Qualitätsmedien mit erheblichen Recherchedefiziten

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Qualitätsmedien mit erheblichen Recherchedefiziten
Datum: 02.12.2016 - 07:45 Uhr

Ein Straßenbahnfahrer der Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) hatte ein 14-jähriges Mädchen von der Beförderung in seinem Wagen ausgeschlossen. Der Teenager hatte den daraufhin den Fahrer angezeigt und diesem unterstellt, dass er sie nicht mitgenommen habe, weil sie ein Kopftuch trug. Zahlreiche »Qualitätsmedien« bekamen Wind von der Sache und witterten einen Skandal. 

Die »Märkische Allgemeine« titelte: Mädchen mit Kopftuch fliegt aus Tram und keiner hilft

Der »Focus« ist ganz sicher: 14-Jährige wird wegen Kopftuch aus Trambahn geworfen

Und auch der »Spiegel« reiht sich ein: Straßenbahnfahrer drängt Mädchen mit Kopftuch angeblich zum Aussteigen

Alle Meldungen bezogen sich auf die Nachricht des »Tagesspiegel«: Tram-Fahrer soll 14-Jährige wegen Kopftuch rausgeworfen haben

Sofort ist die Rede von Fremdenfeindlichkeit, diskriminierenden Aussagen, von Diskriminierung. Ein Qualitätsmedium setzt eine nicht ausreichend recherchierte Meldung mit einer möglichst reißerischen Überschrift in die Welt und alle anderen Qualitätsmedien übernehmen diese Meldung unreflektiert. Hauptsache, man kann eine Mischung aus den Themen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Diskriminierung miteinander verweben und ein potenzielles Opfer aus den Reihen der »Flüchtlingen« konstruieren. So macht man auf sich aufmerksam. Spektakulär muss es sein: da ist die Wahrheit und die Genauigkeit bei der Recherche nicht so wichtig....

Richtig blöd wird es für diese Qualitätsmedien dann, wenn sich ihr Geschreibsel als falsch herausstellt oder erhebliche Lücken aufweist. So wie es, wieder einmal, der Fall ist.

Ja, das Mädchen wurde von der Beförderung ausgeschlossen. Und ja, sie trug ein Kopftuch. Entscheidend für die Negierung der Mitnahme war aber, dass sie mit einem Döner in der Hand die Bahn betreten hatte. Der Verzehr von Speisen in Bahnen und Bussen der BVG ist jedoch untersagt. Das wird durch große Symbole an den Türen auch angezeigt. Weil das Mädchen dennoch die Bahn betreten hatte, wurde sie vom Fahrer zum Aussteigen aufgefordert.

Es ist wenig verwunderlich, dass ihr niemand geholfen hat. Denn bei diesen Außentemperaturen werden die Straßenbahnen geheizt. Der einem Döner eigene Geruch ist sicher nicht das, was jeder Fahrgast in einem geschlossenen, gut temperierten Straßenbahnwagen als angenehm erachtet. 

Was bleibt sind zwei Fakten:
- der Fahrer hat alles richtig gemacht
- die »Lückenpresse« ist einmal mehr ihrem schlechten Ruf gerecht geworden

Sven von Storch

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