Gerade jetzt und vor unseren Augen: Mittags gratis. Abends 211 Euro.
Heute zeigt der deutsche Strommarkt seine ganze Spannweite: mittags unter null, abends über 210 Euro je Megawattstunde. Die Kurve erzählt vor allem eine Geschichte über Speicher, Netze, Flexibilität und gesicherte Leistung.
Der Preis macht den Tagesgang. Samstagnachmittag in Deutschland. Waschmaschine, Spülmaschine und vielleicht das Elektroauto könnten aus Sicht des Großhandels kaum einen besseren Moment erwischen. Zwischen 14 und 15 Uhr steht der Day-Ahead-Preis bei minus 0,48 Euro je Megawattstunde. Der Markt sendet damit ein erstaunlich deutliches Signal: Strom ist in dieser Stunde im Überfluss vorhanden.
Ein paar Stunden später sieht dieselbe Stromwelt völlig anders aus. Um 17 Uhr steigt der Preis auf 83,40 Euro je Megawattstunde, um 19 Uhr auf 194,44 Euro und zwischen 20 und 21 Uhr auf 210,99 Euro. Der Tageshöchstwert liegt sogar bei 212,04 Euro. Das alles gehört zum selben Samstag, zum selben Marktgebiet Deutschland/Luxemburg und zur selben Energiewende.
Der Tagesdurchschnitt liegt bei 137,96 Euro je Megawattstunde. Mittags bewegt sich der Preis für mehrere Stunden um die Nulllinie, während der Abend eine völlig andere Bewertung derselben Kilowattstunde bringt. Genau diese Spreizung ist interessanter als jede einzelne Zahl. Sie zeigt, welchen wirtschaftlichen Wert der Zeitpunkt der Erzeugung inzwischen besitzt.
Zur Einordnung gehört eine saubere Begrifflichkeit. Day-Ahead bedeutet, dass diese Preise in der Auktion des Vortages für die Lieferung am heutigen Tag ermittelt wurden. Wir beobachten heute also, wie sich eine bereits bekannte Preiskurve im realen Tagesablauf entfaltet. Die Pointe bleibt trotzdem frisch.
Zwei Tage zuvor war die andere Seite des Systems besonders sichtbar. Am 10. September erreichte der Day-Ahead-Preis einen Spitzenwert von 585,10 Euro je Megawattstunde. Zwischen 20 und 21 Uhr lag der Stundenwert bei 578,76 Euro. Der Strommarkt besitzt derzeit einen bemerkenswerten Sinn für Dramaturgie.
Der Speicher wird zum Zeitübersetzer
Wer daraus eine Geschichte über billigen Solarstrom oder über teure konventionelle Kraftwerke allein macht, greift zu kurz. Der Markt bewertet jede Viertelstunde nach Angebot, Nachfrage, verfügbaren Leitungen, Importen, Exporten und flexibler Leistung. Entscheidend wird die Fähigkeit, Energie zeitlich zu verschieben. Genau hier beginnt die Debatte über Speicher.
Fraunhofer ISE beschreibt für das erste Halbjahr 2026 eine deutliche Speicherlücke. Die Speicherkapazität wuchs zwar von 25,4 auf 29,6 GWh, gleichzeitig zeigen Erzeugungsspitzen und Lastkurven weiterhin großen Bedarf an untertägiger Flexibilität. Fraunhofer formuliert den Zusammenhang ziemlich nüchtern: mehr Batteriespeicher können negative Preise am Tag und Preisspitzen am Abend dämpfen.
Die Bundesnetzagentur sieht denselben Mechanismus. Batteriespeicher nehmen Strom auf, wenn viel erzeugt wird und der Preis niedrig ist, und geben ihn bei hoher Nachfrage oder knapper Erzeugung wieder ab. Das klingt beinahe banal. In einem Stromsystem mit immer größeren Solar- und Windanteilen wird diese Banalität allerdings zur milliardenschweren Infrastrukturfrage.
Die Projektpipeline ist gewaltig. Für Batteriespeicher wurden 2025 im deutschen Gesamtnetz 18.158 Netzanschlussbegehren mit rund 573,5 GW beantragter Leistung registriert. Verbindlichere Netzanschlusszusagen beliefen sich insgesamt auf 54,2 GW Leistung und 142,4 GWh Kapazität. Der Markt hat das Preissignal verstanden.
Der vorhandene Bestand zeigt gleichzeitig die Distanz zwischen Antrag und Realität. Laut SMARD waren zum ausgewerteten Zeitpunkt 1.292 Batteriespeicher ab Mittelspannungsebene mit rund 3,6 GW Leistung und etwa 6 GWh Kapazität in Betrieb. Zwischen Projektfantasie und angeschlossener Batterie liegt das Stromnetz. Dort wird aus einer Excel-Zeile Infrastruktur.
Auch die negativen Preise besitzen inzwischen eine eigene Statistik. SMARD zählte für 2025 insgesamt 573 Stunden mit negativen Preisen, entsprechend 6,5 Prozent des Jahres. Im ersten Quartal 2026 wurden bereits 172 Viertelstunden mit negativen Day-Ahead-Preisen registriert. Der Preis unter null ist damit ein wiederkehrendes Marktsignal für Überschuss und begrenzte Flexibilität.
Gleichzeitig kann der Großhandel in die andere Richtung ausschlagen. Im ersten Quartal 2026 lag das Maximum bei 429,36 Euro je Megawattstunde. Im zweiten Quartal stieg der durchschnittliche Großhandelspreis gegenüber dem Vorjahresquartal um 35,1 Prozent. Eine Energiewende mit viel variabler Erzeugung braucht deshalb ebenso variable Reaktionen auf der Verbrauchs- und Speicherseite.
Jetzt kommt der Küchentisch
Und jetzt kommt der Küchentisch. Finanztip beziffert günstige empfohlene Neukundentarife mit zwölf Monaten Preisgarantie Anfang September auf rund 33 Cent je Kilowattstunde. Die Bundesnetzagentur modellierte für August bei Neukunden 37,63 Cent je Kilowattstunde. Ein Börsenpreis um null verwandelt sich also für Haushalte in eine deutlich komplexere Rechnung aus Beschaffung, Netz, Steuern, Abgaben, Vertrieb und Grundpreis.
Das ist kein Widerspruch, sondern die Architektur des Endpreises. Der Großhandel bildet einen Teil der Kostenkette ab. Die Bundesnetzagentur beziffert allein das Volumen der Netzentgelte auf rund 37 Milliarden Euro pro Jahr; bei Haushalten machen sie ungefähr 30 Prozent der Stromkosten aus. Wer nur auf die Börsenkurve schaut, sieht deshalb den Maschinenraum durch ein einziges Fenster.
Das Netz rechnet mit
Gerade diese Kostenstruktur wird derzeit reformiert. Die Bundesnetzagentur konsultiert bis zum 18. September ihre neue Netzentgeltsystematik AgNes. Ziel sind stärkere Anreize für Flexibilität, eine breitere Verteilung der Kosten und eine bessere Abbildung knapper Netzkapazitäten. Der heutige Preisverlauf liefert dazu unfreiwillig eine sehr anschauliche Präsentationsfolie.
Netzengpässe haben bereits einen messbaren Preis. Im ersten Quartal 2026 kostete das Netzengpassmanagement vorläufig rund 784 Millionen Euro. Darin stecken Redispatch, Reservekraftwerke und Countertrading. Gegenüber dem Vorjahresquartal sank die Summe um elf Prozent, während die Reservekraftwerke innerhalb dieses Pakets rund 430 Millionen Euro kosteten.
Für den kommenden Winter bestätigt die Bundesnetzagentur einen Netzreservebedarf von 7.407 Megawatt. Für den Winter 2028/2029 werden 8.274 Megawatt angesetzt. Diese Reserve steht für die physische Seite der Energiewende: Elektronen folgen Leitungen, Lastflüssen und Kraftwerksverfügbarkeit. Pressekonferenzen besitzen auf diesem Gebiet eher dekorativen Wert.
Vier Tage vor diesem Samstag endete außerdem die erste Ausschreibung für neue Langzeitkapazitäten nach dem StromVKG. Ausgeschrieben wurden 4.500 Megawatt reduzierte Leistung mit einem Verpflichtungszeitraum von 15 Jahren. Der Höchstwert lag bei 244.000 Euro je Megawatt und Jahr. Deutschland baut also gleichzeitig variable Erzeugung, Speicher, Netze und gesicherte Leistung aus.
Politik trifft Physik
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche formulierte den Systemfehler im August ungewöhnlich offen. Frühere Regierungen hätten erneuerbare Erzeugung vorangetrieben, während Netze, Speicher, Verbrauch und gesicherte Kraftwerksleistung zu wenig als gemeinsames System geplant worden seien. Ihre angekündigte Antwort lautet Synchronisierung. Der heutige Samstag liefert dafür die passende Kurve.
Die internationale Energiewirtschaft kennt dieses Problem längst. Die IEA beschreibt Flexibilität als einen zentralen Bestandteil moderner Stromsysteme mit wachsenden Anteilen von Solar- und Windenergie, Elektroautos, Wärmepumpen und großen neuen Verbrauchern. Batterien, flexible Nachfrage und Netze werden dabei zu Werkzeugen, die Erzeugung und Verbrauch zeitlich zusammenbringen.
Für einen Haushalt mit Elektroauto oder Wärmepumpe steckt darin sogar eine Chance. Dynamische Tarife und intelligente Steuerung können Verbrauch in günstige Stunden verschieben. Eine Batterie kann mittags laden und abends entladen. Aus dem Problem der Schwankung entsteht damit ein Geschäftsmodell für Flexibilität.
Für den klassischen Haushalt sieht der Alltag härter aus. Gekocht wird am Abend, Licht brennt am Abend, viele Geräte laufen nach Feierabend. Genau dann liegt der heutige Börsenpreis nahe 200 Euro je Megawattstunde. Flexibilität besitzt also auch eine soziale Seite: Ein Industrieprozess lässt sich planen, ein Abendessen eher nach familiärem Rhythmus.
Die eigentliche Frage
Die politische Frage lautet deshalb viel präziser als die übliche Debatte über Windräder und Solarmodule. Wie viel Speicher, Netz, flexible Nachfrage und gesicherte Leistung braucht Deutschland für die installierte variable Erzeugung? Und welches Tempo bringt diese vier Teile wirtschaftlich zusammen? Der heutige Preisverlauf beantwortet zumindest die Dringlichkeit.
Ich finde die Zahl minus 0,48 Euro faszinierend. Sie zeigt, wie billig eine zusätzliche Megawattstunde in einer Überschussphase werden kann. Noch faszinierender sind die 210,99 Euro wenige Stunden später. Zwischen beiden Werten liegt ein Markt für Speicher, Leitungen, Steuerung und gesicherte Leistung.
Die Energiewende wird an solchen Tagen erstaunlich konkret. Mittags sucht Strom einen Abnehmer, abends sucht der Markt Strom. Dazwischen liegen sechs Stunden und eine Preisspreizung von 211,47 Euro je Megawattstunde. Physik und Markt haben gemeinsam eine ziemlich verständliche Grafik gezeichnet.
Gerade jetzt und vor unseren Augen läuft deshalb ein Experiment, dessen Ergebnis längst auf den Bildschirmen steht. Deutschland besitzt sehr viel günstige erneuerbare Erzeugung zu bestimmten Zeiten und einen wachsenden Bedarf an zeitlicher Verschiebung. Die nächste Phase der Energiewende trägt deshalb weniger den Namen Ausbau als den Namen Abstimmung. Die Sonne geht unter. Der Strompreis geht auf.
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Quellen:
- WETTERchen – Strompreise am 12.09.2026
- EuroEnergy – Strompreise Deutschland
- SMARD – Der Strommarkt im 1. Quartal 2026
- SMARD – Der Strommarkt im 2. Quartal 2026
- SMARD – Stand der Batteriespeicheranfragen 2025/2026
- Fraunhofer ISE – Solarstrom europaweit auf dem Vormarsch
- Bundesnetzagentur – Reform der Netzentgeltsystematik Strom
- Bundesnetzagentur – Festlegungsverfahren AgNes
- Bundesnetzagentur – AgNes, Überlegungen vom 27.05.2026
- Bundesnetzagentur – Netzreservebedarf 2026/2027
- Bundesnetzagentur – Ausschreibungen für Langzeitkapazitäten
- Bundesnetzagentur – 1. Gebotstermin 8. September 2026
- SMARD – Netzengpassmanagement im 1. Quartal 2026
- BMWE – Katherina Reiche zu Strompreisen in Deutschland
- Finanztip – Aktueller Strompreis 09/2026
- Finanztip – Energiepreise, Pressemitteilung 01.09.2026
- SMARD – Modellierte Strompreise steigen im August
- Destatis – Strompreise für Haushalte im 2. Halbjahr 2025
- IEA – Electricity 2026
- IEA – Electricity 2026: Flexibility
- EPEX SPOT – Market Results
- Bundesnetzagentur – MiSpeL: Marktintegration von Speichern und Ladepunkten
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Blog-Kommentare
Interessant wäre noch…
Interessant wäre noch gewesen, inwieweit bereits "erneuerbare" Stromüberschüsse mengenmäßig und mit bezahlbaren Speichern aufgefangen werden können.
Nur wenn es sich mit moderner Speichertechnik lohnt, macht es Sinn, die "Erneuerbaren" weiter auszubauen. Andernfalls zahlen wir mit jedem neuen Windrad in Spitzenzeiten immer mehr drauf.
Bei unseren(?) von Klimamafia und Wind- und Solarprofiteuren beherrschten Politikern und Medien wird nur allzugerne der Eindruck vermittelt, daß man nur die Erneuerbaren weiter ausbauen muß, um unsere Versorgungssicherheit zu erhöhen und die Strompreise zu senken.
Da haben Sie einen wichtigen Punkt getroffen
Genau die Speicherfrage entscheidet inzwischen darüber, welchen wirtschaftlichen Wert der weitere Ausbau von Wind und Solar tatsächlich hat.
Fraunhofer ISE beziffert die gesamte Stromspeicherkapazität in Deutschland im ersten Halbjahr 2026 auf rund 29,6 GWh und spricht ausdrücklich weiterhin von einer deutlichen „Speicherlücke“. Die Bundesnetzagentur zeigt bei den großen Batteriespeichern ein ähnliches Bild: Ab Mittelspannungsebene sind derzeit rund 3,6 GW Leistung und etwa 6 GWh Kapazität tatsächlich in Betrieb. Gleichzeitig liegen bereits Netzanschlusszusagen über 54,2 GW und 142,4 GWh vor. Der Ausbau kommt also. Der Strom wartet allerdings nicht auf den Netzanschluss.
Ihre zweite Frage halte ich deshalb für vollkommen berechtigt: Zusätzliche Erzeugungsleistung besitzt ihren größten Nutzen dort, wo Netze, Speicher, flexible Verbraucher und gesicherte Leistung im gleichen Tempo mitwachsen. Genau diese Abstimmung hat über Jahre gefehlt. Das zeigt sich an Tagen wie dem 12. September sehr anschaulich: mittags Überschuss, wenige Stunden später Strom zu mehr als 210 Euro je Megawattstunde.
Interessant ist dabei die Projektpipeline. Die bereits zugesagten 142,4 GWh Batteriespeicher würden beinahe der heutigen deutschen Pumpspeicherkapazität von rund 147 GWh entsprechen. Falls diese Projekte tatsächlich gebaut und angeschlossen werden, verändert sich die Rechnung erheblich. Bis dahin bleibt zwischen Genehmigung und Steckdose allerdings ein ziemlich großes Stück Energiewende.
Oder kurz gesagt: Ein weiteres Windrad kann durchaus sinnvoll sein. Besonders angenehm wäre es, wenn der Strom anschließend auch irgendwo hin könnte.
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