Roland Jahn- ein Rebell als Behördenchef

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Vom Volksmund wurde die Stasiunterlagenbehörde Gauck-Behörde getauft. Von Gaucks Nachfolgerin Birthler weiß man nur, dass sie alle Kraft darauf konzentrierte, dass die Behörde „Birthler- Behörde“ genannt werden sollte. Der Name hat sich außer bei politisch-korrekten Journalisten nicht durchgesetzt. Eine „Jahn- Behörde“ wird es nicht geben. Dafür ist der neue Amtsinhaber zu bescheiden.
Er konzentrierte von Anfang an seine Kraft darauf, die Fehler seiner Vorgänger zu korrigieren, vor allem den, dass ehemalige Stasioffiziere beschäftigt, später sogar verbeamtet wurden. Für die Verbände der ehemaligen politischen Häftlinge der DDR war das immer ein Skandal, gegen den sie in der Vergangenheit vergeblich Sturm gelaufen sind. Roland Jahn schaffte als Neuling in wenigen Wochen, was vorher nicht mal versucht worden war: dafür zu sorgen, dass niemals mehr ein ehemaliger politisch Verfolgter der DDR beim Empfang der Stasiunterlagenbehörde sein Anliegen einem ehemaligen Stasioffizier vortragen muss. Damit hat er gleich zu Beginn seiner Amtszeit gegen heftigsten Widerstand aus der Politik und in den Medien die richtigen Entscheidungen getroffen. Jahn war es auch, der dafür sorgte, dass der Wunderscanner des Fraunhoferinstitutes, mit dem die zerrissenen Stasiakten in absehbarer Zeit wieder zusammengesetzt werden können, endlich zum Einsatz kommt. Seine Vorgängerin Birthler hatte kein Interesse daran gezeigt, obwohl in den zerrissenen Akten brisante Entdeckungen zu vermuten sind.
Dank Jahn wird die Erforschung der Stasiaktivitäten im Westen vorankommen. Birthler hatte den Mitarbeiter, der publiziert hatte, dass der Mörder des Studenten Benno Ohnesorg, Kurras, auf der Stasiinformantenliste stand, maßregeln lassen. Seit Jahn da ist, atmen die Forscher der Stasiunterlagenbehörde auf. Es herrscht endlich ein Klima der Meinungs-, und Forschungsfreiheit.
Eine ähnlich konstruktive Rolle spielte Jahn für die Opposition, genannt „Unabhängige Friedens-, und Umweltbewegung“ der DDR. Nach seiner gewaltsamen Abschiebung aus in den Westen, Jahn wurde gefesselt in einen Interzonenzug gesetzt, war er bald der „Pressesprecher“der DDR-Opposition. Ohne seine unermüdliche Medienarbeit wäre die Opposition nie so wirkungsvoll geworden. Jahn sorgte dafür, dass die meisten wichtigen Aktionen am Abend von den DDR-Bürgern am Bildschirm verfolgt werden konnten. Er war es, der Handkameras besorgte, heimlich zwei Kameramänner in der DDR ausbilden ließ, die dann die einzigen Bilder von den ersten Montagsdemonstrationen lieferten.
Das Buch von Gerhard Praschl, das kurz nach der Ernennung Jahns zum Chef der Stasiunterlagenbehörde erschien, zeichnet nicht nur sein sehr bewegtes Leben nach. Es gibt auch Einblicke in die viel zu wenig bekannte Geschichte des Widerstandes in der DDR. Mehr als zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des Arbeiter-, und Bauernstaates ist immer noch nicht klar, dass die Herbstrevolution 1989 keineswegs aus dem Nichts kam, sondern durch jahrelange Arbeit von etwa 300 Oppositionsgruppen im ganzen Land begünstigt wurde.
Praschl findet es bezeichnend, dass Jahn in Jena, einer der Hochburgen des 17. Juni- Rebellion geboren wurde. Kurz nachdem der Arbeiter Alfred Diener wegen seiner Beteiligung am Aufstand erschossen wird, kommt Roland Jahn auf die Welt. Es ist, als hätte er das Rebellengen bei der Geburt eingefangen. Jahn Versuche, ein angepasstes Leben zu führen, scheitern schon sehr bald. Schon in jungen Jahren wird er zum Anführer der Jenaer Studentenopposition. Für die Stasi ist Jahn bald so unbequem, dass sie sich, nachdem eine Inhaftierung den jungen Mann nicht dazu bringen konnte, einen Ausreiseantrag zu stellen, zu der oben beschriebenen drastischen Abschiebung entschloss. Im Westen wurde Jahn nicht nur von der Stasi beobachtet, sondern war Ziel zahlreicher „Zersetzungsmaßnahmen“, die ihn zeitweilig erfolgreich von seiner Familie und vielen Freunden entfremdeten. Damit nicht genug. Auch Jahns Eltern wurden gemaßregelt. Es ist ein weiteres Verdienst von Praschls Buch, dass er die Zersetzungsmaßnahmen der Staatssicherheit, deren Planungen in manchen Fällen bis zum Mord gingen, anschaulich beschreibt. Bei der Lektüre fragt man sich unwillkürlich, warum diese Pläne, obwohl sie seit der Stasiaktenöffnung offen liegen, so wenig Beachtung in den Medien und in der Öffentlichkeit finden.
Insgesamt zeichnet das Buch das Porträt eines Menschen, der seine Aufgaben und sein Engagement immer wichtiger genommen hat, als sich selbst. Das macht Roland Jahn so sympathisch, das hebt ihn wohltuend von den Celebreties ab, die uns sonst in den Medien offeriert werden.
Mehr Jahns braucht das Land!

achgut.com

PS: Am Mittwoch Abend um 19.00 Uhr stellt Gerald Praschl sein Buch ”Roland Jahn -Ein Rebell als Behördenchef” in Der Buchhandlung 89, Grünberger Straße in Berlin-Friedrichshain vor. Ich moderiere!

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