Spannungen zwischen englischer Fußballauswahl und Fans nehmen zu
Spannungen zwischen englischer Fußballauswahl und Fans nehmen zu
Datum: 08.06.2021 - 10:31 Uhr
Hinsichtlich ihrer Fußballnationalmannschaft gibt es wohl kaum Fans auf der Welt, die so emotional mitfiebern und vor allem mitleiden wie die der »Three Lions«, also der englischen Auswahl. Und das, obwohl die Zahl der Titel relativ überschaubar ist: 1966 gewann man im eigenen Land aufgrund einer gravierenden Fehlentscheidung des sowjetischen Linienrichters (er erkannte auf Tor für England, obwohl der Ball die Linie nicht in vollem Umfang überschritten hatte) die Weltmeisterschaft gegen Deutschland. Das war aber auch bisher der einzige Titel. Dennoch reisen die Fans ihrer Mannschaft überall um den Globus nach und feuern sie frenetisch an. Nichts, kein noch so dünnes Stück Papier, brächte man zwischen die Spieler und die Fans.
Es sei denn, der Verband und die Spieler fangen an zu politisieren und lassen sich für Propagandazwecke missbrauchen. Da sind die Engländer in ihrer Ansicht ganz klar: wer Politik machen will, gehört in die Politik; die Aufgabe von Sportlern ist die, ihren Sport auszuüben. Selbstverständlich möglichst erfolgreich. Wenn es dann um die Fußballnationalmannschaft geht, dann bitte noch dazu mit den englischen Tugenden: Kampf und Einsatz bis zur Selbstaufgabe für das »Mutterland des Fußballs« (so die englische Selbstwahrnehmung).
Englische Fußballer haben nicht zu politisieren, das ist ein ungeschriebenes Gesetz im Land. Englische Nationalspieler schon gleich gar nicht. Als die Unsitte Einzug gehalten hatte, vor Spielen auf die Knie zu fallen - der BLM-Kniefall - explodierten die Fußball-Foren im ganzen Land. Das sei eine Schmach, eine Schande. In den Stadien konnten die Fans ihrem Unmut nicht kundtun, auch in England waren die Stadien für Zuschauer gesperrt. Doch jetzt, wo wieder Fans zugelassen sind, sind die Pfiffe und Buh-Rufe der englischen Zuschauer beim BLM-Kniefall unüberhörbar. Sie wollen nicht, dass ihre Spieler sich politisch instrumentalisieren lassen.
Die negativen Reaktionen der Fans finden Unterstützung bei konservativen englischen Politikern. So sagt das Unterhausmitglied der Torys Dudley Marco Longhi, die Fans wollen Fußball sehen ohne »mit einer den Marxismus unterstützenden Agenda belästigt zu werden, die von überbezahlten Primadonnas auf dem Rasen zelebriert wird.«
Lee Anderson, ebenfalls Unterhausmitglied der Torys, rät sogar zu einem Boykott der Länderspiele. Er selbst habe erstmals in seinem Leben darauf verzichtet, ein Spiel seiner geliebten Three Lions anzusehen, weil die »eine kriminelle politische Bewegung unterstützen, deren Ziele nicht mit seinen Prinzipien im Einklang stehen.« Sollte diese Unsitte nicht sofort wieder abgeschafft werden, so Anderson, werde er auch die Spiele der englischen Mannschaft bei der in Kürze beginnenden Europameisterschaft boykottieren.
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