner stillen Freude einen Streich gespielt haben mochte; der Kirchenraum, unter dem das Grab Marco Polos vermutet wird, war durch die ästhetisch jämmerlichen aber moralisch trampelnden Installationen verschandelt - arme San Lorenzo.

Eigentlich passend zur Pandemie, wird seit Freitag das Fest Il Redentore gefeiert - zum Dank für das Ende der Pest im Jahr 1576. Doch der Weg zu Palladios Geschenk an seinen Schöpfer, eine Pontonbrücke auf der sich der Dankende dem Kirchenbau für einige Tage direkt und langsam, wenn auch über Wasser schwankend, annähern kann, war bevölkert mit jenen, die nur wissen, wie man den eigenen Körper mit Dornen verschandelt, aber nicht einen Gedanken an die Frage verschenken, ob Dank für ein mögliches Ende der Epidemie nicht angebracht wäre an einem solchen Festtag. Sie sangen und kreischten statt dessen wie die Idioten und die, die es besser wissen sollten, verteilten Zettelchen und Kugelschreiber und ließen Bibelsprüche aus einer Art Lostrommel ziehen. Aber vielleicht wollten sie ja an Pascals Wette auf Gott erinnern. Wer weiß.

Venedig wird seit Jahrzehnten verschandelt! - Von dummen Eintagstouristen, von Installateuren, die sich künstlerisch wähnen, von überdimensionierten Kreuzfahrtschiffen der ›Kraft durch Fun‹-Reedereien. Zumindest letzterem haben die italienischen Politiker die Zufahrt verwehrt. Es wird Zeit, auch den anderen, den Zugang zur Stadt zu versperren. Venedig muss ein rein ästhetisches Heiligtum werden, das es in den letzten Jahren seines Lebens nun einmal nur noch ist. Seine Zeiten als Großmacht sind ein für alle Male vorbei. Und sein Stadtleben bliebe auch in einer Art ästhetischem Kloster für eine ganze Weile bewahrt. Wie lange, das wissen wir nicht; wir wissen nur, dass Venedig, wie jedes Lebewesen, irgendwann stirbt. Wenn Venedig stirbt, ist es an uns, über die Schöne zu wachen, wenn sie dereinst versunken ist, die Lagune sich über ihr wie ein gläserner Sargdeckel schließt und wir ihre Paläste und Kirchen nur durchs Wasser erahnen, wir aber immer noch sagen können: »Mein Gott, ist die Stadt schön.«

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Gravatar: Karl Napp

Ein erster, wichtiger Schritt zur Erhaltung der schönsten Stadt der Welt.

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