Wegdrehen! Propaganda im Radio in der DDR und heute

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Wegdrehen! Propaganda im Radio in der DDR und heute
Datum: 22.05.2019, 11:46

Als ein nur sechs Monate vor dem Mauerbau Geborener war ich gezwungen, meine gesamte Jugend hinter den sozialistischen Menschensperren des SBZ-Regimes zu verbringen. Eine Reichsfluchtsteuer hätte ich mit Vergnügen entrichtet, um der „Diktatur des Proletariats“, also der Herrschaft der geistig Hilflosesten, so früh wie möglich zu entkommen. Dieses vergleichsweise großzügige Angebot stand jedoch leider nicht mehr zur Verfügung, oder wie es mir der Stasizyniker Genosse Claas beim Rat der Stadt Potsdam 1985 ins Gesicht spuckte: „Sie sind hier geboren, Sie werden hier auch Ihr Grab finden!“ Sozialismus ist ungenierte Sklaverei. Der einzige Kontakt zur Welt außerhalb des „antifaschistischen Schutzwalls“, dessen stacheldrahtbewehrte Reiter in Richtung des linken Proletenparadieses zeigten, waren Funk und Fernsehen. Die damals bei Radios üblichen großen Räder zur Senderwahl, die man mit Schwung in Bewegung setzen konnte, um den Zeiger über die Frequenzen laufen zu lassen, warf ich an, hörte die Tonschnipsel beim Überlauf und stoppte dann geübt auf einer „Westfrequenz“. Ich war in der Lage, Ost- und Westsender am Tonfall auseinanderzuhalten, wie man beim Hören nur eines Taktes einen populären Schlager (neudeutsch „Hit“) erkennt. Meist landete ich dann beim „Rundfunk im Amerikanischen Sektor“ (Rias Berlin) oder beim American Forces Network (AFN). Auf Mittelwelle wurde der Rias durch die Lagerkommandantur mit einem Pfeifton der Sendeanlage Königs Wusterhausen gestört, der unverzichtbare Sender war also nur auf UKW in der Nähe der Mauer zu hören.

Allerdings war das nicht mit dem Abhören von Feindsendern unter Kriegsbedingungen zu vergleichen. Niemand, mit Ausnahme der 150-prozentigen Parteikader, hörte freiwillig „Ostradio“. Unvergesslich ist mir ein „Subbotnik“ an einem strahlend schönen Apriltag Mitte der 70er Jahre bei der Defa. Für Nachgeborene muss ich das erklären: „Subbota“ ist Russisch und heißt „Sonnabend“, und so bezeichnete in der Zone der „Subbotnik“ den Tag des Frühjahrsputzes an einem Sonnabend. Die Defa (Deutsche Film AG), vormals Ufa, in Babelsberg hatten die DDR-Sozialisten von den National-Sozialisten als Propagandafilmabteilung übernommen. Überall auf dem Defa-Gelände standen die Fenster offen, und aus allen tönte die gleiche Rias-Radiosendung: „Evergreens A-Go-Go“ vom legendären Moderator Lord Knud, der schon im Fragebogen mit Uwe Reuter in ef 187 gewürdigt wurde. Die Sendung fehlt mir heute noch wie meine verblichene Großmutter. Sie gehörte einfach zum Ritual am Beginn eines Wochenendes und lief wie selbstverständlich auch im Inneren des DDR-Filmbetriebs. Lord Knud war es, der so unvergesslich den 60. Jahrestag des Lenin-Putsches in der Sowjetunion mit dem Curd-Jürgens-Schlager „60 Jahre und kein bisschen weise, aus gehabtem Schaden nichts gelernt…“ kommentierte oder nach der spektakulären Flucht einer Familie mit einem Heißluftballon das Lied: „Kauf dir einen bunten Luftballon, nimm ihn fest in deine Hand, stell dir vor, er fliegt mit dir davon, in ein fernes Märchenland“ spielte. Solche Possen amüsierten die ganze Zone im Empfangsbereich und waren Gesprächsthema.

Auch bei der Nationalen Volksarmee (NVA) wurde das Ostsenderhörgebot umgangen. Wir mussten mit papiernen Pfeilen die Position der Sender DDR I und DDR II auf unserem Röhrenradio kennzeichnen, damit der Spieß auf einen Blick kontrollieren konnte, dass wir keinen Feindsender hörten, wenn er die Bude betrat. Die Pfeile klebten zwar auf der Skala, jedoch nicht dort, wohin sie befohlen waren. Der Spieß wusste das und kommentierte die laufende Musik nur mit einem lakonischen: „Ich sehe, der diensthabende Sender ist eingestellt.“
Auch den Lauschdienst auf einem Funkwagen habe ich immer gern angenommen. Meine Lieblingssender liefen ja alle auch auf Kurzwelle. So einfach konnte das Propagandaausweichen in der DDR sein. Mitnichten heute, und schon gar nicht auf UKW. Das dissonante Timbre des Propagandasounds, das sich damals mit jeder Halbwelle kundtat, was man instinktiv spürte und was einen unverzüglich zum Wegdrehen des Senders bewog, ist wieder da. Stoppt der Sendersuchlauf auf einer GEZ-Propagandafrequenz wie dem Deutschlandfunk, schnellt meine Hand unwillkürlich abwehrend auf den Senderschalter, als gälte es, eine angreifende Ratte abzuwehren, dabei entfährt mir oft ein lautes „Neiiiin!“. Ich bin absolut allergisch geworden gegen das ununterbrochene Trommelfeuer linker Ideologie und den sexuellen Befindlichkeitsexhibitionismus im Äther. Es genügen meist nur drei Worte, um zu wissen, dass man auf einem Staatskanal „zur Erziehung allseits gebildeter sozialistischer Persönlichkeiten“ (DDR-Sprech) gelandet ist. Leider ist es nicht mehr so wie früher, als man auf den lizenzierten Sendefrequenzen noch die Wahl zwischen linker Demagogie Ost und relativ freier Presse West hatte. Heute, im „besten Deutschland aller Zeiten“, gibt es keinen einzigen UKW-Sender mehr, der nicht der ideologischen Vorgabe der staatlichen Aufsicht folgt, den deutschen Kleingeist in der eigenen Gedankenbrühe garzukochen, sonst fände sich wahrscheinlich sehr schnell ein im „Kampf gegen rechts“ liegender Anlass für seine Abschaltung.

Die Folgen muss ich beim Mittagstisch in der Kantine mit Grausen zur Kenntnis nehmen. Die Kollegen springen da zuverlässig über jedes Stöckchen, das ihnen der Staatspolitikansager aus dem morgendlichen Autoradio hingehalten hat. Damit das so bleibt, gibt es keinerlei Bestrebungen, Internetautoradios zu etablieren. Dort würden die Staatsfunker nämlich in der Masse der privaten Angebote untergehen. Den immer wieder angekündigten Abschied vom analogen UKW-Dampfradio hat man deshalb auf unbestimmte Zeit verschoben. Zu meinem Behagen treffe ich jedoch immer häufiger auf totale Staatsfunkverweigerer, die sich mit einem Hörbuch die Fahrt zur Arbeit veredeln. Von einem UKW-Sender mit anspruchsvoller Musik abseits des globalistischen Allerweltsgedudels und unideologischer, sachlicher Berichterstattung kann unter den herrschenden einseitig linken politischen Zwangsverhältnissen nicht einmal geträumt werden. Lassen Sie also das Radio einfach aus, genießen Sie die Stille, das beruhigende Ticken eines alten Regulators oder das kommode Brummen Ihres Verbrennungsmotors. Wenigstens dieses könnte Ihnen bald fehlen.

Sven von Storch

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