Permanenter Bummelstreik

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Permanenter Bummelstreik
Datum: 08.12.2023, 12:55

[Dieser Artikel erschien in Heft 237 des libertären Magazins „eigentümlich frei“ und ist als Podcast hier abzurufen: https://youtu.be/O-LZeOxE4MI?si=W-k00nUXB0h_Ps9M]

„Man kann diesen Staat gar nicht so sehr bescheißen, wie er es verdient!“, war ein gängiger Fluch in der DDR. Der Alltag in dieser von mir als eingezäuntes Arbeitslager erlebten „Zone“ begann in der Regel vor 6 Uhr und startete mit einem wegen der Mangellage wenig abwechslungsreichen Frühstück. Das Weißbrot war pappig, die Marmelade nur süß, Bohnenkaffee zu teuer und der Kaffeersatz wenig aufmunternd. Richtig guten Kaffee, Nutella oder Müsli gab es nur im Westwerbefernsehen, wenn man keine West-Beziehungen hatte. Die Morgenzeitung bestand aus einem Doppelblatt mit einer eingelegten Seite, die überwiegend mit kommunistischen Siegesmeldungen im Arbeitskampf ausgefüllt war. Derart auf den Tag vorbereitet, stieg man in überfüllte Busse oder Bahnen, um zur Arbeit zu kommen und traf dort auf müde, schlecht gekleidete und mangels Deodorants übelriechende Menschen mit schlechter Laune, um in Betriebe zu fahren, von denen man wusste, dass sie unproduktiv waren und in denen man die dreiundvierzigdreiviertel Wochenstunden irgendwie hinter sich bringen musste. In der Firma, in der ich arbeitete, ging die produktive Arbeit erst nach Feierabend los, dann wurden die Trabanten und Wartburgs in die Halle gefahren und die durchgerosteten Schweller durch neue aus Edelstahl ersetzt oder privat Grills gebaut. In der regulären Arbeitszeit wurde nur das Unvermeidbare geleistet und das Material für die „Feierabendbrigade“ zurechtgelegt.

Die Produktivitätsverweigerung in der DDR entsprach einem permanenten Bummelstreik. Wenn man dem Regime schon alternativlos und eingesperrt ausgeliefert war, dann wollte man es nicht auch noch durch Selbstausbeutung stärken, also erledigte man nur das Nötigste, stand dem Verfall nicht eingreifend, sondern mit einem lächelnden Schulterzucken gegenüber und übte sich in kollektiver Verantwortungslosigkeit, beseelt von dem Wunsch, das Regime möge an seiner Realitätsverweigerung zugrunde gehen. Der von Franz-Josef Strauß 1983 an Erich Honecker überreichte Milliardenkredit konterkarierte dieses geduldige Sägen der Bevölkerung an den Säulen des Sozialismus und wurde nicht gut aufgenommen, da er die DDR-Agonie nur verlängerte. Alle Versuche des kommunistischen Regimes, so etwas wie ein DDR-Kollektivbewusstsein oder ein „Volk der DDR“ zu schaffen, waren von vorherein zum Scheitern verurteilt, da dieser Staat immer nur als kommunistisches Besatzungskonstrukt wahrgenommen wurde. Man fühlte sich als Deutscher unter Kriegsfolgenarrest und hoffte auf Frieden und Wiedervereinigung.

Das Leben in der DDR kannte kaum fließenden Übergänge zwischen Arbeitsalltag und privatem Leben. Der Staat und seine Reproduktionsstätten war der Feind, den aus auszumanövrieren galt. Das traf natürlich nicht auf alle „DDR-Bürger“ zu, denn es gibt immer auch Menschen mit „Stockholm-Syndrom“, die ihren Peinigern durch Entgegenkommen zu entkommen versuchen. Der Spruch „Privat geht vor Katastrophe“ beschrieb die Prioritäten nicht scherzhaft, sondern signalisierte, dass man nicht gewillt war, für dieses Regime im Falle seines Untergangs auch nur eine Hand zu rühren. So ist es dann auch gekommen. Wenn sich eine abgehobene Herrschaftskaste weit genug vom Volk entfernt hat und auf grummelnden Protest keine andere Antwort kennt, als Repressalien, Verhaftungen, Hausdurchsuchungen, Propaganda, Verleumdung und Ausgrenzung der Mahnenden, Statuierung von Exempeln nach dem Mao-Motto „Bestrafe einen, erziehe hundert“, sowie den Menschen keine Auswege für ihre berechtigten Einwände gelassen und Lösungswege systematisch vermauert werden, dann beginnt das Volk den permanenten Bummelstreik und den Rückzug ins Private. Das ist ein Gesetz. Wenn sich diese Form der Notwehr durchsetzt, ist der Niedergang der Volkswirtschaft vorprogrammiert, dann sieht jeder nur noch zu, dass er von der Konkursmasse etwas abbekommt, dann wird sabotiert, gestohlen und hinterzogen was geht. Komplexere Systeme wie die Bundesbahn oder Bundeswehr lassen sich dann nicht mehr zuverlässig betreiben. Der DDR-Spruch: „Bei der Reichsbahn läuft alles, bald läufst auch Du“ beschrieb das Gleiche. Die „Nationale Volksarmee“ war kaum verteidigungsfähig, weil erhebliche Teile der Mannschaft und der Offiziere versuchten, sich das tägliche Elend wegzusaufen.

Unter solchen Bedingungen heißt es Abschiednehmen von den intelligenten Strukturen eines Industriestaates. Dann steigen die Länder auf, in denen die Bevölkerung homogen und weit überwiegend im Einklang mit der Arbeit der Führung ist, wie in Süd-Korea, Japan und China. Das Volk muss den Eindruck haben, dass zu seinem Vorteil regiert wird und es sich um SEINE Regierung handelt, nicht um einen bürokratischen Moloch, außerhalb der eigenen Staatsgrenzen in Belgien. In multikulturellen Hippystaaten wie den USA und Deutschland ruiniert der Versuch, die sich aus der mutwilligen Auflösung kultureller Vereinbarungen ergebenden Konflikte mit Inflationsgeld und struktureller Gewalt zu ersticken, das Gemeinwesen. Voraussetzung für eine komplexe Zivilisation ist Reibungslosigkeit und nicht der Import von Reibereien zwischen Volks- und Religionsgruppen oder die sich aus einer linken Identitätspolitik ergebenden Feindschaften.

Die BRDDR mutiert unter diesen Umständen zum Rückentwicklungsland, verfällt und verkommt mit einer nie gesehenen Rasanz. Von der letzten lebenserhaltenden Injektion durch den Straußschen Milliardenkredit an das DDR-Regime bis zu seinem Untergang dauerte es 6 Jahre. Heute werden größere Ressourcen noch schneller verbraucht, da der Grad der Plünderung, Verschwendung und Fehlallokation der Mittel selbst das aus der DDR bekannte Maß übertrifft. Die dadurch ausgelöste Frustration bei den Bürgern manifestiert sich im Einstellen des Engagements für das Gemeinwesen, den Zusammenbruch ehrenamtlicher Arbeit und die Weigerung, sich an den Brennpunkten des Staatsversagens verheizen zu lassen.

Der Bummelstreik wird besonders an den sich inflationär vermehrenden Straßensperren an Baustellen, im Wortsinne „erfahrbar“. Die Krankenstände sind 2023 gegenüber 2022 um 70% gestiegen. Wer seine Kinder in Sportvereinen oder Schwimmkursen unterbringen will, hat Probleme noch einen Trainer zu finden. Die Arbeitsmoral verfällt für jeden spürbar. Hier, in Schleswig-Holstein, konnten mit Beginn dieses Schuljahres 2023-24 an 53 von 394 Grundschulen die Schulleiterposten nicht besetzt werden. Diese Tortur will sich offensichtlich niemand mehr antun. Ich habe viele Lehrer im Freundeskreis, die übereinstimmend berichten, dass sie keine Lust mehr haben, sich ständig ändernden Lehrplänen, ideologischen Vorgaben, Genderwahn, einem nicht mehr disziplinierbaren Völkergemisch und den Denunzianten der Antifa, besonders unter deutschen Schülern, auszusetzen. Dieser Befund gilt im Wesentlichen für alle gesellschaftlichen Bereiche. Die Autochthonen wenden sich von ihrem Staat ab, die Zugereisten bedienen sich an dem, was die Deutschen nicht mehr zu verteidigen wünschen. Der Buntmetallklau aus der Infrastruktur hat wieder Hochkonjunktur wie nach dem Kriege.

Ein Jeder arbeitet auf seine Weise am Untergang des dysfunktionalen Staates, indem er herauszieht, was zu noch holen ist, allen voran die Politiker und ihr zwangsfinanzierter Propagandaapparat. Aus der DDR ist ein Witz überliefert, wonach der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht auf einem SED-Parteitag anmahnte: „Genossen, aus unseren Betrieben ist viel mehr herauszuholen!“ Danach seien alle mit einem Rucksack zur Arbeit gegangen.

Ich bin gerade Zeuge, wie selbst in Maschinenbau-Aktiengesellschaften Geschäftsführer Einzug halten, welche wie in der DDR beginnen, die Arbeitswelt zu politisieren und zu zerwoken. In der DDR hieß das politische Arbeitsmotto: „Mein Arbeitsplatz – mein Kampfplatz für den Frieden“. Die ideologische Kausalkette funktionierte so: Sozialismus gleich Kampf für Frieden, Kritik am Sozialismus gleich Kriegserklärung an das Regime. Heute geht das so: Die Deutschen für ein Völkerrechtssubjekt und Deutschland für einen Staat mit eigenen Interessen zu halten, Mann und Frau, Familie und Tradition und die Strukturen erhalten zu wollen, die das Land stark gemacht haben, also das Eigene zu verteidigen, ist gleich „nazi“. Weiter kann man Menschen nicht von ihrer Lebenskultur und ihrem Arbeitsethos entfremden. Kommt dann noch die gewaltsame Befremdung und Überwältigung durch kulturell inkompatible Schützlinge aus „Hundertausende von Kilometern“ (Zitat deutsche Außenministerin) entfernt liegenden Weltgegenden hinzu, dann ist das der Sargnagel für ein funktionierendes Gemeinwesen. Wenn man dann auch noch zusehen muss, wie einem die Energieinfrastruktur in der Ostsee unter dem Hintern weggesprengt wird und die Regierung die Aufklärung dieses Kriegsakts verweigert, dann sind die letzten Zweifel ausgeräumt, wer wirklich gegen das Volk steht.

Wenn das Bewusstsein erwacht, dass der Staat zum Feind geworden ist, sind die Tage der Herrschenden gezählt, da die Menschen durch permanenten Bummelstreik die materiellen und mentalen Grundlagen ihrer Macht zerstören werden.

[Dieser Artikel erschien in Heft 237 des libertären Magazins „eigentümlich frei“ und ist als Podcast hier abzurufen: https://youtu.be/O-LZeOxE4MI?si=W-k00nUXB0h_Ps9M]

Sven von Storch

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