Ein Sommernachtstraum für Cheyenne
Ein Sommernachtstraum für Cheyenne
Datum: 22.06.2010, 13:28
Ihr A…-Geweih blitzt kurz hervor, während sie sie sich bückt, um Cheyennes Becher („Sommernachtstraum“) aus dem untersten Regalbrett zu angeln. Aber nur kurz, denn sie verliert das Gleichgewicht, wird im letzten Moment noch von den starken Armen ihres Vaters gehalten. Immer wieder entscheiden sie sich zeternd um und verhandeln die richtige Wahl für jeden einzelnen, fast so, als ging es um ganz Wichtiges. Fast so? Zwei Menschen denken sich in jedes ihrer Familienmitglieder ein und sie platzen dabei fast vor Vorfreude. Kann es Wichtigeres geben? Nein!
Ich belade mein Auto und denke darüber nach, was unser kinderarmes Deutschland mit seinen düsteren Aussichten aus und mit ihnen macht, den bindungsstarken und fast immer um ihre Liebe bemühten Stevens und Doreens und deren Kindern Maddox, Justin und Chiara?
„Bildungsferne“ lautet der Vorwurf an Doreen und Steven. „Drohende Vernachlässigung, Kindesmisshandlungen, prekäre Verhältnisse…“ All dies führe zu Stress in der frühen Kindheit, der das kleine Kind in seiner geistigen Entwicklung gefährdet. Prof. Kristian Folta vom Kompetenzzentrum frühe Kindheit in Niedersachsen stellt wenige Tage später auf der Tagung „Das Geheimnis erfolgreicher Bildung“ in Düsseldorf eindrucksvoll den Zusammenhang zwischen geringem sozioökonomischen Status der Eltern und kindlichem Stress dar. Armutsbedingter Stress, so Folta, beeinträchtige die geistige Entwicklung. Seine Konsequenz lautet: Nehmt sie heraus aus diesen Verhältnissen! Maddox, Justin und Chiara gehören unverzüglich in „frühkindliche Bildungseinrichtungen“ (= euphemistischer Ausdruck für Kinderkrippen). Ich bin im Auditorium dieser Tagung des Familiennetzwerks nicht die einzige, der ein Laut des Missfallens entfährt. Erstaunt schaut der Beifall-verwöhnte Redner in die Menge und zieht die Augenbrauen hoch. „Nicht zwanghaft“, schiebt er nach. „Das wäre auch noch schöner!“, denke ich und meine Gedanken schweifen. Vor vier Jahren zog eine Gruppe von drei oder vier Punks im mittleren Teenager-Alter in unsere Wohngegend. In ihrer Mitte stets ein Billigbuggy mit dem gemeinsamen Baby. Inzwischen sieht man nur noch die Mutter mit dem Kleinen und seinem neuen Geschwisterchen. Spät, um 8:30 bringt sie den Großen in den Kindergarten und früh, um 12 Uhr holt sie ihn wieder ab. Das Kleinkind ist sogar den ganzen Tag bei der Mutter. Ich freue mich, wenn ich sehe, dass derselbe alte Billigbuggy in Richtung Mutter zeigt. Auch das neue Baby schaut immerzu in das Gesicht seiner inzwischen zwanzigjährigen Mutter - eine Kopfhälfte kahl, die andere grün -. Lächelnd beantwortet sie jede seiner Lautäußerungen. Ja, und neulich kam der Vierjährige auf mich zu und erklärte mir wortgewand und plausibel die Mechanik seines Überraschungseispielzeugs. „Die Anhänger von Prof. Folta hätten dich weggesperrt“, sage ich ihm in Gedanken und lenke meine Aufmerksamkeit wieder zurück auf die Tagung.
Sicher hat Prof. Folta eindrucksvolle Statistiken über das Versagen von Kindern armer Eltern, die man auch nicht widerlegen kann. Irgendwo auf dem langen Weg zwischen Geburt und Schulabschluss muss es einen Fallstrick für diese Kinder in prekären Lebensumständen geben, daran ist nicht zu zweifeln. Aber, ob der sich wissenschaftlich oder statistisch orten lässt? Das wage ich zu bezweifeln.
Ich glaube eher, den Strick spannen diejenigen gesellschaftlichen Kräfte, die von vorneherein die falschen Fragen stellen. Da nehme ich mich selbst gar nicht aus. Habe ich nicht jetzt gerade eben gefragt: „…was unser kinderarmes Deutschland mit seinen düsteren Aussichten aus und mit ihnen macht, …?“ Eben diese Frage suggeriert, Eltern und Kinder seien Tonklumpen, aus denen ein Land etwas machen könne. Eine falsche Annahme mit fatalen Folgen. Sehen wir sie uns an:
- Die Eltern von Myron sind von der Klassenlehrerin zum Gespräch gebeten worden, denn der inzwischen Achtjährige verprügelt jeden, der ihm über den Weg läuft. Darüberhinaus liegen seine schulischen Leistungen weit unter dem Durchschnitt. Als er mit knapp fünf Jahren zur Schuluntersuchung geladen worden war, hatten seine Eltern im Einvernehmen mit der Kindergärtnerin die Schulreife des Jungen in Frage gestellt. Rüde waren sie damals von der Amtsärztin belehrt worden. Statt ihnen Gehör zu schenken, hatte diese den besorgten Eltern eine „Flex“-Klasse erklärt. Das tat sie so lange und gründlich, bis die Eltern auf einen Schlag alle ihre Einwände vergessen hatten und dachten: „Die Autoritäten und Fachleute werden es schon wissen, was gut für unser Kind ist.“ Seit dem hatten sie begonnen, sich abzugewöhnen, am schulischen Geschick ihres Jungen Anteil zu nehmen oder es gar lenken zu wollen. Sie zogen sich zurück und waren dann auch im aktuellen Gespräch, dessen Anlass ihrer damaligen Intuition ja voll Recht gab, hilflos. Genauso hilflos und ausgeliefert, wie ihr kleiner Junge, der von nun an auf die Förderschule abgestellt werden sollte.
Hier erkenne ich ihn klar, den Fallstrick. Er liegt in der behördlichen Missachtung der elterlichen Kompetenz. Jener Urteilsfähigkeit, die aus der Gewohnheit von Eltern resultiert, sich beständig genau in diesen Menschen herein gedacht zu haben. Sehen sich wirtschaftlich schlechter Gestellte wegen einer Überbetonung der gesellschaftlichen Erziehungskompetenz nicht mehr persönlich in der Verantwortung für die Gestaltung ihres Familienlebens, so werden sie zu Außengehaltenen. Nicht die besten Voraussetzungen für die Erziehung eines Kindes, das sich doch so gerne an der Stärke seiner Eltern ausrichten würde.
Die Punk-Mutter hingegen lässt sich von ihrem Innen, ihrer Liebe, leiten. Hat sie doch ihre eigenen Vorstellungen vom Umgang mit ihren Kindern, und beantwortet deren Entwicklung entsprechend und höchstpersönlich. Die Kinder gedeihen.
Außengehaltenen Eltern hingegen fehlt die Konsequenz und Orientierungskraft der Liebe. Das gilt für Arm und Reich gleichermaßen. Ihnen fehlt auf lange Sicht schlichtweg die Fähigkeit darüber nachzudenken, ob Oma Kirschjoghurt mag.
Was ich jetzt sage, mag absurd klingen. Und auch ich weiß, dass jede Statistik den Armen geringeren Bildungserfolg attestiert und dennoch behaupte ich, dass diejenigen unter den Armen mit innengehaltenen Eltern unsere zukünftige Elite darstellen. Sie haben die Liebe. Der Punker-Sohn wird Ingenieur, die Schwester von Cheyenne vielleicht Ganztags-Mutter einer bunten Kinderschar. Ja die erfolgreiche Hausfrau und Mutter ist Elite!
Innengehaltene Eltern können ihre Kinder sogar vor den Rettern retten, die die falschen Fragen stellen. Noch ein Beispiel? Nun ja, mit dem Leiter einer Grundschule hatte ich einmal ein Gespräch. Damals bat ich ihn, die Hauptschulempfehlung meines Schützlings, den ich für aufgeweckt und akademisch interessiert hielt, noch einmal zu überdenken. Meine Chancen waren dabei von Anfang an gleich null. Der Junge sei ja Ausländer, Flüchtlingskind und da könne man auch aus dem Elternhaus gar nichts erwarten. Rein gar nichts. „Aber“, mein hilfloser Einwand, „er will doch Latein lernen und das wird auf der Oberschule nicht angeboten!“ Darauf der Schulleiter: „Sie haben ja keine Ahnung, was die Kinder, die hier eingeschult werden alles werden wollen. Astronaut ist da noch gar nichts… Und wir, wir müssen uns das anhören und wissen ganz genau, sie werden noch nicht einmal den einfachen Schulabschluss schaffen!“ Dabei verzog er vor Selbstmitleid sein Gesicht. Das Opfer war er, der Täter das Kind mit seinem „anmaßenden“ Selbstbild und dem Leuchten in den Augen. Meine Freundin, Flüchtling und Mutter des kleinen Latein-Liebhabers aber reagierte innengehalten. Zunächst einmal machte sie gar nichts, außer dem Kind zu sagen, dass sie an ihn glaube, komme da was wolle. Dann später und völlig unspektakulär fand sie nach ihrem Umzug in eine Großstadt für ihren Sohn einen Platz an einer Schule mit Lateinunterricht, und sie hat noch zusätzliche Putzstellen gefunden um Nachhilfestunden zu finanzieren.
Ein Land, ein Politiker, eine Amtsärztin, ein Schulleiter… Sie alle können zwar versuchen, bedürftige Eltern bezüglich der Kindererziehung zu lenken und mitunter haben sie sogar Erfolg. Doch leider wird dieser Erfolg garantiert zu einem Pyrrhussieg, denn die nunmehr außengehaltenen Eltern werden dann nicht mehr von der Liebe zu ihrem einmaligen Kind geleitet, sondern von den Behörden. Die Liebe aber ist der Nährboden des kindlichen Erfolgs. Sie fragt immerzu und ausschließlich danach, was dem Kind entspricht und gemäß ist. Vanille- oder Himbeerjoghurt, Oberschule oder altsprachliches Gymnasium, Blickkontakt im Buggy oder Kinderkrippe…? Adäquate Antworten können nur innengehaltene Eltern geben. Und genau diese Entscheidungen verdienen die öffentliche Anerkennung aller gesellschaftlichen Kräfte. Fragt nach Eltern, die selber entscheiden wollen und können, und die Kinder werden gedeihen!
Von Familienpolitikern ersehne ich mir eine einzige und noch dazu kostenneutrale Maßnahme; einen einzigen Satz, der die Nation befreien würde: „Wenn Eltern entscheiden, dass der Flachbildschirm gut für ihr Kind ist, dann ist das auch so!“ Ganz nebenbei könnte etwas Wunderbares geschehen. Es könnte passieren, dass die Geburtenrate steigt. Denn wer will nicht einmal im Leben zu einer Gruppe gehören, einer Gruppe von Menschen, der man vertraut und in die man alle Hoffnung setzt, weil die Liebe ihr Programm ist?
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