Wie man Gerechtigkeit nicht testen sollte
Wie man Gerechtigkeit nicht testen sollte
Datum: 05.03.2010, 09:16
Im letzten test-Heft der Stiftung Warentest werden Digitalkameras getestet, u.a. nach dem Kriterium des Engagements für Soziales und Umwelt. Dabei kritisieren die Redakteure die niedrigen Tageslöhne chinesischer Montagearbeiter und quantifizieren diese mit einem Tagessatz von fünf Euro. Ist dieser Lohn tatsächlich so ungerecht, wie die test-Redaktion suggeriert?
Ein relevanter Vergleich ist nicht der absolute Tageslohnsatz, sondern der eher der Vergleich des Durchschnittslohn seines chinesischen Beschäftigten relativ zum Lohn seiner deutschen Kollegen. Eine Näherungsrechnung ergibt: Bei einem Monatslohn von rund 130 Euro verdient ein chinesischer Beschäftigter in einer Kamerafabrik knapp 60 Prozent des durchschnittlichen Monatseinkommens chinesischer Arbeiter- und Angestellter. Eine deutsche Arbeitskraft in der Elektronikindustrie mit ähnlicher Qualifikation kommt dagegen auf einen Bruttomonatslohn von gut 1800 Euro, also rund 55 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens eines Deutschen. Chinesische Montagearbeiter verdienen also im Verhältnis etwa das gleiche wie ihre deutschen Kollegen am Montageband. Dennoch bedeutet dies eine deutlich geringere Kaufkraft für einen chinesischen Arbeiter, das ist nicht zu leugnen. Doch relativ zu dem, was in dem jeweiligen Land durchschnittlich an Löhnen gezahlt wird, sind chinesische Arbeiter genauso gut, oder schlecht, dran wie ihre deutschen Kollegen.
Die entscheidende Frage ist jedoch, ob ein Beharren auf eine gleiche absolute Lohnhöhe für chinesische Arbeiter den dortigen Beschäftigten einen Vorteil bringt. Eher nicht, denn dann fiele ja einer der wichtigsten Anreize zur Investition und Produktion in Ländern wie China weg. “Adäquate” Löhne würden letztlich weniger Löhne und eine geringere Einbindung dieser Länder in die internationale Arbeitsteilung bedeuten. China hat gerade durch die Öffnung seiner Wirtschaft für den internationalen Handel eine beispiellose Steigerung des Lebensstandards seiner Bürger erfahren. In nur dreißig Jahren hat das in Kaufkraftparitäten gerechnete durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen das 26-fache des Wertes von 1980 erreicht. Der gleiche Zeitraum war von einer kontinuierlichen Liberalisierung des chinesischen Außenhandels geprägt. Betrug der Subindex Freihandel des Economic Freedom of the World Index im Jahr 1980 noch 4,13 Punkte, kam das Land im letzten Bericht bereits auf 7,56 Punkte, ein Wert der nur noch geringfügig unter dem Wert Deutschlands (7,77) liegt. Arbeitsmarktregulierungen oder Arbeitsstandards, die dieser Entwicklung entgegenwirken, dürften kaum geeignet sein, diese Dynamik aufrecht zu erhalten, so dass das Land schnellstmöglich den Anschluss an den bei uns gewöhnten Lebensstandard gewinnt.
Insofern macht es wenig Sinn, wenn die Stiftung Warentest ihren Lesern empfiehlt beim Kauf von elektronischen Geräten auch nach den Löhnen der Hersteller zu entscheiden. In Japan produzierte Kameras mögen den dortigen Herstellern höhere Löhne einbringen, weil ihre Fertigung noch stärker automatisiert und damit weniger arbeitsintensiv ist als in China, also weniger, dafür hochproduktive Arbeitskräfte mehr verdienen. Doch was haben chinesische Arbeiter von dieser Demonstration “sozialen Gewissens”? Sie haben weniger Beschäftigungsmöglichkeiten in der Exportindustrie und sind gezwungen in der heimischen Wirtschaft für deutlich niedrigere Löhne zu arbeiten. So nützlich objektive Qualitätsinformationen über die getesteten Produkte sind, so wenig hilfreich sind Empfehlungen der Warentester, wenn sie auf der ökonomisch zweifelhaften Prämisse “gerechter” Löhne basieren.
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