Mythos Marx

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Mythos Marx
Datum: 25.03.2022 - 12:03 Uhr

Überhaupt wird Marx nach wie vor viel Anerkennung und Bewunderung entgegengebracht, was erwartungsgemäß vor allem im Jahre 2018 anlässlich seines 200. Geburtstages zu beobachten war, als in einigen Blättern der deutschsprachigen Publizistik wahre Lobeshymnen auf den Rauschebart angestimmt wurden. Man denke nur an den seinerzeitigen Feuilleton-Chef der Neuen Zürcher Zeitung, der den Begründer des Kommunismus mit einem enkomiastischen Kommentar („Zum 200. Geburtstag: Ein Lob auf Marx“; 4. Mai 2018) ehrte und selbigen gar mit dem Ausruf „Lang lebe Marx“ ausklingen ließ.

In Anbetracht der Tatsache, dass der am 5. Mai 1818 in Trier geborene Karl Marx nachweislich kein Humanist war, sondern ein selbstherrlicher und skrupelloser, den „Menschenkehricht“ zutiefst verachtender Gesellschaftstheoretiker, mutet das Persistieren des Menschenfreund-Images doch höchst sonderbar, ja verstörend an.

Karl Marx war zeitlebens Antisemit, obschon er selbst sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits jüdischer Abstammung war (allerdings konvertierten die Eltern später zum evangelischen Glauben). Das Judentum und die Juden charakterisiert er in einer seiner Schriften wie folgt: „Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher. Welches ist sein wirklicher Gott? Das Geld. Nun wohl! Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Judentum wäre die Selbstemanzipation unserer Zeit … Wir erkennen also im Judentum ein allgemeines gegenwärtiges antisoziales Element (…) Die Judenemanzipation in ihrer letzten Bedeutung ist die Emanzipation der Menschheit vom Judentum“ (zitiert nach: Konrad Löw, Der Mythos Marx und seine Macher. Wie aus Geschichten Geschichte wird, München, 2001, S. 452).

Marx war jedoch nicht nur Antisemit, er war auch Rassist, wobei sein Hass auf die slawischen Völker besonders stark ausgeprägt war; zudem war er ein Verteidiger der Sklaverei, der all jenen, die sich während des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861–1865) gegen die Sklaverei aussprachen, „Sklavenemanzipationsheulereien“ vorwarf (ebd., S. 203); ohnehin hatte er für unverletzliche und unveräußerliche Menschenrechte nur Spott und Hohn übrig. Schließlich ist auch daran zu erinnern, dass der vorgebliche Humanist Marx die Ausführung terroristischer Akte befürwortete; so war er davon überzeugt, „dass es nur ein Mittel gibt, die mörderischen Todeswehen der alten Gesellschaft, die blutigen Geburtswehen der neuen Gesellschaft abzukürzen, zu vereinfachen, zu konzentrieren, nur ein Mittel – den revolutionären Terrorismus“ (Marx Engels Werke, Band 5).

Das durchaus verbreitete beharrliche Festhalten am Bild vom Humanisten Marx ist auch deshalb so überaus erstaunlich und völlig unverständlich, weil die Belege für dessen Anti-Humanismus keineswegs mühsam aus eher marginalen Texten zusammengeklaubt werden müssten. Ganz im Gegenteil, schon ein Blick ins Kommunistische Manifest genügt. Dabei zeigt sich, dass Marx mitnichten, von Solidarität und Mitleid erfüllt, die unterdrückten unteren Klassen umarmt hat, vielmehr interessierte er sich ausschließlich für „die modernen Arbeiter, die Proletarier“, während er die Ärmsten der Armen, das „Lumpenproletariat, diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft“ verachtete, da dieses „bereitwilliger sein [wird], sich zu reaktionären Umtrieben erkaufen zu lassen“. Vor allem aber waren ihm die „Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer“ verhasst, weil diese die Bourgeoisie nur deshalb bekämpfen, „um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu sichern“. Daher sind diese Bevölkerungsteile in seinen Augen „nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen“ (Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Hamburg, 2020, S. 52, 58).

Der Marxismus postuliert: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“ (ebd., S. 42). Wenn wir einmal davon ausgehen, dass dies stimmt, dann stellt sich – wie der österreichische Kulturphilosoph Egon Friedell bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts hervorhob – unweigerlich die Frage, wieso diese historische Konstante mit dem Kampf der Proletarier gegen die Bourgeoisie sozusagen über Nacht ein für alle Male von der Weltbühne verschwinden sollte. Die Antwort der Marxisten lautet bekanntlich: Weil dies der letzte Klassenkampf ist und nach dem Sieg des Proletariats der Kollektivismus alle Klassengegensätze auflösen wird, denn schließlich gibt es ja dann nur noch eine Klasse: die der Proletarier. Die unwiderlegbare Tatsache, dass die Menschen nicht alle gleich sind, sondern sich im Hinblick auf ihre Fähigkeiten, ihre Intelligenz, ihren Charakter, ihre Sinneswahrnehmungen, ihre Träume, Wünsche und Ziele usw. sehr stark voneinander unterscheiden, wird von Marxisten zwar ideologisch-verbal negiert, aber durch ihr Handeln schließlich doch bestätigt, denn die Nicht-Proletarier müssen zwecks Gleichschaltung entweder ausgerottet oder durch gnadenlose Gewaltakte sozusagen zu Proletariern „zwangsentartet“ werden. Die Unterdrückung von oben wird durch eine Unterdrückung von unten, durch die Diktatur des Proletariats ersetzt. So sieht sie aus, die Synthese des Humanisten Marx.

Zum Bild vom Menschenfreund Marx will auch nicht so recht passen, dass er in einigen seiner (literarisch vollkommen wertlosen) Jugendgedichte sich von Gott abwendet und verkündet, sich an ihm rächen zu wollen. In dem dreibändigen Werk Wie der Teufel die Welt beherrscht, verfasst von einem Autorenteam aus chinesischen Historikern und Wissenschaftlern anderer Disziplinen, die sich seit vielen Jahren (außerhalb Chinas lebend) intensiv mit der kommunistischen Ideologie befassen, heißt es hierzu: „Weniger bekannt ist jedoch, dass Marxʼ Leben ein Prozess war, in dem er seine Seele dem Teufel verschrieb und zum Vertreter des Teufels in der Menschenwelt wurde […] Marxʼ Seele wandte sich dem Bösen zu. In seiner Wut auf Gott trat er dem Teufelskult bei“ (Wie der Teufel die Welt beherrscht, Band 1, Berlin, 3. Auflage 2020, S. 65, 67). In einem seiner Gedichte formulierte Marx es so: „Meine Seele, die einst Gott gehörte, / ist nun für die Hölle bestimmt“ (ebd., S. 66). Nein, nach Humanismus klingt das nicht.

Würde ein menschenfreundlich gesinnter Denker den eigenen Kindern eine Ausbildung und eine berufliche Laufbahn verweigern, wie es Marx in Bezug auf seine drei Töchter tat? Wohl eher nicht. Seinen Mitstreiter Friedrich Engels hat er über viele Jahre hinweg auf schamloseste Weise finanziell ausgenutzt. Kaltschnäuzig und skrupellos agierte Marx auch als „Wissenschaftler“, denn er arbeitete ausschließlich mit solchen Zahlen und Fakten, die mit seiner Kapitalismus-Theorie kompatibel waren. Gab die aktuelle Datenlage das Erwünschte nicht her, dann rekurrierte er ganz ungeniert auf alte, längst überholte Berichte. Soweit wir wissen hat Marx in seinem Leben kein einziges Mal eine Fabrik, eine Mine oder einen anderen industriellen Arbeitsplatz aufgesucht; die realen Arbeitsbedingungen in den Fabriken interessierten ihn nicht wirklich, die Werktätigen waren für ihn nichts weiter als Bausteine, die er zur Errichtung seines ideologischen Gebäudes und für seine revolutionären Ambitionen brauchte beziehungsweise missbrauchte.

Wie kann es sein, dass der „Marx-war-Humanist“-Mythos trotz einer wahren Flut an unwiderlegbaren Gegenbeweisen bis in unsere Tage fortbesteht? Nun, die Antwort ist ebenso einfach wie naheliegend: Ist der Zeitgeist links, dann gilt der Vordenker des Kommunismus selbstredend als Lichtgestalt. Das politische und soziale Gefüge Deutschlands wird seit vielen Jahren maßgeblich von Linken geprägt, wobei vor allem deren Dominanz in den Medien und den Ausbildungsstätten (Schulen und Universitäten) zu Buche schlägt, in denen besagter Mythos mal mehr mal weniger subtil am Leben erhalten beziehungsweise propagiert wird. Aus der Kognitionspsychologie wissen wir: Je häufiger Menschen eine bestimmte Meinung zu hören bekommen, desto stärker steigt der gefühlte Wahrheitsgehalt. Daher läuft eine seit langer Zeit herrschende opinio communis kaum einmal Gefahr, von größeren Bevölkerungsteilen mit Skepsis betrachtet oder gar revidiert zu werden.

In seiner Geburtsstadt Trier tritt einem die Verehrung von Marx inzwischen auch im Stadtbild überdeutlich entgegen, denn hier wurde dem Rassisten, Antisemiten und Terrorbefürworter im Jahre 2018 ein kolossales Denkmal errichtet, bei dem es sich um ein Geschenk der Volksrepublik China handelt. Auf die vielen Millionen Menschen, die in Europa, Asien, Afrika und Südamerika von Marxʼ Testamentsvollstreckern gefoltert und getötet wurden, wurde dabei freilich keine Rücksicht genommen. Aber wie sollte dies den Linken auch in den Sinn kommen, da sie doch nach wie vor darauf beharren, dass die betreffenden Despoten ja nicht dem „wahren“ Marxismus, sondern irgendwelchen Irrwegen gefolgt sind. Doch dieser wohlfeilen Argumentation hat der polnische Philosoph Leszek Kolakowski schon vor geraumer Zeit, Mitte der 1980er Jahre, den Garaus gemacht: „Viele Neomarxisten behaupten natürlich, dass diese Regime mit dem „echten“ Marxismus, mit seinen Diagnosen und Prognosen, nichts zu tun hätten. Man muss allerdings nur fragen: Wie konnte es dann geschehen, dass so viele Menschen im 19. Jahrhundert (besonders die Anarchisten) lange Zeit vor der Russischen Revolution ziemlich genau den auf marxistischen Ideen fundierten Sozialismus als eine Staatssklaverei zu beschreiben wussten? Welche Hellseherei ermöglichte es denn, die Unterdrückung der Klassen, die Ausbeutung und den Polizeistaat als Resultat der marxistischen Theorie vorauszusagen?“ (zitiert nach: Konrad Löw, Der Mythos Marx und seine Macher. Wie aus Geschichten Geschichte wird, München, 2001, S. 350 f.).

Dr. phil. habil. Stefan Barme wurde 1966 in Trier geboren; Promotion und Habilitation in Romanischer Sprachwissenschaft an den Universitäten Mainz und Trier (zudem: Diplom-Übersetzer); mehrjährige Tätigkeit als Dozent an verschiedenen deutschen Hochschulen; einjährige Gastprofessur an der Universität Wien; längere Auslandsaufenthalte (u.a. in Portugal, Brasilien und Russland); seit 2013 freiberuflicher Übersetzer und Autor; mehrere Buchpublikationen sowie Veröffentlichungen in zahlreichen Zeitschriften und Online-Medien (u.a. in: The European, Junge Freiheit, Tumult, Rubikon, Journalistenwatch, eigentümlich frei, Compact-Magazin).

Der Text "Mythos Marx" ist Bestandteil seines Essay-Bandes mit dem Titel: "Gipfel und Abgrund: Essays, Betrachtungen, Notate", der in der zweiten Hälfte dieses Jahres im Gerhard Hess Verlag erscheinen soll.

Sven von Storch

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