Nationalpark oder Heimat unter Glas?

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Einführung

Am Rothaarkamm wird erneut über einen Nationalpark auf rund 4.300 Hektar Staatswald entschieden. Befürworter versprechen mehr Raum für natürliche Prozesse und touristische Impulse, Kritiker fragen nach Wirtschaft, Infrastruktur und langfristigen Regeln. Für die Menschen vor Ort geht es nicht um eine grüne Fläche auf der Karte, sondern um einen Wald, den sie nutzen, kennen und Heimat nennen. Die entscheidende Frage lautet: Wie viel zusätzlichen Naturschutz bringt der neue Status; und wer trägt seinen Preis?

Am Forsthaus Hohenroth beginnt ein Weg in einen Wald, der zunächst aussieht wie viele Orte im Rothaargebirge: Buchen, Fichtenlücken nach den Kalamitäten, Quellen, Wanderzeichen und Menschen mit Hunden. Doch genau hier wird über etwas entschieden, das die Regeln dieser Landschaft für Jahrzehnte verändern kann. Aus Wald wird ein politisches Projekt. Und die einfache Frage, wem eine Landschaft gehört, wird plötzlich zur Frage, wer über sie bestimmen darf.

Der Kreis Siegen-Wittgenstein prüft erneut einen zweiten Nationalpark in Nordrhein-Westfalen. Im Raum stehen rund 4.300 Hektar Staatswald zwischen Hilchenbach-Lützel und Netphen-Hainchen. Der Kreistag gab dem Vorhaben im März mit knappen 28 zu 26 Stimmen eine zweite Chance; nach dem jetzigen Fahrplan soll im November die abschließende Entscheidung fallen. Das ist keine kosmetische Änderung auf einer Wanderkarte, sondern eine neue rechtliche und administrative Ordnung für einen großen Teil der Region.

Auf dem Papier klingt das Ziel ehrenwert: Die Natur soll Raum bekommen, sich mit möglichst wenig menschlichem Eingriff zu entwickeln. Genau so beschreibt § 24 des Bundesnaturschutzgesetzes einen Nationalpark. In überwiegenden Teilen sollen natürliche Prozesse, Wissenschaft, Bildung und Naturerlebnis Vorrang haben. Niemand, der ernsthaft über Natur spricht, muss den ökologischen Wert alter Wälder, von Totholz, Mooren und Quellen bestreiten.

Nur beginnt der Rothaarkamm nicht bei null. Teile der Landschaft stehen bereits heute unter Naturschutz, manche Schutztraditionen reichen weit in das vergangene Jahrhundert zurück. Die amtliche NRW-Datenbank weist unter anderem das Naturschutzgebiet Rothaarkamm und Wiesentäler und weitere großflächige Schutzkomplexe aus. Wer also so tut, als laute die Wahl Schutz oder kein Schutz, vereinfacht die Wirklichkeit, bevor die Debatte überhaupt begonnen hat.

Der Wald ist längst geschützt

Besonders anschaulich ist der bereits bestehende Wildniswald Rothaarkamm. Das Landesportal nennt rund 359 Hektar Wildniswald, davon 99 Prozent alte Waldstandorte; einzelne Bestände sind 150 bis 180 Jahre alt. Das Gebiet ist zugleich relevant für Wildkatze, Schwarzstorch, Spechte und weitere Arten. Naturschutz ist hier also kein Zukunftsversprechen, sondern seit Jahren gelebte Realität.

Das bedeutet nicht, dass eine größere zusammenhängende Prozessschutzfläche ökologisch keinen Sinn ergeben könnte. Die Biologische Station hat in diesem Jahr auf das Zusammenspiel von alten Buchenwäldern, Quellen, Mooren, Feuchtflächen und artenreichen Offenlandbereichen hingewiesen. Eine Exkursion durch die mögliche Nationalparkkulisse zeigte genau diese Übergänge zwischen Wasser, Wald und offener Landschaft. Die Vernetzung der Lebensräume ist das stärkste Argument der Befürworter.

Und hier kommt die erste unbequeme Frage: Wie viel zusätzliche Natur schützen wir tatsächlich mit einem neuen Schutzetikett? Wenn große Teile schon als Naturschutzgebiet, Natura-2000-Fläche oder Wildniswald gesichert sind, muss der ökologische Mehrwert eines Nationalparks präzise beschrieben werden und nicht nur feierlich. Naturschutz ist zu wichtig, um ihn an der Größe eines Logos auf einem Schild zu messen.

Die Befürworter antworten, dass gerade die zusammenhängende Fläche und der dauerhafte Verzicht auf forstliche Nutzung den qualitativen Unterschied ausmachen. Der NABU Siegen-Wittgenstein spricht von einer Chance für Natur und Region und stellt einem einfachen Wildnisgebiet einen Nationalpark mit Investitionen, Arbeitsplätzen und Infrastruktur gegenüber. Damit vermischt sich der ökologische allerdings bereits mit dem wirtschaftlichen Nutzen. Und genau dann sollte man anfangen zu rechnen.

Wenn Wildnis zum Wirtschaftsprogramm wird

Landrat Andreas Müller sieht im Park ein zusätzliches wirtschaftliches Standbein, vor allem durch den Tourismus. Auch der Rothaarsteigverein erwartet laut WDR, dass ein Nationalpark den Fernwanderweg aufwerten könnte, selbst wenn einzelne Abschnitte möglicherweise verlegt werden müssten. Das ist ein legitimer Gedanke. Er hat nur eine kleine Ironie: Der Wald soll ruhiger werden, indem wir mehr Menschen einladen, ihn zu besuchen.

Das Beispiel Eifel zeigt, dass ein ökonomischer Effekt keineswegs erfunden ist. Das sozioökonomische Monitoring des Nationalparks nennt für 2022–2023 mehr als 1,38 Millionen Gäste und 76 Millionen Euro Bruttoumsatz. Diese Zahl müssen auch Gegner ernst nehmen. Aber ein Nationalpark ist kein Automat, in den man ein Schild wirft und am anderen Ende denselben Umsatz erhält.

Die Eifel hat eine andere Lage, andere Einzugsgebiete, eine andere touristische Geschichte und eine andere kommunale Struktur. Genau darauf verweisen regionale Kritiker, die eine eigene Besucher-, Verkehrs- und Regionalwirtschaftsprognose verlangen. Das Bündnis Zukunft Siegen-Wittgenstein hält den Transfer von Erfahrungen anderer Parks ohne eine regionale Studie für eine zu schmale Entscheidungsgrundlage. Das ist keine Feindschaft gegen Natur. Das ist die Forderung, die Hausaufgaben zu machen.

Und diese Hausaufgaben sind nicht klein. Ein Gast braucht Parkplatz, Bus, Weg, Schild, Toilette, Gastronomie oder ein Bett. Kommen viele Besucher, entsteht Verkehr; kommen sie nicht, fehlt der versprochene Umsatz. In beiden Fällen gilt: Das Marketingwort „Nationalpark“ löst die praktische Rechnung nicht von selbst.

Die Einheimischen fragen ganz praktisch

Der interessanteste Teil der Debatte liegt deshalb nicht in Düsseldorf, sondern in den Fragen der Menschen vor Ort. Bis Ende Juli gingen nach lokalen Berichten rund 370 Einzelfragen ein; etwa ein Viertel betraf die persönliche Nutzung: Forstwirtschaft, Jagd, Landwirtschaft, Radfahren, Reiten oder Wandern. Die Menschen wollen wissen, was sie morgen noch dürfen. Politik antwortet gern darauf, was sie in zwanzig Jahren erreicht haben will.

Für eine Hotelierin können zusätzliche Gäste eine gute Nachricht sein. Der WDR sprach mit der Betreiberin des Hotels Ginsberger Heide, die touristische Chancen sieht und zugleich nach Regeln und Zugänglichkeit fragt. Dieser doppelte Blick ist ehrlicher als jedes Pro- oder Contra-Plakat. Man kann Gäste wollen und trotzdem nicht erst nach der Entscheidung erfahren wollen, wo diese Gäste überhaupt noch laufen dürfen.

Landwirte sehen die Sache anders. Ihr Vertreter Henner Braach sagte dem WDR, Generationen hätten diese Landschaft geschaffen und erhalten, dafür brauche es keinen Nationalpark. Sein Einwand zielt auf Kompetenzen und Selbstbestimmung, nicht auf die Behauptung, Natur habe keinen Wert. Dieser Unterschied geht in ökologischen Debatten erstaunlich oft verloren.

Die offizielle Seite des Kreises betont dagegen, dass sich in der geplanten Kulisse keine landwirtschaftlichen Betriebe befinden und Flächen außerhalb der Grenzen keine zusätzlichen Auflagen erhalten sollen. Private Flächen sollen nach den veröffentlichten Antworten nicht zwangsweise einbezogen werden. Das sind wichtige Zusagen, die man nicht unterschlagen darf. Ebenso legitim ist die Frage, wie dieselben Zusagen nach zehn oder zwanzig Jahren veränderter Planungsbedingungen aussehen.

Ein Industrierevier hat andere Nerven

Siegen-Wittgenstein ist keine strukturschwache Bergregion, die auf ihre erste wirtschaftliche Chance wartet. Es ist ein Industriestandort, an dem täglich um Fläche, Verkehr, Fachkräfte und Investitionen gerungen wird. Die IHK Siegen sagt deshalb, die Debatte komme in einer Phase erheblicher Belastungen für die Unternehmen, und bekräftigte nach dem Augustgespräch die deutliche Skepsis großer Teile der regionalen Wirtschaft. Bei dem einfachen Satz „Der Park schafft Arbeitsplätze“ vergeht mir an dieser Stelle der Humor.

Ein Ranger ist ein echtes Arbeitsverhältnis. Genauso echt ist aber der Arbeitsplatz im Sägewerk, im Transport, im Maschinenbau oder bei einem Zulieferer, der eine funktionierende Straße und einen erweiterbaren Standort braucht. Eine ehrliche Wirtschaftsbilanz muss daher nicht nur neue Gäste und öffentliche Investitionen zählen, sondern auch Opportunitätskosten. Sonst entsteht keine Analyse, sondern ein Werbeprospekt.

Ein Symbol dieses Konflikts ist die geplante Straßenverbindung Route 57. Unternehmer fürchten, ein neuer Schutzstatus könne ein Infrastrukturprojekt erschweren, das die regionale Wirtschaft seit Jahren fordert; der WDR dokumentierte beim Augustforum den Streit um Infrastruktur und Windenergie. Der Kreis verweist auf geklärte Rahmenbedingungen. Kritiker halten dagegen, Verwaltungs- und Gerichtsverfahren ließen sich nicht mit einer politischen Zusage vorwegnehmen.

Genau hier wird aus einer Baumfrage eine Vertrauensfrage. Wenn ein Bürger gleichzeitig hört „Sie werden nicht eingeschränkt“ und „die Regeln werden im Verfahren noch ausgearbeitet“, wird er aufmerksam. Nicht weil er Natur hasst. Sondern weil er schon einmal ein amtliches Formular gelesen hat.

Wildnis braucht Verwaltung

Ein Nationalpark soll der Natur mehr Eigenständigkeit lassen. Man könnte also weniger Organisation erwarten. Tatsächlich entstehen Parkverwaltung, Managementplanung, Besucherlenkung, Beschilderung, Bildung, Monitoring und Kontrolle. Die Natur bekommt mehr Freiheit; um sie herum entsteht mehr Verwaltung.

Das ist für sich genommen kein Gegenargument. Große Schutzgebiete brauchen professionelle Betreuung, und das Gesetz sieht Wissenschaft, Bildung und Naturerlebnis ausdrücklich vor. Ich hätte nur gern, dass darüber so offen gesprochen wird wie über Moose und Schwarzstörche. Kostenlose Wildnis ist ein schönes Bild, aber deutsche Wildnis braucht gewöhnlich Haushalt, Personal und Geschäftsordnung.

Die IHK-Kritiker bezweifeln zudem, dass langfristige öffentliche Kosten hinreichend transparent beziffert sind, und verlangen eine belastbare Rechnung. In der Augustdebatte wurden von Gegnern zweistellige Millionenbeträge pro Jahr als Befürchtung genannt, nicht als feststehender Etat. Die dpa hat diesen Einwand zusammen mit den Argumenten der Befürworter dokumentiert. Genau so sollte man damit umgehen: als Behauptung, die geprüft werden muss, nicht als fertige Tatsache.

Ebenso vorsichtig sollten wir mit der Behauptung sein, ein Nationalpark verbessere automatisch das Klima. Prozessschutz kann für Biodiversität, alte Strukturen und langfristige Ökosystementwicklung außerordentlich wertvoll sein. Die Forstwirtschaft verweist wiederum auf den nachwachsenden Rohstoff Holz und Kohlenstoffspeicherung in Holzprodukten. Eine ehrliche Debatte beginnt nicht mit der Unterstellung, die eine Seite liebe Bäume und die andere wolle sie nur fällen.

Heimat ist keine Verwaltungskategorie

Das Wort Heimat klingt nur für Menschen verdächtig, die keine konkrete Landschaft brauchen. Für jemanden aus Hilchenbach oder Netphen ist der Wald keine abstrakte Kohlenstofffläche. Es ist der Ort, an dem er mit seinen Eltern unterwegs war, an dem der Nachbar gearbeitet hat, an dem Flüsse entspringen und ein Weg verläuft, den er ohne Karte kennt. Diese Bindung hat nicht den Wert null, nur weil sie in keine Biodiversitätstabelle passt.

Deshalb ist Bürgerbeteiligung richtig. Der Kreis setzte Expertenteams ein, sammelte Fragen und veranstaltete ein öffentliches Forum mit Umweltminister Oliver Krischer. Der Prozess wurde als offen und transparent dargestellt. Gut. Transparenz erkennt man allerdings nicht an der Zahl der Mikrofone, sondern daran, ob eine schwierige Antwort die Entscheidung tatsächlich verändern kann.

Der Kreistag steht nun vor etwas Anspruchsvollerem als einer Abstimmung darüber, ob er Wald mag. Er muss den zusätzlichen ökologischen Nutzen mit Kosten, Einschränkungen und Chancen für die Region abgleichen. Er muss überprüfbare Fakten von politischen Versprechen trennen und ebenso Befürchtungen von belegten Risiken. Dafür werden gewählte Vertreter bezahlt.

Und dann bleibt die Frage, die mich am meisten interessiert: Warum muss Naturschutz als Paket mit einem kleinen Wirtschaftswunder verkauft werden?

Wenn der ökologische Grund stark genug ist, sagen wir ihn offen und akzeptieren den Preis. Wenn Tourismus das entscheidende Argument sein soll, legen wir regionale Zahlen vor. Aber mischen wir Moral, Arbeitsplätze, Fördergeld und Marketing nicht so lange, bis jeder Skeptiker wie ein Feind des Waldes aussieht.

Vielleicht zeigt eine saubere Analyse am Ende, dass der Nationalpark Rothaarkamm ein hervorragendes Projekt für Siegen-Wittgenstein ist. Dann braucht er klare Grenzen, einen Finanzrahmen, messbare Ziele und langfristige Garantien für das Umfeld. Wenn diese Antworten fehlen, ist es keine Schande, eine Entscheidung zu vertagen oder Nein zu sagen. Bäume können besser warten als Politiker.

Auf dem Rückweg vom Hohenroth wird der Wald nach der Novemberabstimmung fast genauso rauschen wie vorher. Den Unterschied merkt der Mensch erst in Regeln, Haushalten, Wegen, Arbeitsplätzen und daran, wer das letzte Wort hat.

Naturschutz soll etwas schützen, das wirklich wertvoll ist. Er sollte Heimat dabei nicht in ein Ausstellungsstück unter Glas verwandeln, das die Einheimischen betrachten dürfen, über das sie aber nicht mehr mitbestimmen.

Quellen:

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Sven von Storch

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