Neues aus der Pipeline

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Neues aus der Pipeline
Datum: 28.09.2022 - 09:33 Uhr

Bei Bornholm zerbirst gestern gegen 3Uhr nachts plötzlich Nordstream II. Klimaschädliches Methan bahnt sich in erheblichen Mengen seinen Weg an die Meeresoberfläche. Seismographen zeigen signifikante Ausschläge. Eindeutig eine enorme Explosion. Auswirkungen hätte das keine, wird umgehend bekannt gegeben, schließlich flösse derzeit kein Gas, Methan wäre wasserlöslich und eine großzügige Sperrzone für den Seeverkehr (und allzu Neugierige?) bereits eingerichtet. Eine Seite-3-Meldung bisher. Eine der üblichen kindgerechten Betrachtungen öffentlich rechtlicher Befehlsempfänger.

Die zurückhaltende Reaktion der Qualitätsmedien fällt auch sonst auf. Zwar wird in den wenigen lapidaren Kommentaren gar nicht erst der Versuch unternommen, einen koordinierten Sabotageakt anzuzweifeln, aber über dessen Hintergründe und die Folgen werden kaum Betrachtungen angestellt. Das wird der Dimension dieses Terroraktes alles andere als gerecht. Schließlich sprechen wir hier nicht mehr von der kriegsbedingten Nichtnutzung von Versorgungsleitungen sondern von der Zerstörung der Hauptschlagadern für Deutschland, von dem wiederum das Schicksal ganz Europas als global bedeutsamer Wirtschaftsstandort abhängt. Warum also geht die Meldung fast unter?

Die Tatsache, dass hier gleich drei der für Deutschland bedeutendsten Pipelines binnen 24h zerstört werden, spricht nicht dafür, dass sich die Akteure lange mit dem Legen falscher Spuren beschäftigt hätten. Es sieht eher so aus, als ob hier ein unmissverständliches Zeichen gesetzt werden soll. Die wichtigsten Brücken zwischen Russlands Rohstofflagerstätten und den Produktionsstätten des bisherigen Exportweltmeisters wurden vor aller Augen gesprengt. Das klingt eher nach dem soeben von Baerbock verkündetem „Beine wegschlagen“. Von Trampo-Lenchen ist selbstverständlich nicht zu erwarten, dass sie die gemeinte Blutgrätsche gegen Putins Standbein von der Amputation der eigenen Unterschenkel unterscheiden kann. Dazu müsste man erkennen, dass die Reparaturen zumindest an der Ostseeröhre enorm aufwändig werden dürften, dass sich solche Lecks künftig jederzeit mit überschaubarem Aufwand „erneuern“ lassen, und daher wenig Ambitionen zur Wiederherstellung aufkommen werden. Die zu Ende gedachte Botschaft ist also klar: Hier wird, auch im Fall einer eventuellen Friedenslösung im Ukrainekrieg, kein russisches Gas mehr fließen! Ein Zurück zum Status Quo einer führenden Industrienation ist für Deutschland ab jetzt nicht nur moralisch sondern auch physikalisch ausgeschlossen!

Die unmodern gewordene Frage nach den Nutznießern drängt sich auf. „Wir planen eine Pipeline in die Luft zu jagen!“ hatte Luisa Neubauer im Juni in Kopenhagen verlauten lassen. Es erscheint dennoch unwahrscheinlich, dass die Terrorazubis der FFF- oder Extinction Rebellion-Bewegung schon in der Lage wären, eine solche Kommandoaktion zeitgleich in zwei Hoheitsgebieten im 100m tiefen und 8°C kalten Ostseewasser durchzuführen.

Auch das gelegentlich beobachtete Auftauchen Putinscher Atom-U-Boote in der Ostsee dürfte nicht die richtigen Verdachtsmomente liefern. Russland würde wohl kaum sein Pokerblatt dezimieren, ist doch die verbleibende Möglichkeit zum tagesaktuellen Auf- und Zudrehen der Daumenschrauben besser als nichts.

Bleiben noch die stets rohstoffaffinen Geostrategen in den Gedankenpanzern hinterm Atlantik. Schon vor der Fertigstellung wurde Deutschland vom "großen Bruder" mit unmissverständlichen mündlichen und schriftlichen Drohungen vor einer Inbetriebnahme von Nordstream II gewarnt. Nachdem Putin das amerikanische Fracking-Sausen nun mit seinem Überfall bestätigt zu haben scheint, war kaum ein besserer Zeitpunkt denkbar, als genau jetzt die ungeliebte, aber doch noch verbleibende Option einer Wiederannäherung Russlands an Europa faktisch vom Tisch zu wischen. Zeigt sich doch in der Nachkriegsgeschichte unabhängig von der erneuerbaren Konkurrenz, dass die Vormachtstellung in der Welt noch immer auf fossilen und atomaren Brennstoffen gründet. Bedarf ist immer, gelegentlich kann man ihn auch befeuern, worauf es letztlich immer ankommt sind…das Angebot, der Preis und der verbleibende Anbieter.

Sven von Storch

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