Schnapsgeld_ Glucken-Gehalt_ - Woher dieser Hass_
Schnapsgeld_ Glucken-Gehalt_ - Woher dieser Hass_
Datum: 21.04.2010, 08:15
So manche ganztags erziehende Mutter oder ihr Kollege, der Hausmann und Vater reiben sich die Augen, lesen sie morgens in der Zeitung Schlagzeilen, wie: Herdprämie ist Schnapsgeld! Oder: Gutscheine gegen den elterlichen Missbrauch von Kindergeld! Wo liegt die Wurzel dieser tief sitzenden Abneigung gegen Eltern, die nichts weiter wollen, als ihre Kinder selber erziehen? Jeder, der Augen im Kopf hat, sieht sie doch auch und allerorts, Eltern in prekären Lebensumständen, die lieber selber in Lumpen daherkommen, als ihren Kindern den Anschluss zu verwehren! Ganz sicher liegt die Erklärung für das Phänomen des gesellschaftlich anerkannten und hippen Hausfrauen-Mobbings nicht auf der materiellen Ebene, auf der es ausgefochten wird. Tief unten, in der Seele des Angreifers liegt ein Gesellschaftsbild, an dem er die hauptberuflichen Erzieher der eigenen Kinder misst. Kennt man dieses, so erscheinen die Angriffe gar nicht mehr so willkürlich und aus der Luft gegriffen:
„Ich beobachte einen Riss in den gesellschaftlichen Vorstellungen und unterteile sie in die PLATZ- und die RAUM-Gesellschaft. Wenn Ursula von der Leyen nur das gelderwerbsbezogenen Handeln als Fähigkeit akzeptiert, dann steckt dahinter ein Vorstellung von Gemeinschaft, die ich die PLATZ-Gesellschaft nenne.
Platz !
„Platz!“, lautet der Befehl an einen Hund, der sich hinlegen soll. „Nein, nicht irgendwo hin!“ Er soll genau dort liegen, wo es – aus Sicht des Herrn und Meisters – angemessen ist. Der PLATZ der genau für diesen Hund in dieser Situation geboten ist, entspricht dem Plan des Herrn und Meisters. Der Hund aber hat nicht weiter zu hinterfragen, er muss nur zur vorgegebenen Zeit an der richtigen Stelle liegen, den PLATZ auf sich wirken lassen und schon ist der Plan erfüllt. „Braver Bello!“
Aber, Scherz beiseite. Was hat es auf sich mit Plätzen? Sie sind zunächst einmal öffentliche unter freiem Himmel baulich gestaltete Ebenen auf denen vorsortierte Menschengruppen mehr oder weniger zweckdienlich agieren und sich begegnen. Sie können überquert werden, auch wenn sie eigentlich dem Verweilen zugedacht wurden. Plätze werden einem entweder zugewiesen (s.o.) oder man sucht sie aus freien Stücken auf. Im Fußball gibt es bei Regelverstößen Platzverweise.
Anhänger des PLATZ-Gesellschaftsbildes erkennt man an ihrem Vokabular. Da wimmelt es von Worten wie:
- Warteliste
- Krippenplatz
- Kitaplatz
- Musikschulplatz
- Schulplatz
- Arbeitsplatz
- Reha-Platz
- Altersheimplatz
Der Friedhof heißt nach meiner Kenntnis erstaunlicherweise immer noch Friedhof – komisch eigentlich! Dem muss ich nachgehen! Jetzt fällt es mir ein: Ein Toter ist ja nicht mehr regierbar oder gar nützlich!
Vor einiger Zeit, am Beginn der Regierungsoffensive für 750.000 Krippenplätze in Deutschland, sah ich in den Fernsehnachrichten eine Reportage über eine junge und zeitgemäße Karriere-Familie. Vater, Mutter, Kind. Sie verließen alle drei früh morgens ihre gemeinsame Wohnung um ihre Plätze aufzusuchen. Den Krippenplatz des kleinen etwa einjährigen Emil nannte die Mutter stolz seinen „Arbeitsplatz“ und das war er auch wohl. Aus der Sicht ihres PLATZ-Weltbilds leistet das Baby die „Arbeit“, den ganzen Tag auf seine Mutter zu verzichten und trägt so zu dem außergewöhnlich üppigen Familieneinkommen bei.
Ein weiteres Markenzeichen dieses Weltbildes ist das Wort
- Sozialisation.
Gemeint ist damit etwas Ähnliches wie Erziehung. Aber nicht so eine, die eine innere Entwicklung oder das Erreichen einer Reifestufe beantwortet, sondern ein Eingriff in das junge Leben, der einen äußeren entwicklungsanstoßenden Impuls darstellt. Eine Vormachtstellung in der Werkzeugkiste dieser Impulse hat eben der zielgenaue Verweis auf den angemessenen PLATZ inne. So soll Emil in der Kinderkrippe, da bin ich mir ganz sicher, zum Umgang mit Gleichaltrigen sozialisiert werden, denn er ist ja Einzelkind. Würde er von einem seiner Eltern zu Hause in variierenden Antworten auf seine jeweilige individuelle Entwicklungsstufe erzogen, dann würde er in den PLATZ-Kreisen als nicht sozialisiert eingestuft. Der äußere Impuls soll eine innere Veränderung bewirken, die sich dann wiederum nach Außen hin auswirkt. Gut, Emil nutzt seine acht Stunden auf seinem „Arbeitsplatz“. Er spielt täglich etwa elf Minuten mit Gleichaltrigen (die Krippnerin führt Buch)und weint nicht mehr nach seiner Mama. Sein Opa lächelt tapfer und malt derweil auf seinem PLATZ in der Seniorenresidenz Seidenschals in den Farben seines Fußballclubs. „Jetzt sehe ich vielleicht fast genauso aus, wie der ältere Herr auf dem Hochglanzflyer des
Heims“, denkt er. Ein Erfolg? Ja? Ja! Aber wessen Erfolg? Und da haben wir ihn wieder, den ominösen Herrn und Meister!
Wer zum Teufel ist das denn? Natürlich kommt dieses Gesellschaftsbild nicht ohne Hierarchie aus. Genau! Ich hätte sie fast vergessen, die zu 60% kinderlosen Journalisten und Handlanger der Sozialingenieure unter den Politikern.
[…]
Ganz oben in der Hierarchie stehen Gesellschaftsarchitekten, die es grundsätzlich und tatsächlich gut meinen. Sie wähnen sich, ähnlich wie der Evangelist Johannes am Anfang seines Evangeliums, als die, die die Draufsicht haben. Sie planen und bauen Sozialsysteme und reparieren verkorkste Strukturen. Der dümmliche Wähler wird sanft von gütig lächelnden
Gestalten in den Plan gestupst. Er wird aufgestellt auf seinem PLATZ im Spielfeld des Ingenieurs, der PLATZ wirkt dann auf ihn, bis er für den nächsten PLATZ reif ist. Die zweite Hierarchieebene stellen die Platzwärter dar. Da gibt es die Sozialwissenschaftlerin, die Steuermittel dafür verbraucht, herauszufinden, dass erziehende Mütter abstoßend auf ihre Kinder wirken. Es gibt sogar einen ernsthaften und ranghohen Professor an der Universität Halle-Wittenberg, Kai Detlef Bussmann, der erforscht hat, die Familie sei die Hochburg der Gewalt. Er empfiehlt dem Staat Kontrollen und polizeiliche Interventionen. Na klar, er muss doch dafür sorgen, dass sein Herr und Meister Zugriff auf die Spielfiguren hat. Plätze, ja auch Gefängnisplätze, sind ja oben offen.
Fassen wir zusammen: Der PLATZ-Gesellschaft ist die Familie, die ihre Kinder persönlich und zu Hause erzieht, keinesfalls zuträglich. Ein Segen für die Gesellschaft? Mitnichten!
Anhänger dieses Gesellschaftsbilds wünschen sich die Menschen auf den vom Herrn und Meister für adäquat erachteten Plätzen. Dieser muss ja im Zweifelsfall ran kommen können, an die, denen es durch die Erfüllung seines Plans gut gehen soll. Menschen werden sortiert und ordentlich abgelegt. Die Babys auf den Krippenplätzen, die Kranken in die Krankenhäuser, die Alten in die Altersheime, die Kräftigen auf die Arbeitsplätze, die Kinder auf die Kita-Plätze … In den Strukturen, die vom mittleren Alterssegment abweichen, gibt es dann immer gutmeinende helfende Abgesandte aus der Kohorte der Kräftigen. Je weniger das sind, desto wirtschaftlicher verläuft die Planerfüllung.
Wäre dieser Herr und Meister der Plätze Gärtner, so würde er in meiner Phantasie Hecken pflegen, hohe und lange Buchenhecken, mit denen er es gut meint. Wachsen sie nicht schön grade, in ihren nach Alter sortierten Reihen?“
Aus: Stefanie Selhorst: Nur. Essay zum Beruf. Kißlegg: FE-Medienverlag 2010, S. 176, Euro 6.95.
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