Die Friedensstifter der BRICS: Wenn Rivalen die Welt ordnen wollen

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Einführung

In Neu-Delhi sitzen heute Vertreter von Staaten an einem Tisch, die zusammen fast die Hälfte der Menschheit repräsentieren. China fordert zugleich, dass BRICS im Krieg im Nahen Osten eine aktivere friedensstiftende Rolle übernimmt. Indien richtet den Gipfel in einem Moment aus, in dem zwischen den Teilnehmern eigene Konflikte, Grenzfragen, Sanktionsdruck und Kriege wirken. Gerade die Zusammensetzung dieses Tisches erzählt deshalb vielleicht mehr über die Veränderung der Weltordnung als das offizielle Gruppenfoto. Geopolitik ist oft das Fach, in dem Millionen Menschen mit den Folgen der Entscheidungen einiger Männer an einem viel zu großen Tisch leben, und Delhi bietet heute einen wirklich großen Tisch.

Elf Staaten, ein Tisch... Die gastgebende indische Regierung führt BRICS 2026 mit elf Mitgliedern: Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika, Ägypten, Äthiopien, Indonesien, Iran, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Nach denselben offiziellen Angaben stehen diese Staaten für 49,5 Prozent der Weltbevölkerung, rund 40 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung und 26 Prozent des Welthandels. In einzelnen Agenturlisten erscheinen heute kürzere Aufzählungen; für Mitgliedschaft und Gesamtzahlen verwende ich die offizielle Grundlage des Gastgeberlandes.

Die Geschichte begann deutlich bescheidener. Jim O’Neill von Goldman Sachs prägte BRIC 2001 als ökonomische Kategorie für Brasilien, Russland, Indien und China und argumentierte bereits damals für eine Anpassung globaler Entscheidungsforen an deren wachsendes Gewicht; Goldman Sachs dokumentiert die ursprüngliche Studie. Politische Koordination entwickelte anschließend ein Eigenleben, und 2009 fand in Jekaterinburg der erste Gipfel der Staats- und Regierungschefs statt, wie die BRICS-Gipfelchronik festhält.

Indien führt den diesjährigen Vorsitz unter dem Motto „Building for Resilience, Innovation, Cooperation and Sustainability“ und verbindet den Gipfel vom 12. bis 13. September mit „Humanity First“. Die offizielle indische Gipfelseite gibt der Veranstaltung damit ein menschlicheres Vokabular als die übliche Sprache über Machtblöcke. Das Vokabular eröffnet die Debatte; die Geschichte fragt anschließend, welche Institutionen und welches Verhalten daraus entstehen.

China will BRICS zum Friedensstifter machen

Xi Jinping ist erstmals seit sieben Jahren nach Indien gereist und rief BRICS auf dem Gipfel zu einer friedensstiftenden Rolle im Nahen Osten auf. Laut Reuters bezeichnete er die Gruppe als führende Kraft des Globalen Südens und verband ihre politischen Ambitionen mit Frieden, Entwicklung und Innovation. Peking verschiebt die Debatte damit von wirtschaftlicher Koordination zu der Frage, ob BRICS auch diplomatisches Gewicht entwickeln kann.

Die Prüfung folgt sofort. Reuters berichtete heute, dass sich die Mitglieder trotz unterschiedlicher Positionen Irans und der Vereinigten Arabischen Emirate im gegenwärtigen Golfkrieg auf eine gemeinsame Erklärung verständigt haben. Während dieses Textes läuft der Gipfel weiter und die vollständige amtliche Fassung wird im Tagesverlauf veröffentlicht; deshalb trenne ich die bestätigte Einigung über das Dokument von seinem endgültigen öffentlichen Wortlaut.

Chinas Vorschlag folgt einem breiteren Konzept „gemeinsamer Sicherheit“, das Xi wenige Tage zuvor im Gespräch mit Ägyptens Präsident formulierte. Das chinesische Außenministerium nennt vier Punkte: regionalen Dialog, integrierte Konfliktlösung, Entwicklung als Grundlage von Stabilität sowie eine stärkere Rolle der Vereinten Nationen und des Völkerrechts. Friedenspolitik wird für Peking damit zugleich zum Sicherheitskonzept und zum Argument für mehr Gestaltungsmacht des Globalen Südens.

Indien: Gastgeber zwischen Rivalen

Indien fügt seine eigene Sprache strategischer Autonomie hinzu. Im Gespräch mit Irans Präsident Masoud Pezeshkian betonte Narendra Modi Dialog, Diplomatie, freie Schifffahrt und die Sicherheit von Seeleuten; dieselben Punkte nennen das indische Premierministeramt und Reuters. Für ein Land, dessen Handel stark über Seewege läuft, ist Frieden zugleich eine sehr praktische logistische Kategorie.

Mit Wladimir Putin vertieft Indien gleichzeitig die Zusammenarbeit in Energie, Verteidigung, Industrie und Handel. Reuters erinnert an das Ziel, den bilateralen Handel bis 2030 auf 100 Milliarden Dollar zu steigern, sowie an Russlands Vorstellung von BRICS als praktischere Plattform für Technologie, Infrastruktur, Zahlungen und Investitionen. Delhi hält damit Kanäle nach Moskau, Washington, Europa und in den Globalen Süden offen.

Das interessanteste Paar am Tisch bleiben Indien und China. Im Galwan-Tal starben 2020 zwanzig indische und vier chinesische Soldaten; Reuters bezeichnet die Konfrontation als erste tödliche Gewalt an der Grenze seit 1975. Zwei Atommächte sprechen heute also über Weltfrieden, während die Erinnerung an den eigenen Grenzkonflikt weiterhin politisch präsent ist.

Gleichzeitig findet ein reales Tauwetter statt. In der 25. Runde der Sonderbeauftragten am 25. August 2026 vereinbarten beide Seiten zusätzliche militärische Kommunikationskanäle, weitere Arbeit an der Grenzregelung und fortgesetzten Dialog; die acht Punkte veröffentlichte das chinesische Außenministerium. Frieden zwischen Großmächten beginnt erstaunlich oft mit etwas Prosaischem: einem Telefon, das jemand rechtzeitig abnimmt.

Handel hält Rivalen im Gespräch

Sicherheitspolitisches Misstrauen lebt neben wirtschaftlicher Abhängigkeit. Reuters berichtet, dass China im indischen Finanzjahr 2025/26 Indiens größte Importquelle war und Waren im Wert von rund 132 Milliarden Dollar lieferte, darunter wichtige Industriekomponenten. Die Himalaya-Grenze erinnert damit daran, dass ein geopolitischer Rivale am selben Tag auch ein zentraler Lieferant sein kann.

Genau deshalb nutzt Indien BRICS als weiteren Pfeiler seiner strategischen Autonomie. Die Gruppe schafft Raum für Zusammenarbeit mit China und Russland, während Delhi seine Beziehungen zu den USA, Europa, Japan und den Golfstaaten entlang weiterer Interessen entwickelt. In der Sprache klassischer Diplomatie bedeutet das: an mehreren Tischen sitzen und an jedem genau wissen, weshalb man gekommen ist.

Von Bandung zum Globalen Süden

Die historische Spur führt nach Bandung im April 1955. Auf der afro-asiatischen Konferenz trafen sich 29 Regierungen und berieten über Dekolonisierung, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Menschenrechte und friedliche Koexistenz; ausführlichen Kontext bietet das Office of the Historian des US-Außenministeriums. Viele Teilnehmer suchten damals außenpolitischen Handlungsspielraum zwischen den beiden Machtblöcken des Kalten Krieges.

Bandung baute außerdem auf den fünf Prinzipien friedlicher Koexistenz auf, die Indien und China bereits 1954 formuliert hatten: Respekt vor territorialer Integrität und Souveränität, Nichtangriff, Nichteinmischung, Gleichheit und gegenseitigen Nutzen sowie friedliche Koexistenz. Diese Grundsätze dokumentiert der historische Bandung-Überblick. Zweiundsiebzig Jahre später sitzen Indien und China in Delhi erneut an einem Tisch und geben diesen Worten einen ausgesprochen aktuellen Test.

1961 entstand dann in Belgrad die Bewegung der Blockfreien. Die offizielle NAM-Geschichte und das serbische Außenministerium beschreiben sie als Versuch von Entwicklungsländern, im Kalten Krieg einen eigenen politischen Raum zu bewahren. BRICS nutzt eine andere institutionelle Sprache, doch der Wunsch des Globalen Südens nach mehr eigenem Entscheidungsspielraum klingt sehr vertraut.

Vom unipolaren Moment zur Pluralität

Nach dem Zerfall der Sowjetunion konzentrierte sich die globale Macht in den 1990er Jahren stark um die Vereinigten Staaten und westlich geprägte Institutionen. Das heutige BRICS wächst aus der späteren Verschiebung wirtschaftlichen Gewichts nach Asien und in andere aufstrebende Regionen. Der indische Regierungsüberblick präsentiert den Anteil von fast der Hälfte der Weltbevölkerung heute als Argument für mehr Repräsentation in globalen Entscheidungsprozessen.

Die Erweiterung hat Geografie und innere Chemie der Gruppe verändert. BRICS Brasil nennt elf Mitglieder aus Asien, Afrika, Lateinamerika und dem Nahen Osten; eine Partnerkategorie erweitert den Kreis, und BRICS Brasil beschreibt das wachsende Interesse weiterer Staaten. Ein größerer Tisch bringt mehr demografisches Gewicht und zugleich mehr unterschiedliche Interessen.

Westfalen und Wien: Frieden als Umgang mit Unterschieden

Der Westfälische Frieden von 1648 entstand nach Jahrzehnten Krieg und Jahren von Verhandlungen in Münster und Osnabrück. German History in Documents and Images zeigt zwei Verträge, die territoriale, konfessionelle und machtpolitische Beziehungen regelten und die Ordnung im Heiligen Römischen Reich veränderten. Die spannendste Lektion für heute liegt in der Methode: viele Akteure, verschiedene Ziele und Regeln, mit denen alle lange genug leben können.

Der Wiener Kongress 1814–1815 arbeitete in einer anderen Welt mit einem ähnlichen Bedürfnis. Die Österreichische UNESCO-Kommission erinnert daran, dass eine neue politische Balance entstand, die Europa mehr als ein halbes Jahrhundert prägte. Diplomatie lernte damals, dass Stabilität auch durch regelmäßige Verhandlungen zwischen Mächten entsteht, deren Interessen sich nur teilweise überschneiden.

Eine multipolare Welt gewinnt daher eine friedlichere Gestalt durch Regeln, Kommunikationskanäle, gegenseitige Berechenbarkeit und die Bereitschaft, die Grenzen eigener Macht zu akzeptieren. Die Zahl der Pole sagt über Frieden weniger aus als die Art, wie diese Pole miteinander umgehen. Ein offizielles Gruppenfoto hat für diese historische Feinmechanik bekanntlich nur begrenzte Auflösung.

Kautilya würde sich am Tisch kaum langweilen

Die indische politische Tradition bietet noch eine ältere Linse. Kautilyas Arthashastra beschreibt sechs Formen der Außenpolitik: Frieden, Krieg, Neutralität, Marsch beziehungsweise Vorbereitung, Bündnis und Doppelpolitik; die klassische englische Übersetzung findet sich in Buch VII der Arthashastra, eine moderne wissenschaftliche Ausgabe bei Oxford University Press. Der antike Autor behandelt Frieden als strategische Wahl, die aus konkreten Kräfteverhältnissen und Interessen entsteht.

Besonders interessant ist die Doppelpolitik: Verständigung mit einem Akteur bei gleichzeitigem Wettbewerb mit einem anderen. Im heutigen BRICS erscheint diese Logik fast überall. Indien kooperiert mit China im BRICS und stärkt zugleich seine eigene Sicherheitsposition; Golfstaaten teilen Wirtschaftsforen mit Iran und schützen parallel ihre strategischen Interessen; Russland sucht Handelskanäle in Ländern, die zugleich Beziehungen zum Westen pflegen.

Ein solches System lebt von überlappenden Interessen. Ein gemeinsamer Punkt kann im Handel liegen, ein weiterer in der UN-Reform, ein weiterer in Energiefragen und ein weiterer beim Frieden. Kautilya hätte darin vermutlich ziemlich normales Regieren erkannt. Die moderne Pressekonferenz nennt es strategische Partnerschaft und stellt vorsichtshalber noch einige Flaggen dazu.

Institutionen entscheiden, ob mehr bleibt als ein Foto

BRICS verweist häufig auf Völkerrecht und souveräne Gleichheit. Artikel 2 der UN-Charta verbindet souveräne Gleichheit mit der friedlichen Beilegung internationaler Streitigkeiten und Zurückhaltung beim Einsatz von Gewalt. Diese Kombination gibt der Gruppe eine gemeinsame Sprache, die sehr unterschiedliche politische Systeme und außenpolitische Traditionen zusammenführen kann.

Ein weiteres gemeinsames Feld ist die Reform globaler Institutionen. Die BRICS-Erklärung von Rio 2025 forderte eine repräsentativere UNO und eine stärkere Stimme der Entwicklungsländer; China und Russland unterstützten darin erneut die Bestrebungen Brasiliens und Indiens nach einer größeren Rolle in der UNO einschließlich des Sicherheitsrats. Modi fasste dieselbe Frage mit dem Bild zusammen, Institutionen des 21. Jahrhunderts müssten der Gegenwart entsprechen; veröffentlicht wurde die Rede vom indischen Premierministeramt.

BRICS hat zudem bereits eine greifbare Institution geschaffen. Die New Development Bank hatte nach Bankangaben vom August 2026 bis zum 30. Juni 141 Projekte im Umfang von rund 44 Milliarden Dollar genehmigt und etwa 25 Milliarden ausgezahlt. Das wiegt schwerer als jede Metapher über eine neue Weltordnung, denn Institutionen gewinnen Bedeutung, wenn sie reale Infrastruktur, Energie, Wasser oder Wohnungsbau finanzieren.

Ähnlich praktisch ist die Handelsagenda. BRICS verband 2025 seine Reformagenda mit WTO-Fragen, digitaler Wirtschaft und der Strategie für wirtschaftliche Partnerschaft; heute geht es weiter um Zahlungen, nationale Währungen, Logistik und widerstandsfähige Lieferketten. Einfluss kann so durch viele technische Verbindungen wachsen, statt sich auf ein einziges großes Symbol zu stützen.

Gleichzeitig arbeitet BRICS mit einer schlanken institutionellen Architektur aus rotierendem Vorsitz und Konsens. Der offizielle brasilianische Überblick beschreibt eine politische und diplomatische Koordinationsplattform mit mehreren Arbeitssäulen. Konsens verlangsamt große Schritte und zwingt zugleich Staaten mit sehr unterschiedlichen Sicherheitsinteressen, eine gemeinsame Formulierung zu finden.

Frieden als härtester Test

Eine friedensstiftende Ambition misst sich an der Fähigkeit, Rivalen an den Verhandlungstisch zu bringen, Zivilisten zu schützen, Handels- und Hilfsrouten offen zu halten und Lösungen anzubieten, die Konfliktparteien annehmen können. Die aktuelle Krise im Nahen Osten betrifft BRICS-Mitglieder und ihre Nachbarn unmittelbar; Reuters beschreibt die Folgen für Energie, Hormus und den inneren Zusammenhalt der Gruppe. Wenn BRICS aus der heutigen Erklärung einen brauchbaren diplomatischen Kanal formt, gewinnt es mehr Gewicht als durch jeden Slogan über Multipolarität.

Und genau hier führt der Gipfel zurück zu Bandung, Westfalen, Wien und Kautilya...

All diese Traditionen erinnern daran, dass Frieden aus Interesse, Regeln, Gleichgewicht, Geduld und der Fähigkeit entsteht, mit Menschen zu sprechen, mit denen man im Streit liegt. Es ist durchaus angenehm, wenn Atommächte zusammenkommen, um über Frieden zu reden. Die Geschichte kennt auch schlechtere Tagesordnungen.

Quellen:

Sven von Storch

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