Der Winter kommt. Der Speicher eher langsam.

Veröffentlicht:
Einführung

Anfang September waren Deutschlands Gasspeicher so schwach gefüllt wie seit Beginn der 15-jährigen Vergleichsreihe. Die Bundesregierung setzt auf Markt, LNG und Pipelineimporte; INES hält bei normalem Winter eine Versorgung mit rund 77 Prozent Startfüllstand für möglich, während ein Extremwinter deutliche Unterdeckungen erzeugen könnte. Die eigentliche Frage lautet deshalb: Wie viel Versorgungssicherheit kauft Deutschland heute - und zu welchem Preis?

Der Kalender täuscht. September. Draußen trägt man noch Hemd, auf den Terrassen stehen noch Gläser, und der nächste Winter wirkt wie ein Termin weit hinten im Kalender. Für den Gasmarkt ist er längst da. Gas für Januar wird im Sommer gekauft, gespeichert, abgesichert und bezahlt. Genau hier beginnt die Geschichte.

53 Prozent. Anfang September waren die deutschen Speicher rund 53 Prozent gefüllt. Das war der niedrigste Stand zu diesem Zeitpunkt seit Beginn der Aufzeichnungen vor 15 Jahren. Anfang September 2025 lagen sie bei rund 71 Prozent. Der Abstand beträgt also fast zwanzig Prozentpunkte.

Das Zeitfenster. INES hält bis zum 1. November technisch noch etwa 77 Prozent. Dafür müsste Deutschland in den kommenden zwei Monaten mehr Gas einspeichern als in den drei Monaten davor zusammen. Der Speicher kann also schneller. Die wirtschaftliche Frage lautet, ob seine Kunden dasselbe möchten.

Der Kältefall. Bei normalen Wintertemperaturen reichen diese 77 Prozent im INES-Modell, um die Versorgung über die Heizperiode zu sichern; zum 1. April 2027 blieben dort rund 38 Prozent. Bei einem extrem kalten Winter verändert sich das Bild erheblich. Für einzelne Januartage berechnet INES Unterdeckungen von mehr als 25 Prozent.

Mehrere Zielmarken. Die deutsche Gasspeicherfüllstandsverordnung verlangt zum 1. November bei den meisten Anlagen 80 Prozent, bei sechs langsameren Speichern 45 Prozent. In der Gesamtbetrachtung entspricht das grob einem Niveau um 70 Prozent. Für den 1. Februar gelten 30 Prozent, bei vier bayerischen Speichern 40 Prozent. Versorgungssicherheit besitzt inzwischen mehrere Prozentsätze.

Berlin bleibt ruhig. Das Bundeswirtschaftsministerium bewertet die Lage ruhiger. Am 2. September erklärte es, nach aktuellem Erkenntnisstand sei im kommenden Winter eine Gasmangellage nicht zu erwarten. Entscheidend seien Speicherstände, Importmengen, internationale Märkte, verfügbare Infrastruktur und laufende Befüllung. Der Staat schaut also auf das ganze System.

Zwei Modelle. Reuters berichtete am 8. September, das Ministerium halte in Kombination mit fortlaufenden Importen Speicherstände im Bereich von 60 bis 70 Prozent für ausreichend. Das klingt komfortabler als die INES-Sensitivität bei Extremkälte. Beide Aussagen können gleichzeitig stimmen, weil sie mit unterschiedlichen Annahmen arbeiten. Wetter ist eben ein ausgesprochen schlechter Koalitionspartner.

Mehr Wege als 2022. Die deutsche Gasversorgung sieht tatsächlich anders aus als 2022. Im Jahr 2025 importierte Deutschland 1.031 TWh Erdgas; 44 Prozent kamen aus Norwegen, 24 Prozent aus den Niederlanden und 21 Prozent aus Belgien. Über deutsche LNG-Terminals kamen 106 TWh, also 10,3 Prozent aller Importe. Eigene Förderung steuerte 34 TWh bei.

Deutschland als Drehscheibe. Deutschland ist zugleich Teil eines europäischen Durchleitungssystems. 2025 wurden 221 TWh exportiert, vor allem nach Österreich, Tschechien und in die Schweiz. Ein deutscher Speicher dient deshalb weit mehr als der deutschen Heizung. Gas fließt durch Netze, Verträge und Grenzen – besonders dann, wenn es kalt wird.

864 Terawattstunden. Der Verbrauch bleibt groß. 2025 verbrauchte Deutschland 864 TWh Gas, 2,2 Prozent mehr als 2024. Gegenüber dem Durchschnitt 2018 bis 2021 lag der Verbrauch zugleich 11,9 Prozent niedriger. Haushalte und Gewerbe standen für 40 Prozent, die Industrie für 60 Prozent.

Weniger Verbrauch. Diese gesunkene Nachfrage gibt dem heutigen System mehr Spielraum. Die Bundesregierung verweist deshalb auf LNG, neue Importwege und einen strukturell niedrigeren Bedarf; ihre Energie-FAQ beschreibt die Speicher als einen Bestandteil eines breiteren Sicherheitsnetzes. Das Argument hat Substanz. Es macht aus einem kalten Januar allerdings weiterhin einen Stresstest.

Der Spread spricht. Und dann kommt der Preis. INES beschreibt einen teilweise negativen Sommer-Winter-Spread: Gas ist aktuell teuer, während spätere Winterkontrakte zeitweise günstiger liegen. Wer heute teuer einkauft, um morgen billiger zu verkaufen, betreibt Versorgungsvorsorge mit eingebautem Verlust. Der Markt hat schließlich auch Buchhalter.

75 Euro. Europäisches Gas kletterte Anfang September auf rund 75 Euro je Megawattstunde, mehr als doppelt so hoch wie ein Jahr zuvor. Das Preisniveau lag zeitweise so hoch wie seit Ende 2022 beziehungsweise Anfang 2023 kaum noch. Für Speicherbetreiber wird damit jede zusätzliche Einlagerung zur Wette. Für Haushalte und Industrie wird dieselbe Wette später zur Rechnung.

Hormus wirkt bis hierher. Hinter diesem Preis steckt Geopolitik. Die lange Störung der Straße von Hormus hat laut Reuters einen erheblichen Teil des weltweiten LNG-Angebots verknappt; Europa und Asien konkurrieren stärker um alternative Ladungen. LNG schafft Flexibilität. Flexibilität auf einem knappen Weltmarkt besitzt einen Preis.

Versorgung hat einen Preis. Equinor hält Deutschland aufgrund der Diversifizierung für fähig, genügend Gas anzuziehen und zu importieren. Die norwegische Managerin Irene Rummelhoff setzte unmittelbar dahinter den entscheidenden Zusatz: der Preis werde das andere Problem. Versorgung kann also physisch vorhanden und wirtschaftlich schmerzhaft sein. Genau das spürt später der Betrieb, die Bäckerei und die Familie.

Ein besserer August. Ende August sah das Ministerium noch eine sichtbare Verbesserung. Bei einem Füllstand von 51,64 Prozent hätten sich die Einspeicherungen beschleunigt, weil die asiatische Hitzewelle nachließ und sich das Preisgefälle verbesserte. Weniger Konkurrenz um LNG half Europa. Zwei Wochen später bleibt das Zeitfenster trotzdem eng.

Moleküle statt Worte. INES formuliert es nüchtern: Für die technisch noch erreichbaren 77 Prozent muss das Einspeichertempo deutlich steigen. Jede verlorene Woche senkt den erreichbaren Endstand. Ein Speicher füllt sich mit Molekülen, nicht mit Pressekonferenzen. Das ist eine überraschend konservative Eigenschaft von Physik.

Anreize für das Füllen. Die Betreiber schlagen deshalb günstigere staatliche Kredite, langfristige Optionen und veränderte Netzentgelte vor. Dahinter steckt ein klassisches Dilemma: Der Markt soll vorsorgen, während die aktuelle Preisstruktur Vorsorge wirtschaftlich unattraktiv macht. Politische Anreize verteilen das Risiko anders. Verschwinden lässt sich das Risiko damit kaum.

Der Werkzeugkasten. Trading Hub Europe besitzt unter dem Energiewirtschaftsgesetz Instrumente wie Strategic Storage-Based Options; in weiteren Stufen kann THE zusätzliche Optionen ausschreiben oder selbst Gas kaufen und einspeichern. Solche Instrumente zeigen, dass Deutschland seit 2022 einen Werkzeugkasten aufgebaut hat. Die Debatte dreht sich jetzt um den Zeitpunkt seiner Nutzung.

Die strategische Reserve. Parallel plant die Bundesregierung eine strategische Gasreserve von 24 Milliarden Kilowattstunden. Erste Speicherbuchungen sind für den Winter 2026/27 vorgesehen, die erste physische Befüllung für Sommer 2027. Für diesen Winter trägt daher vor allem die reguläre Marktversorgung die Last. Die Reserve gehört eher zur nächsten Ausgabe dieser Geschichte.

Die Umlage ist weg. Seit 1. Januar 2026 ist außerdem die Gasspeicherumlage abgeschafft. Die Bundesregierung stellt das als Entlastung für Verbraucher und Unternehmen dar; Trading Hub Europe hatte die Umlage 2025 zeitweise mit 2,89 Euro je MWh angesetzt. Günstigere Energie ist wirtschaftlich willkommen. Versorgungsvorsorge bleibt trotzdem eine Leistung, deren Kosten irgendwo im System auftauchen.

Brüssel wird flexibler. Auch Brüssel arbeitet inzwischen flexibler. Die EU hält am 90-Prozent-Ziel fest, erlaubt dessen Erreichung zwischen 1. Oktober und 1. Dezember und gewährt bei schwierigen Marktbedingungen zusätzliche Spielräume. Das soll verhindern, dass starre Fristen Händler genau dann zum Kaufen zwingen, wenn der Markt besonders teuer ist. Energiesicherheit hat damit gelernt, auch auf den Kalenderpreis zu schauen.

2022 als falscher Maßstab. Ein direkter Vergleich mit 2022 führt deshalb in die Irre. Deutschland verfügt heute über LNG-Terminals, breitere Pipelineimporte und einen niedrigeren Gasverbrauch. Die Bundesnetzagentur bewertet Versorgungssicherheit fortlaufend anhand dieses Zusammenspiels und richtet aktuell besondere Aufmerksamkeit auf die Vorgaben für Februar 2027. Das System ist robuster als damals.

Der Extremwinter. Doch Robustheit ist kein Synonym für Unverwundbarkeit. INES modelliert gerade deshalb einen Extremwinter, weil Infrastruktur für schlechte Tage gebaut wird und nicht für den statistischen Durchschnitt. Ein Winter wie 2010 verschiebt Nachfrage, Entnahmeraten und Reserven innerhalb weniger Wochen. Der Wetterbericht besitzt dabei keinerlei Rücksicht auf politische Kommunikationslinien.

Die Konjunktur friert mit. Hinzu kommt die Konjunktur. DIW und ifo sehen Deutschlands Wirtschaft 2026 zwar wieder wachsen, nennen hohe Energiepreise aber weiter als Belastung für Haushalte, Investitionen und Industrie. Der Gaspreis trifft also auf eine Volkswirtschaft, die gerade wieder Tritt fasst. Ein teurer Winter wäre wirtschaftlich mehr als eine Heizungsfrage.

Der Haushalt merkt es. Die Bundesnetzagentur empfiehlt angesichts des erhöhten Preisniveaus weiterhin einen sparsamen Umgang mit Gas. Für einen Haushalt bedeutet die Debatte damit zuerst Geld und erst im Extremfall physische Knappheit. Das ist weniger spektakulär als ein leerer Speicher. Auf dem Konto wirkt es trotzdem sehr real.

Der Winter entscheidet. Vielleicht liegt genau darin der vernünftigste Blick auf diesen Winter. Deutschland besitzt heute mehr Importwege, mehr Flexibilität und deutlich mehr Erfahrung als 2022; zugleich startet es mit historisch niedrigen Speichern und außergewöhnlich teurem Gas. Die politische Frage lautet deshalb, welchen Preis wir für welches Sicherheitsniveau akzeptieren. Der Winter kommt. Der Speicher eher langsam.

Quellen:

Sven von Storch

Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte unterstützen Sie mit einer Spende unsere unabhängige Berichterstattung.

PayPal

Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Neuen Kommentar hinzufügen

CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.
Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.