Sucht euch doch andere Experten

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Sucht euch doch andere Experten
Datum: 01.07.2011, 09:19

So etwas erlebt man nicht oft: Ein Journalist der Berliner taz, bekannt für ihre Nähe zu grünen Themen, lässt in einem Interview mit  dem Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg Eike Weber durchblicken, dass ihm die Antworten des von ihm befragten Experten zum Thema Energiewende, doch eine Spur zu realitätsfern zu sein scheinen. Was da angesichts der quer durchs Land diskutierten Tragweite der wirtschaftlichen Konsequenzen des massiven Umbaus der deutschen Energieversorgung an Antworten kam kann tatsächlich nicht unwidersprochen stehen bleiben.

Etwa dass Herr Weber sich über die sinkende Förderung der Solarenergie beklagt, obwohl die Fördersätze immer noch hoch genug sind, dass sie nahezu eine Verdopplung der Erzeugung im vergangenen Jahr bewirkt haben. Oder das er auf die Frage des Interviewers nach der Fraglichkeit einer steigenden Förderung für Anlagen mit sinkenden Stückkosten ausweichend antwortet, dass mit diesem Geld ja Handwerker und Ausrüster ein gutes Auskommen hätten, weshalb das EEG ja ein gewaltiges Investitionsanreizprogramm sei, das der Volkswirtschaft guttut. Man möchte dem Interviewer schier um den Hals fallen, als dieser daraufhin pariert, dass die Energiewende zunächst einmal Geld kostet.  Offenbar weichen die Vorstellungen der Befürworter der Solarindustrie von einer Volkswirtschaft deutlich von dem ab, was eine Volkswirtschaft tatsächlich ausmacht. Das Wirtschaftssystem eines Landes besteht nicht nur aus einer Reihe von Sektoren, die sich an der Nachfrage nach Solaranlagen gesund stoßen, sondern auch aus Haushalten und Unternehmen, denen die von der Solarindustrie verbrauchen Ressourcen plötzlich für ihre Wirtschaftspläne nicht mehr zur Verfügung stehen. Die lapidare Antwort darauf, „Zahlen sind Schall und Rauch, wenn man nicht sagt, wer sie bezahlt. Im Moment wird die Hauptlast der Energiewende von einer Vielzahl privater Investoren getragen: Mittelständler, die Windräder errichten und jedem, der sich eine Solaranlage aufs Dach schraubt. Das ist nicht das Geld des Staates“ verschlägt einem fast den Atem. Wie fragwürdig diese Aussage allein deshalb ist, weil die Investoren mit ihren Investoren zwar zunächst in Vorleistung gehen, dann aber in den folgenden Jahren eine staatlich garantierte Rendite einfahren und ein minimales Investitionsrisiko tragen, sieht offenbar auch der taz-Redakteur, weil er damit kontert, dass den Stromkunden ja zu aller erst in die Tasche gegriffen wird. Es ist schon ein starkes Stück, wenn Weber diesen Einwurf damit ausweichend kommentiert, dass die Stromkunden ja lieber heimisch hergestellten Strom zahlen, als Gas aus Russland oder Kasachstan. Wenn das so wäre, bräuchten wir aber auch das EEG nicht mehr, mit dem der Strom aus erneuerbaren Energieträgern den Verbrauchern erst aufgezwungen werden muss. Es mag durchaus sein, dass in konsequenzlosen Umfragen 90 Prozent der Bevölkerung der Illusion unterliegen, die Energiewende würde sich von allein bezahlen, und deshalb für einen hastigen Ausbau der erneuerbaren Energien stimmen. In der Nachfrage nach Ökostrom spiegelt sich dieser Enthusiasmus indes nicht wieder.

Wenig tröstlich ist es für die Haushaltskunden auch, dass  Herr Weber die Entlastung der Industrie von der Belastung des EEG relativierend in die Runde wirft. Zumal das Argument, die Großkunden würden ja von den geringeren Börsenpreisen durch die Einspeisung von Wind- und Solarstrom mit niedrigen variablen Kosten profitieren, nur die halbe Wahrheit ist. Auch diese Kunden tragen die Kosten für Regel- und Ausgleichsenergie, durch die verhindert wird, dass vorhandene Kraftwerkskapazitäten in Zeiten hoher Nachfrage preismindernd ans Netz gehen können. In einer Welt ohne Förderung würde kaum ein Netzbetreiber den Strom aus Wind- oder Solaranlagen freiwillig kaufen, weil der Preis für den Strom nicht nur die Kosten des Anlagenbetreibers, sondern auch noch dafür reichen muss, dass der Strom entsprechend der tatsächlichen Nachfrage ins Netz integriert werden kann. Mittel- bis langfristig verdrängt der EEG-Strom wettbewerbsfähige Kapazitäten und erhöht damit die gesamten Systemkosten.

Zum Ende des Interviews wird dann die beliebte Keule gegen die großen Stromkonzerne ausgepackt, die entweder keine Energiewende wollen oder nur eine, die nicht in Herrn Webers Welt vom selbst erzeugten Strom der Bürger passt. Richtig ist, dass es bei der Energiewende nicht um die Verwirklichung einer verträumten Utopie vom Volkskraftwerk in jedem Haushalt gehen sollte, eine Idee, die spätestens seit dem opferreichen Scheitern der Dorfhochöfen von Maos „Großen Sprung nach vorn“ deutlich an Charme verloren hat, sondern um den Umbau der Energieversorgung eines Industrielandes, dass für eine hohe Produktivität auf eine preisgünstige Stromversorgung angewiesen ist.

Am Ende ist man daher geneigt die Schlussbemerkung von Herr Weber, Vertreter eines energiewirtschaftlichen Realismus, die wie er es beklagt vor allem aus der etablierten Energiewirtschaft stammen, weil sie wie auch ihre Kunden einiges zu verlieren haben, sollten sich „doch – frei nach Brecht – ein anderes Volk“ suchen, mit einer ähnlichen Aufruf an das Volk zu quittieren: Sucht euch bloß andere Experten.

Sven von Storch

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