Ukraine-Krieg: Zur aktuellen militärischen Lage

Die russischen Truppen vor Kiew sind zum Teil auf dem Rückzug. Russland will sich auf den Donbass konzentrieren. Das birgt neue Gefahren.

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Auch nach vier Wochen Krieg ist es den russischen Truppen nicht gelungen, die beiden größten Städte der Ukraine, einzunehmen. Weder die Hauptstadt Kiew noch Charkiv sind auch nur eingeschlossen. Statt dessen haben sich Teile der russischen Verbände im Norden von Kiew laut ukrainischen Quellen zurückgezogen.

Wie immer, können die Angaben angezweifelt werden. Allerdings bleibt dann zu bedenken, dass die Regierung in Kiew kaum etwas davon hätte, Erfolge zu melden, wenn größere Bedrängnis schneller weitere Waffenlieferungen bedeutet. Der militärische Erfolg ist ihr für den Moment wichtiger als die Lieferung von weiteren Waffen, die, sieht man von Deutschland ab, auch kommen. 

Wie zur Bestätigung der ukrainischen Angaben, kündigte am gestrigen Abend der russische Generalstab an, sich auf den Donbass konzentrieren zu wollen.

Zugleich greifen ukrainische Verbände laut britischen Geheimdiensten immer häufiger rückwärtige Einheiten und Anlagen der russischen Streitkräfte an. Die russischen Linien sind brüchig und werden es dauerhaft bleiben, weil es an Truppen mangelt, sie zu schließen und die verfügbaren Verbände das offene Gefecht nach Möglichkeit meiden. Dafür sind die, je nach Angaben, zwischen vier und sieben getöteten Generäle ein deutliches Zeichen. Nur wenn die Moral der Kampftruppen schlecht ist, werden Generäle nach vorne beordert.

Zudem haben die Ukrainer die Bevölkerung auf ihrer Seite. Kein russischer Soldat weiß, was ihn im nächsten Gebäude erwartet. Sie kämpfen als Fremde in einem fremden und seit dem 24. Februar feindlichen Land.

Damit ergibt sich das bereits mehrfach angedeutete Szenario: Zum einen blockieren die Ukrainer erfolgreich weitere Vorstöße der Russen oder verzögern zumindest den Vormarsch deutlich. Zugleich passieren kleinere Einheit die vorrückenden russischen Truppen und operieren im Hinterland gegen einzelne Ziele. Angeblich wurde im Hafen von Berdjansk ein Landungsschiff zerstört; zwei weitere stehen in Flammen.

Wie gesagt, diese Angaben können im Detail nicht überprüft werden, allerdings sind auf den Karten, die die Kampfhandlungen aus verschiedenen Meldungen nachzeichnen, keinerlei größere Veränderungen festzustellen. Zumindest hält die ukrainische Front. Und mit jedem Tag, den sie länger hält, wird die Lage der Russen und insbesondere die politische Lage Putins schwieriger. Denn sollte der Präsident zu Beginn des Überfalls noch gehofft haben, alles wäre nach wenigen Schlägen vorbei und sich nach zwei Wochen getröstet haben, der Krieg wäre vorbei, bevor die Sanktionen der Westmächte wirken, dann sieht er sich nun ökonomisch zusehends unter Druck. Die Ankündigung, russisches Gas sei nur noch für Rubel zu haben, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die Sanktionen zu wirken beginnen. Moskau braucht Waren und die gibt es nur Devisen, die Russland langsam ausgehen, oder eben für Rubel, die umgekehrt von den Europäern gebraucht werden, um ihre Gasrechnungen bezahlen zu können. Nebenbei sollen die Westmächte gezwungen werden, am Geldmarkt Rubel zu kaufen und damit den Kurs der russischen Währung stabilisieren, die erst gestern wieder an der Börse stark einbrach.

Es deutet sich also an, was keiner für möglich gehalten hat: Die Ukraine verliert diesen Krieg gegen die selbsterklärte Supermacht Russland nicht nur nicht nach ein paar Tagen ehrenhaften Widerstands – das Land hält Stand und langt zurück.

Natürlich kann Russland sich nun neu gruppieren und erneut angreifen. Es könnte den Krieg in die Westukraine tragen und die Nachschublinien der ukrainischen Streitkräfte zu blockieren versuchen. Doch die Vernunft rät zu einer anderen Alternativen: Stabilisierung des Zugangs zur Krim und der beiden in Teilen eroberten Provinzen und dann eine Trennung der ukrainischen Landesteile am Fluss Psel.

Leider leitet die Vernunft keine Kriege. Daher droht tatsächlich eine Ausweitung der Kämpfe für den Fall, dass die Ukraine die russischen Truppen angreift und besiegt. Denn dann hat das Land es mit einem angeschlagenen Tier zu tun, das zwar ganz und gar nicht in Lebensgefahr schwebt, das aber um seine verletzte Ehre kämpfen will. Denn eines sollte klar sein: Noch einen nicht gewonnen Krieg kann Putin sich nicht leisten. Er muss als starker Mann vom Schlachtfeld gehen. Sonst ist er verloren. Das unrühmliche Schicksal der argentinischen Generäle nach dem verlorenen Krieg um die Falklands, dürfte Beispiel genug sein.

Kiew ist also gut beraten, die Russen ziehen zu lassen und auf Teile des Donbass offiziell vorerst zu verzichten. Allerdings sollte die Besetzung Grund genug sein, sich für einen möglichen nächsten Angriff zu rüsten. Zugleich ist die Besetzung ein guter Anlass, die Sanktionen gegen Russland in vollem Umfang beizubehalten. Zusammen mit der Drohung, in den vormals ukrainischen und jetzt von Russen besetzten Gebieten einen Untergrund-Krieg zu beginnen, dürfte vielleicht auch der Kreml zur Einsicht gelangen, dass die beiden ohnehin überwiegend von Russen bewohnten Gebiete und die Krim mehr als genug sind, was man in einem schlecht geführten und nicht gewonnenen Krieg erobern kann.

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